Gruselgrotte der blutdurstigen Würste

Viel größere Grausamkeit

Günther Beckstein meint in einem ZEITZuender-Interview:

Da, wo Straftaten passieren, ist eine Zunahme der Intensität zu spüren.

[…]

Es gibt in Videospielen und visuellen Medien heute eine viel größere Grausamkeit.

Auch Berichte über den Krieg im Kosovo, über Attentate im Nahen Osten und Computerspiele reduzieren Hemmschwellen.

Medien und gewaltverherrlichende Spiele sind da von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Aha. Wie auch immer das zusammenhängen soll.

Mein Lieblings-Gegenargument für eine solche Abhängigkeit sind Fragen wie: "Welches Killerspiel hat Torquemada durchgespielt, bevor ihm seine Einfälle kamen?"

Beckstein hat Recht. Aber nur von seinem Standpunkt aus. Und der ist nun mal, wie er selbst sagt, sein "ganz persönliches Anliegen". Leider haben er und seine Gleichgesinnten die Macht, solche verbohrten und unbewiesenen Schlüsse in die Köpfe der dumpfen Masse (ihrer Wähler) zu pflanzen.

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Den Juden und Hexen alles Unglück Deutschlands in die Schuhe zu schieben ist nicht mehr politisch korrekt (oder neumodisch) genug. Also knöpft man sich am besten Randgruppen vor, die heutzutage niemand ‘Normales’ leiden mag: Nämlich fortschrittliche Menschen und Drogensüchtige. Beide Gruppen leben unverstanden von ‘Outsidern’ wie Beckstein und bilden eine Subkultur mit eigenen (Spiel-)Regeln und Gesetzen.

Und sowas macht den Outsidern Angst. Weil sie eben nur die Extreme kennen. Nur Randerscheinungen und Sonderfälle. Weil sie auf veraltete Vorstellungen hereinfallen und gelernt haben, gegenteilige Meinungen und Fakten zu ignorieren.

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Aussagen dieser Gattung Mensch lesen sich dann so:

Dass solche Killerspiele die Hemmschwelle gegen Gewalt herabsetzen, ist für mich eindeutig, auch wenn wissenschaftliche Belege hierfür noch umstritten sind.

Es reicht nicht, solche Spiele nur mit Verleihverboten zu belegen. Die lassen sich ja billig reproduzieren und unter der Hand weitergeben.

Dann kauft es der 22-jährige und gibt es seinem 16-jährigen Bruder.

Und dann nimmt der 16-jährige Bruder das Jagdgewehr seines Vaters aus dem unverschlossenen Schrank und geht auf Menschenjagd. So in etwa muss man sich das vorstellen.

Darum wollen Beckstein und Co.

das verbieten, weil es eine abstumpfende und gewaltfördernde Wirkung hat.

Das? Das was? Das Killerspiel? Oder die Berichterstattung aus Krisengebieten? Oder Meldungen, dass Selbstmordattentäter gegen Soldaten ‘gewinnen’ können?

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Das nächste Argument ist noch verstiegener: Wenn er nämlich erdachte Gewalt mit auf eine Stufe stellt mit Kinderpornographie!

ZEITZuender:
Ein Großteil junger Menschen bezieht sich die Spiele ohnehin aus dem Netz.

Beckstein:
Das ist richtig, aber schauen Sie sich das Thema Kinderpornographie an. Auch hier ist heute das vorwiegende Medium das Internet und trotzdem greift das Verbot.Kinderpornographische Angebote werden wegen ihrer Strafbarkeit viel weniger genutzt, als wenn sie frei auf dem Markt verfügbar wären.

Erstens: Woher weiß er das? In welchem Land ist Kinderpornographie frei erhältlich?

Zweitens: Was gedenkt er gegen Gewaltmedien-Filesharing (on- oder offline) zu tun? Das Internet lahmlegen? Alle Postsendungen kontrollieren? Razzien in Schulen?

(Schlimm nur, dass es wohl auf genau diese Dinge herauslaufen wird: Alle sind connected. Nur nicht Deutschland. Wozu auch?)

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Nächstes Zitat:

Wir können das Herunterladen dieser Spiele nicht beseitigen, aber wir können es mit Risiken versehen.

Die Zahl der Jugendlichen, die an das Zeug herankommen, kann so deutlich herabgesetzt werden.

Die Zahl der Menschen, die deine Partei wiederwählen, aber hoffentlich ebenso.

