Deutschland. Ein Sommermöhrchen
Eigentlich wusste ich vorher schon, dass mir dieser Film nicht hundertprozentig gefallen wird. Dass er dem Herrn Buck Wortmann aber wirklich so missglückt ist, war sicherlich ein Schock für alle Beteiligten.
Unglaublich, wie wenig Emotionen "Deutschland. Ein Sommermärchen" rüberbringt. Dabei hatten selbst mich als Fussballnichtcoolfinder die Zustände in München beeindruckt.
Die Atmosphäre im Schneideraum muss schrecklich gewesen sein. Die Gesichter der Cutter hatten bestimmt den gleichen leeren Ausdruck wie die der Nationalelf nach der Niederlage gegen Italien.
Und nach gefühlt mehrstündigem Schweigen murmelt Wortmann dann in die zigarettenqualmige Stille »Naja, ihr bekommt das schon irgendwie hin«, verabschiedet sich unter Vorwänden, rennt aus dem Gebäude, springt ins Auto und rast stundenlang kreuz und quer über deutsche Autobahnen. Letzteres, während das damals aktuelle Xavier-Naidoo-Album im Repeat läuft. Und über allem hängt wie ein Fluch dieses eine Wort: Verkackt.
Die vielleicht einzige Chance auf eine wunderbare Dokumentation, nach der sich Fans und Nichtfans freudig weinend in den Armen liegen und das Lied der Sportfreunde von der Leidenschaft im Bein gröhlen … verkackt. Jeder b-klassige US-Footballfilm aufregender ist als dieser Streifen.
Die vielleicht genauso einzigartige Chance auf einen Dokumentarfilm, der sich kritisch mit der Patriotismusdebatte, den Verbrechen gegen Datenschutz und der Herkunft der in Frohnarbeit hergestellten Fanartikel beschäftigt… verkackt. Jede BBC-Dokumentation über Flohmärkte ist gesellschaftskritischer als dieser Zeitverschwender.


Comment by Marco
Naja…es ging ihm ja erklärtermaßen nicht um die Fans. Sondern um ein reines Elf-Portrait. Stell Dir vor, er hätte die Jubelmasse stärker eingebunden und die wären im Achtelfinale abgekackt. Dann hätte er ja nur enttäuschte Gesicher auf Zelluloid gehabt. Und wer zahlt dafür schon…
Also nicht “Thema verfehlt”. Es war halt ein anderes gemeint.
Posted on December 8, 2006 at 8. December 2006, 12:26
Comment by henteaser
Fragt sich nur, welches. Und selbst, wenn es ihm nicht um die gegenseitige Abhängigkeit von Fans und Mannschaft gegangen ist… Der Achtelfinalrausflug hätte kommen können. Was wäre Plan B gewesen?
Hätte Wortmann in diesem Fall die restlichen Film über gezeigt, wie sich die Spieler von ihren barbiepuppigen Spielerfrauen den Frust aus dem Körper massieren lassen, während Xavier Naidoos Stimme in der Luft liegt?
Posted on December 8, 2006 at 8. December 2006, 17:23
Comment by Marco
Dann wären die 12000 Minuten Film halt anders zusammengeschnitten worden. Vor dem Abspann dann halt mit einem Achtelfinalspiel und betretenen Gesichtern. Merkel tröstet und Naidoo verklagt den DFB für sinkende Absatzzahlen seines Gejammers. Mal ehrlich: Ich möchte den Tag erleben, an dem der Xav(i)er nicht irgendeine “Straße entlangläuft”, irgendwelche “Wege beschreitet” oder “Ziele verfolgt”…
Posted on December 9, 2006 at 9. December 2006, 13:47
Comment by henteaser
Harald Schmidts Gagschreiber hatten sich mal ‘Naidoos aktuelle Hitsingle’ ausgedacht: “Sie sieht mich immer noch nicht, ich glaub’, sie braucht ‘ne Brille.” Was habe ich gelacht…
Posted on December 9, 2006 at 9. December 2006, 15:17