Gruselgrotte der blutdurstigen Würste

Wann ist ein Staatsfeind ein Staatsfeind?

Am 9. März 2006 standen auf Seite Drei der Sächsischen Zeitung gleich zwei Artikel, die beweisen, dass es oft unmöglich ist, Gut und Böse zu unterscheiden.

Der größere ist überschrieben mit "Lieber sterben als nachgeben" und erzählt vom fünfundzwanzig Jahre zurückliegenden Terrorakt Josef Kneifels:

"Heute oder nie", sagt sich der 38-jährige am Nachmittag des 9. März 1980 und rüstet sich für eine der ungewöhnlichsten Straftaten der Chemnitzer Geschichte. […] Er wuchtet eine Gasdruckflasche in [seinen Trabant-Kombi] und packt einen alten Wecker dazu. […] Sein Ziel ist der sowjetische Traditionspanzer T34 mit der Nummer 195 – für ihn das "Symbol des Stalin-Imperiums". Der Einmarsch der Sowjetarmee in Afganistan kurze Zeit zuvor ist der Auslöser. Nun will er den Panzer vom Betonsockel sprengen.

Kurz vor halb zehn liegt er mit seiner Elf-Kilo-Bombe unter der Panzerwanne […] Kweifel platziert den Sprengsatz, stellt den Zeitzünder ein. Er hat nur wenige Minuten Zeit, um zu verschwinden. Am Trabi hört er den dumpfen Knall. In der Frankenbergerstraße 30/32 warten die Leute vorm Fernseher aufs Ende des "Polizeirufs 110", da bersten plötzlich Fensterscheiben, getroffen von Splittern und dem Druck. Wie durch ein Wunder wird niemand verletzt.

Später wird er verhaftet, tritt in Hungerstreik, wird ins Bautzener Gefängnis "Gelbes Elend" gesteckt. Durch die Behandlung dort verschlechtert sich sein Zustand dramatisch; 1987 wird er dank seiner Familie und der Kirche in den Westen ‘entlassen’.

Die Rehabilitierung wird ihm bis heute verwehrt, "weil ich wohl doch Menschen in Gefahr gebracht habe", gibt er zu. Mit einer kleinen Rente lebt er nach wie vor unangepasst, engagiert sich im Nürnberger Friedenskreis ebenso wie in einer rechten Gefangenenhilfsorganisation. Er sei kein Neonazi, aber ein Gerechtigkeitsfanatiker, sagt er, will darüber aber nicht reden.

Was soll man nun von diesem Mann halten? Ihn als Terrorist verurteilen?

A: Auf jeden Fall! Wie unnötig und blödsinnig war denn diese Tat?

B: Auf keinen Fall! Die DDR war ein Unrechtsstaat und Kneifel aus diesem Grund ein Freiheitskämpfer.

Ob du wirklich richtig stehst, siehst du … vermutlich nie.

Der zweite Artikel heißt "Gestern blau und heute grau" und sein Anlass ist das 60ste Gründungsjubiläum der DDR-Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend:

Freundschaft! Der geübte Gruß kommt noch voller Inbrunst, mag auch mancher ehemalige Jugendfreund in die Jahre gekommen sein. […] Schon am Eingang [der ehemaligen Robotron-Gaststätte] wehen rote und blaue Fahnen, auf einem der neuen FDJ-Plakate steht "Wir sind noch da". Was einige junge Menschen in Blauhemden mit aufgehender Sonne am Arm dokumentieren.

[…]

Gekommen sind auch einige junge Leute von der noch immer existierenden FDJ, die zwar die DDR kaum noch bewusst erlebt haben, dafür aber umso mehr von ihr schwärmen. Sie schwenken die FDJ-Fahne und verbreiten mit revolutionslüstern geschwellter Brust plakative Parolen: "Der Hauptfeind steht jetzt im eigenen Land." Eigentlich ist es verboten, die DDR-Jugendkluft zu tragen. Der nostalgische Nachwuchs tut’s dennoch, und – was sie vermutlich selbst ärgert – kaum einer schert sich drum.

[…]

"Wir haben nicht alles richtig gemacht", gibt auch NVA-Generaloberst a. D. Joachim Goldbach zu. Zum Beispiel, Antennen auf Dächern abzuknicken, um Westempfang zu verhindern. Aber im Großen und Ganzen war’s doch gut und richtig, hört man immer wieder. Und all die schönen Lieder. […] Das Mitsingen hat zwar schon mal besser geklappt. Aber beim "Bau auf, Bau auf", da sind alle lautstark dabei.

Ob’s wohl nach Kriegsende genau so lustig zuging beim Treffen der Hitlerjugendlichen und BDMädels?

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(14. March 2006, 18:54) - Comments Off

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