Kleinanzeigen, Sexkontakte und empörte Christenmenschen
Kleinanzeigen eignen sich prima für versteckte Botschaften. Denn kein unbedarfter Leser weiß, was wirklich gemeint ist, wenn er nicht die Codewörter kennt bzw. zwischen den Zeilen liest.
Nicht nur Treffpunkte und GPS-Daten für Terroranschläge, sondern auch sexuelle Gesuche und ‘Lockrufe’ können per Kleinanzeige an Empfänger oder Interessenten weitergegeben werden, ohne Aufsehen zu erwecken.
Diese Art der geheimen Informationsübermittlung klappt prinzipiell wunderbar und wurde/wird darum auch in zahllosen* Thrillern, Krimis und Spionagegeschichten eingesetzt.
(* Jedenfalls kenne ich diese Zahl nicht.)
Prinzipiell deswegen, weil sich im richtigen Leben die Anzeigen allesamt so verdammt ähnlich sehen und auch die vermeintliche Doppeldeutigkeit kein Unterscheidungsmerkmal ist.
Wer also seine Botschaft nicht auch noch anderweitig kenntlich macht – etwa mit einem sich aus den Anfangsbuchstaben ergebenden Passwort – wird keine Freude mit verschlüsselten Anzeigen haben.
Und nun… Beispiele aus der Unterallgäu Rundschau vom 26.04.2006, die nur vielleicht wörtlich zu nehmen sind:
(Fettschreibung wie im Original, die Telefonnummern selbst habe ich logischerweise weggelassen.)
Kategorie: Pferde und Zubehör.
Schicke, talentierte Fuchs-Stute, möchte im jetzigen Stall bleiben, sucht neuen Reitfreund.Kategorie: Verschiedenes.
Benötige Hilfe beim Fensterputzen.
Ja, genau.
Kategorie: Landwirtschaftliche Tiere und Zubehör.
Braune Jungkühe mit Abstammung zu verkaufen.
Zwangsheirat nicht ausgeschlossen.
Kategorie: Kostenlos gesucht.
Wer verschenkt Betonplatten und Pflastersteine?
Denn der nächste G8-Gipfel kommt bestimmt.
…
Da lobe ich mir doch die guten alten Telefonsexkontakt-Anzeigen. Deren Verfasser verzichten zwar auf lyrische Umschreibungen, treffen dafür aber den Nerv der Zielgruppe:
Erfahrene Geilheit. Sie, 59, tabulos, gr. Titten, alleine, mit PKW.
Geiler Anonymsex in Ottobeuren und Obergünzburg.
Versaute Türkin.
Dicke Bumstitten.
Meine Muschi ist schon ganz heiß! Wähle — und frag’ nach "Ulla"!
Telefonsexstrapsgirl.
ALT & GEIL! Oma Ilse aus [Kaufbeuren] braucht es täglich!
Geile Seniorin (81)!
Omi-Bumser ges.
Gratissex in Memmingen.
Geile Maus aus Legau macht für Dich die Beine breit!
(Quelle: Der Wochenkurier für Mindelheim und Umland vom 26.04.’06.)
So viele Informationen. Und ganz ohne Bilder, damit man sich bereits eigene dazuerfinden kann, bevor man Ilse anruft, um sich zu Parkplatzsex zu verabreden.
…
Eigentlich müssten doch gottesfürchtige Deutsche Sturm rennen gegen die Verbreitung von Schmutz und Schund in den Zeitungen ihrer Städte und Gemeinden.
Aber Nein: Die guten Christen blicken verärgert nach Popetown und fordern die baldige Verschärfung des Gotteslästerungsparagraphen 166.
Sie haben die Devise "Think global, act local" nicht so recht verstanden und lassen darum (beinahe im Wortsinn) die Kirche nicht im Dorf.
Wie wollen sie denn auf Bundesebene wirkungsvoll gegen Satan und seine Untertanen antreten, wenn sie es nicht einmal gebacken kriegen, die eigenen Regional- und Lokalblätter dauerhaft von gotteswortlästerlichen Anzeigen zu befreien?