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Becksteins Fazit zum Thema Mediengewalt:

Wir wollen nicht zu George Orwell. Das Internet ist eine wichtige Plattform, auf der sich Menschen austauschen. Es hat für die Freiheit der Welt riesige Bedeutung.

Wir müssen aber bestimmte Grenzen ziehen.

Die sehe ich zum Beispiel bei Kinderpornographie, Anleitungen zum Bombenbau oder bei Killerspielen.

Beim ersten Punkt stimme ich sogar zu. Doch schon der zweite ist albern.

Wenn nämlich Politiker in Talkrunden über schmutzige Bomben reden und gleichzeitig die Wirkungsweise erklären, ziehen sie weit mehr Aufmerksamkeit auf dieses Thema, als es jede Bauanleitung auf al-quaida.us (oder so) könnte.

Und, dass Beckstein hingegen Killerspiele im gleichen Atemzug nennt mit ernsten (bzw. ernsteren) Problemen der weltweiten Vernetzung, ist schlichtweg ein Armutszeugnis.

Gleichzeitig jedoch ein Beweis dafür, wie sicher das Leben in Deutschland bereits ist. Denn anderenfalls gäbe es (und zwar parteiübergreifend) weitaus dringendere Probleme zu lösen.

» hierzulandeKillerbeitrag «
(30. November 2005, 17:51) - 3 Reaktionen

3 Reaktionen

Comment by Björn

Du weisst ja, dass wir da generell die selbe Meinung haben, aber der Vergleich mit den Hexenverbrennungen und die Holocaustandeutung schiesst vielleicht doch ein wenig ueber’s Ziel hinaus, oder?

Egal. Die Aussage “Dass solche Killerspiele die Hemmschwelle gegen Gewalt herabsetzen, ist für mich eindeutig, auch wenn wissenschaftliche Belege hierfür noch umstritten sind“, erinnert mich an eine Satiresendung namens BrassEye. Da hat man Prominente blossgestellt, indem man sie dumme Statements fuer irgendwelche guten Zwecke hat aufsagen lassen. Und der beste Satz war wohl:

Genetically, paedophiles have more genes in common with crabs than they do with you and me. Now that is scientific fact. There’s no real “evidence” for it but it is scientific fact.

Daran erinnert mich die Diskussion durch die GroKos auch: Wir haben keine richtigen “Beweise”, aber die Verrohung durch Computerspiele ist ein wissenschaftlicher Fakt.

Abgesehen davon, mit dem vorauseilenden Gehorsam, den Microsoft, Yahoo!, Google und Konsorten in Laendern wie Saudi-Arabien oder China an den Tag legen, wo sie effektiv helfen das Internet zu zensieren oder sogar Journalisten an die Behoerden ausliefern (Glueckwunsch, Yahoo!), sehe ich es als ziemlich gesichert an, dass das Internet in Deutschland in der naeheren Zukunft reguliert, zensiert und abgeschottet wird. Da man einzelne Seiten nicht lahmlegen kann (tauchen woanders auf), wird dann wahrscheinlich einfach alles gefiltert, dass bestimmte Schlagwoerter enthaelt.

Und dank der Moeglichkeit Internetseiten auf den Index zu setzen, findet eine effektive Internetzensur ja ohnehin schon statt.

Zu “Dann kauft es der 22-jährige und gibt es seinem 16-jährigen Bruder“, betone ich nochmal, dass ich froh bin, dass dieses Problem nur Killerspiele betrifft, so ein Worst Case Scenario aber bei Alkohol und Zigaretten kategorisch ausgeschlossen werden kann. Gottlob.

Posted on December 1, 2005 at 1. December 2005, 15:41

Comment by Hen

“der Vergleich mit den Hexenverbrennungen und die Holocaustandeutung schiesst vielleicht doch ein wenig ueber’s Ziel hinaus” Ja, okay. Aber die sind immer wieder als Totschlagargument (Ausgerechnet!) gut…

Übrigens tut’s mir leid, dass ich erst jetzt reagiere. Ich muss mich noch an diesen WordPress-Kommentarfiltermoderationskrimms gewöhnen.

Posted on December 17, 2005 at 17. December 2005, 1:44

Comment by vird

zum Glück wurde beckstein nicht Bundesinnenminister und Schilly ist auch weg (

Posted on December 22, 2005 at 22. December 2005, 17:15

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