Gruselgrotte der blutdurstigen Würste

Der im Freistaat Sachsen durch illegale Graffiti verursachte Schaden lag 2006 bei über 1,5 Millionen Euro.

…, heisst es von offizieller Stelle. Oder ausführlicher:

»Die sächsische Polizei registrierte im vergangenen Jahr 7.521 illegale Graffiti, 11,5 Prozent mehr als 2005 (6.745 Fälle). Häufungen dieser Straftaten finden sich insbesondere in den Polizeidirektionen Leipzig (2.383 Fälle), Chemnitz-Erzgebirge (1.737 Fälle) und Dresden (1.184 Fälle).

Der im Freistaat Sachsen durch illegale Graffiti verursachte Schaden lag 2006 bei über 1,5 Millionen Euro. Etwa jede 5. Straftat wurde aufgeklärt. Insgesamt ermittelte die sächsische Polizei 778 Tatverdächtige. Jugendliche (34,7 Prozent) und Heranwachsende (38,9 Prozent) wurden, ähnlich wie im Vorjahr, am häufigsten registriert. Bevorzugt wurden Außenwände von Gebäuden, vor allem von Mehrfamilienhäusern/Wohnblocks, Garagen und Schulen sowie Fußgängerzonen und Ladenpassagen durch Graffiti beschädigt.«

1) Warum wohl häufen sich solche Fälle ausgerechnet in Großstädten? Vielleicht ja, weil man in kleineren Ortschaften genug damit zu tun hat, besoffen in den Tod zu rasen.

2) Was ist der Unterschied zwischen jugendlich und heranwachsend?

(UPDATE: Heranwachsend ist ein deutscher Mensch im Alter zwischen Achtzehn und Einundzwanzig.)

3) »Bevorzugt wurden Außenwände von Gebäuden…« – Kein Scheiß, Sherlock?

4.) »… durch Sprühfarbe beschädigt«?! Ach, kommt schon, das ist doch Unfug. Obwohl… Wer sich über ‘beschmierte’ Außenwände aufregt, aber nicht über beklebte, muss wirklich einen Schaden haben.

»Bei der Motivation der Jugendlichen und Heranwachsenden, sich normgerecht zu verhalten, sollte hier angesetzt werden. Alternative Freizeitprogramme müssen geboten werden, um Jugendliche organisiert zu beschäftigen und aktiv in eine sinnvolle Freizeitgestaltung einzubinden.«

Normgerechtes Verhalten.
Alternative Freizeitprogramme.
Organisierte Beschäftigung.
Sinnvolle Freizeitgestaltung.

Von den Buzzwörtern mal abgesehen: Es ist schon bemerkenswert, wenn vormals weit verbreitete Aktivitäten wie Fußball oder Schach plötzlich als alternativ gelten, dass dem LKA-Präsidenten Paul Scholz, der diese Sätze sprach, nicht auffällt, dass Alternativen niemals der Norm entsprechen können, und dass niemandem aufzufallen scheint, dass ‘verlorene Schafe’ vielleicht gar kein Interesse daran haben, zur Herde zurückzukehren.

Eine Herde, deren Schäfern nicht viel mehr zum Thema einfällt als eine Kombination aus Drohgebärden und flachen Wortspielen:

»Mit dem Faltblatt „Sprühende Fantasie kann teuer werden!” erhalten Eltern Tipps, um das Sozialverhalten ihrer Kinder positiv zu beeinflussen.«
[…]
»Mit der Kampagne setzt die Polizei auf Information und Abschreckung. So soll in erster Linie das Unrechtsbewusstsein der jungen Sprayer geschärft werden. Letztlich ist eines klar: Illegale Graffiti bleiben ein teures Vergnügen. Die Sprayer machen sich nicht nur strafbar, sondern verursachen schnell einen Schaden von mehreren Tausend Euro, den sie dann zu verantworten haben.«

Da frage ich mich sofort, was die Kampagne in zweiter Linie schärfen soll und was an ihr so neuartig ist. Und ich antworte mir: Nichts und nichts. Was also soll das Ganze? Warum fließen jährlich Geldmittel in ‘neue’ Broschüren und Webseiten zur Wasauchimmer-Prävention, statt vollständig in die Ermittlung gegen tatsächliche Straftäter?

Entweder, die Entwickler solcher Infopakete gehen davon aus, die »Jugendlichen und Heranwachsenden« kennen den Unterschied zwischen erlaubt und verboten nicht. Oder aber, sie pressen einfach nur in regelmäßigen Abständen altes Wurstfleisch in neue Därme, um ihre Arbeitsplätze nicht zu gefährden.

Wenn die Staatsmacht schon unbedingt Geldmittel für Prävention ausgeben muss, dann sollte sie beschwichtigendes Infomaterial drucken, das an »die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger« gerichtet ist.

Denn die »empfindet Graffiti, die zunehmend das Erscheinungsbild unserer Städte prägen, jedoch als störend und als Beeinträchtigung ihres Sicherheitsgefühls«, obwohl Graffiti ein hochoffizieller Teil der Jugend(sub)kultur sind und nicht etwa das Werk gemeingefährlicher Krimineller, die durch ‘Schmierereien’ all jene Gebäude markieren, die demnächst ausgeplündert und abgefackelt werden sollen.

Ach ja, liebe Graffitisprüher und Street-Artisten: Wenn ihr schon Schäden in Millionenhöhe anrichtet; wenn ihr schon ein Hobby habt, das euch und eurer ganzen Familie finanziell das Genick brechen kann; wenn ihr schon die personifizierte Gegenkultur sein wollt…

Dann bitte, bitte, klatscht was an die Wand, das zum Nachdenken über unsere Gesellschaft anregt. Oder zumindest richtig fett aussieht. Wär doch schade, wenn ihr sechzig Stunden Laub rechen und 4000 Euro Strafe zahlen müsst wegen Kleinkram.

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(26. March 2007, 7:30) - Null Reaktion

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