Gruselgrotte der blutdurstigen Würste

Umfragewerte

Gestern wurde ich auf der Prager Straße von einer Befragerin abgefangen, die genau mich suchte, weil ich ahnungslos genug aussah, um eine Kekswerbung unvoreingenommen zu beurteilen. Sie sagte, das Ganze dauert etwa eine Dreiviertelstunde und mein Lohn wären Sieben Euro fünfzig. Dufte Sache, das. Vor allem, weil ich gerade eben erst Sechs-Neunzig für ein Netzwerkkabel ausgegeben hatte.

Um Realitätsnähe zu simulieren, wurde mir der Spot selbst natürlich nicht einfach so vorgespielt, sondern von einem Programm abgerundet, dass aus einem Kurzfilm bestand, der von Werbung unterbrochen wurde. Davor und danach galt es, per Touchscreen und Headset-Mikrophon Fragen zu beantworten und Vorlieben auszuwählen.

Mal abgesehen davon, dass die Unterbrechung des Kurzfilms mich daran erinnerte, warum ich lieber DVDs schaue… Hier nun meine Eindrücke von den einzelnen Werbespots:

Heinz Ketchup – Der Spot sagt beinahe wortwörtlich aus, dass man auf Heinz entweder wartet, oder ihm einen Schlag aufs Hinterteil geben muss. »Der relaxte Ketchup« oder so. Die trauen sich ernsthaft, Werbung mit dem auffallendsten Nachteil dieser blöden Flaschen zu machen? Das ist, als ob eine Werbung für den Ford Focus C-MAX nur auf sein lächerlich kleines Heckfenster und die breiten C-Säulen hinweisen würde. (Oder heisst der gar deshalb C-MAX?)

Irgendein BRAUN-Backofen, der in der Lage ist, sich selbst reinigen – Obwohl die Werber Recht haben mit der Aussage, dass man seine kostbare Zeit nicht mit uncoolen Dingen wie Putzen vergeuden sollte, hatte der Spot auf mich kaum Wirkung. So wenig, dass ich mich erst wieder an ihn erinnerte, nachdem ich alle Fragen beantwortet und das Headset abgelegt hatte.

Derbe glänzender Lippenstift – Würde ich mich für dieses und vergleichbare Produkte interessieren, wäre mir sicherlich bekannt, wozu genau es gut sein soll, dass der Lippenstift tropfenweise Farbe ausschwitzt. Zuviel Rot auf deinen Lippen.

Volvo V70 – Dieser Werbespot ist das genaue Gegenteil des Heinz-Spots: »Damit Sport wieder Spaß macht« braucht man ein Fahrzeug mit Stauraum. Unfassbar! Die machen tatsächlich Werbung für den Stauraum! Bei einem Kombi, den nur eine Mutter lieben kann man sich nur des Stauraums wegen kauft. Ich glaube ja, dass die Vorfahren dieser Werber den Rocky Mountains ihren Namen gegeben haben.

DEKA Investmentfonds – Rote Tücher fallen vom Himmel und bedecken des Einen Haus, des Anderen Boot und des Dritten Motorrad. Was für eine seltsame Bildsprache: Statt, dass die Fonds (=bzw. roten Tücher) die Investitionen enthüllen, verschlucken sie sie. Das sieht fast so aus, als ob DEKA den Leuten das Zeug wegpfändet.

Leibniz Kekse* – Der Clip, um den es eigentlich ging bei der Umfrage bestand aus fünf Illustrationen, die sich allesamt mit einer Gruppe hipper Großstädter beschäftigen, die an einem Teich unter einem Baum sitzen und Leibniz futtern. Eines der Menschenweibchen erzeugt mit Hilfe eines Grashalms Missklänge, die anscheinend Enten anlocken sollen. Der Kekse knuspernde Kerl neben ihr verrät dies dem Zuschauer und mutmaßt, dass die Enten »wohl auch das Original« bevorzögen. Dann folgen Fotos des Produktes, dazu meint eine Off-Stimme Leibniz. Das Original. Nur echt mit 52 Zähnen.

[* Keine Angst, liebe Umfragen-Auftraggeber: Der Spot lief nicht wirklich am Ende der Werbepause, sondern irgendwo mittendrin. Ich hab nur keine Ahnung mehr, an welcher Stelle genau. Außerdem macht es sich dramaturgisch besser, von ihm erst jetzt zu berichten.]

Das war’s? Darum ging es? Die hätten mir kein Geld bezahlen müssen, um meine Meinung zu diesem Werbefilmchen zu liefern: Das Ding ist Geldverschwendung, denn es sagt nur aus, dass das Original soundsoviele Zähne hat! Als ob man das nicht schon wüsste. Außerdem fühlt sich der Spot fühlt an, als wäre entschieden wurden: "Mit Schauspielern wirkt das Ganze noch weniger. Kommt, wir scannen einfach das Storyboard ein und lassen den Monolog vom Volontär einsprechen."

Und: Nein, durch den Spot werden Leibniz-Kekse auch nicht »modern(er)«. Denn Kekse sind keine Mobiltelefone.

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(9. November 2006, 19:28) - Comments Off

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