Gruselgrotte der blutdurstigen Würste

Wie ich einen nachrichtenlastigen Radiosender verbessern würde

Wäre ich der Programmchef eines solchen Senders, würde ich …

… zuallererst befehlen, die Muzak zwischen den Beiträgen zu variieren. Und auch die Wiederholfrequenz der Nachrichtensendungen würde ich vermindern.
Denn beides stört mich bereits über drei Jahre Saisonarbeitsweg hinweg und geht mir langsam echt auf den Senkel. Unmöglich, während einer Dreiviertelstunde Autofahrt nicht angekotzt zu sein von den immer gleichen Nachrichten.

Die naheliegende Alternative ist keine: Umschalten. Da bekommt man es nämlich mit funny Moderatorenteams und/oder in Stein gemeißelten Playlists zu tun. (Gepriesen sei der autoradiointerne MP3-Player!)

… niemals wieder auf Pressemeldungen der ZEITUNG und ihrer Verwandtschaft zurückgreifen.
So ganz glaubwürdig sind die nämlich bekanntlich nicht. Vor allem, wenn am Samstag vormittag die ZamS zitiert wird, würde mir das als Hörer seltsam vorkommen: Entstammt die Meldung etwa einem unüberprüfbaren Promo-Infohappen?

… erst recht keine Artikel mehr zitieren, die sich selbst wiederum nur auf Beiträge anderer Medien beziehen.
Warum sich auf die Kopie verlassen, wenn das Original nur einen (kostenpflichtigen) Mausklick entfernt liegt?

… die für Sport (bzw. Dopingskandale) reservierten Sendeminuten zusammenstreichen.
Und sei es bloß, weil ich nicht raffe, warum es für viele ein Riesenschock zu sein scheint, dass Menschen, die täglich 300 Kilometer Rennrad fahren, nicht nur gut trainiert sind. Außerdem würde ich auf Sportler-O-Töne verzichten. Es sei denn, sie sind intelligent oder tiefgründig.

Plan B, falls diese Entscheidung zu viel Quote kosten würde: Ich würde darauf achten, dass Sport- und ähnliche Unmeldungen nicht den gleichen Umfang haben wie wirklich Wichtiges. Ein unterirdischer Atomtest im Ostharz? Newsworthy! Die Bundeswehr im Inneren? Ebenfalls. Muskelaufbaupräparate in der Zahnpasta eines Gewichthebers? LOLSTIKA!!!, aber kaum eine Kurzmeldung wert.

… nur Nachrichtensprecher engagieren, die Worte so betonen, wie es der Großteil der Bevölkerung als normal empfindet.
Und nicht so, wie es Stephen Hawkings Sprachcomputer täte. Oder anders: Ich würde die Behindertenquote meines Senders außerhalb des Senderaums erfüllen. (Disclaimer hier: Ja, auch ich habe eine Stummfilmstimme. Und laut Comedygesetz dürfen sich Freaks über Ihresgleichen lustig machen.)

Und auch mit noch einem Hintergedanken würde darauf bestehen, eingespielte Interviewfetzen auf Sendetauglichkeit zu überprüfen: Sie müssen verständlich sein hinsichtlich ihres Klangumfangs. Der intelligenteste und tiefgründigste Monolog ist Sendezeitverschwendung, wenn die Aufnahme nicht autoradiotauglich ist; wenn sie z. B. dumpf murmelnd im Abrollgeräusch der Reifen untergeht. Oder, wenn einer/-m Interwiewten bei jedem Wort Spuckeblasen im Mund zerplatzen und die Hörer würgend den Ton abdrehen.

… meine für die TV-Tipps zuständige Redaktion dazu verpflichten, keine Handlungen mehr zu spoilern und keine nichtssagenden Klangbeispiele mehr einzustreuen.
Oder ist es so schwer, Dominik Grafs Der Felsen zu loben, ohne seine Erzählstruktur zu offenbaren? – So gesehen sollten TV-Tipps nur aus Sendezeit, Sender, Titel und Produktionsjahr bestehen. Von Tipps erwarte ich schließlich eh, dass sie die Glanzlichter des Fernsehabends sind und nicht der Absud.

Apropos Worthülsen:
Als Programmchef eines solchen Senders würde ich ein Phrasenschwein einführen, um Redakteuren das Leben schwer zu machen, die ihre Meldungen mit Füllwörtern aufblasen.
Wieso ist beispielsweise stets von der »radikalislami(sti)schen Hamas« die Rede, statt nur von der Hamas? Warum muss immer wieder aufs Neue Erwähnung finden, dass eine Fliegerbombe »aus dem Zweiten Weltkrieg« stammt?

Und noch etwas: Politische Verhandlungen sind keine Olympiade. Da wird im Idealfall verhandelt bzw. diskutiert. Also weder um Lösungen gerungen noch Tau gezogen.

So, das wär’s im Groben.

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» Presseschau «
(26. June 2007, 13:06) - 3 Reaktionen

3 Reaktionen » » »

Comment by Christian

Ich stimme dir absolut zu. Bis auf das Tauziehen, was ich als Metapher durchgehen lassen würde. Auch wenn die Benutzung von Metaphern in Nachrichten eventuell etwas deplaziert ist.

Posted on June 26, 2007 at 26. June 2007, 13:17

Comment by henteaser

Ach ja, ich vergaß zu erwähnen, dass in jedem Bericht zu jeder Debatte jedweder Art fröhlich drauflosmetaphert wird. Leider (für den Hörer, der selbst schreibt und dem das deshalb auffällt) verwenden die Redakteure stets die gleichen Bilder und hinterfragen deren Sinn nicht.

George Orwell meinte dazu*:

» A newly invented metaphor assists thought by evoking a visual image, while on the other hand a metaphor which is technically ‘dead’ (e. g. iron resolution) has in effect reverted to being an ordinary word and can generally be used without loss of vividness. But in between these two classes there is a huge dump of worn-out metaphors which have lost all evocative power and are merely used because they save people the trouble of inventing phrases for themselves.

[…]

Some metaphors now current have been twisted out of their original meaning without those who use them even being aware of the fact. For example, toe the line is sometimes written as tow the line. Another example is the hammer and the anvil, now always used with the implication that the anvil gets the worst of it. In real life it is always the anvil that breaks the hammer, never the other way about: a writer who stopped to think what he was saying would avoid perverting the original phrase.«

*(Orwell, 1946: "Politics and the English Language")

Posted on June 26, 2007 at 26. June 2007, 13:33

Comment by Björn

Muskelaufbaupräparate in der Zahnpasta eines Gewichthebers? LOLSTIKA!!!, aber kaum eine Kurzmeldung wert.

Richtig! Das klaut nur wertvolle Sendezeit, die wir sinnvoller mit Reportagen über Paris Hilton füllen könnten.

Posted on June 27, 2007 at 27. June 2007, 8:12

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Kommentare?

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»Kommentare gebe ich erst frei, nachdem ich sie mir durchgelesen habe. Das ist zwar sowas von uncool und altbacken, aber schont meine Nerven.«