Bloggen gegen den Schnüffelstaat ist wie Ficken für die Jungfräulichkeit
Ich war heute bei der Dresdner Kundgebung »Freiheit statt Angst – für Grundrechte gegen Überwachung« anwesend. Ich habe Fotos geschossen von den Rednern und ihren Zuhörern, die den drohenden Staatsterrorismus ausbuhten und freiheitlich-demokratische Aussagen beklatschten.
Aber was mache ich jetzt mit den Fotos? – Veröffentlichen a.k.a. flickrn? Nein, das geht nicht.
Die Staatsmacht mag zwar nicht über Zoom-Techniken Marke CSI:Miami verfügen, doch simples Vergrößern der Aufnahmen beherrscht sie. Und das genügt, um die abgelichteten TeilnehmerInnen in ‘potentielle Verdächtige’ (oder gar Gefährder!) zu verwandeln.
Weil ich dabei war, als ein Bruchteil des Volkes das Stimmchen erhob gegen staatliche Datensammelwut, bin ich ein Mittäter in spe, sollte später eine gegen die Neo-Stasi gerichtete Straftat begangen werden.
Löschen? Ja genau, ich will doch nicht ins Gefängnis! – Das Löschen der Bilder könnte man mir doch als unterlassene Hilfeleistung oder Komplizenschaft auslegen. Der (wissentliche!) Löschbefehl vernichtet schließlich Beweismittel, die unter Umständen Täter entlarven oder Terrornetzwerke zerschlagen helfen.
Wenn der Bundestrojaner diese Bilder nicht auf meinen Festplatten findet, nachdem irgendwann irgendwo eine schmutzige Atombombe oder so hochgegangen ist, bin ich reif für Aktivurlaub in Guantánamo.
Mal abgesehen davon beweisen meine (und ähnliche) Aufnahmen etwas langfristig viel Wichtigeres: Nämlich, dass nicht alle Deutschen im Jahre 2007 dümmlich lächelnd aus der bedrohten Freiheit in die offene Sicherungsverwahrung geflohen sind.
Löschte ich die Fotos tatsächlich und unterließe jeglichen gebloggten Hinweis auf ihre Existenz, können Historiker (so sie denn Interesse daran haben) aus einer Quelle weniger schöpfen. Sie werden annehmen, dass ‘das deutsche Volk’ mal wieder kollektiv und freiwillig mitmachte. Mündliche Quellen würden sie als verklärenden Humbug abtun und bestenfalls in Leserbrief- und TV-Zweiteiler-Form akzeptieren.
Der kurzsichtige Mittelweg wäre der über die Unkenntlichmachung der abgelichteten Personen. Kurzsichtig deshalb, weil dann keiner beweisen könnte, dass ich nicht nur Fotos einer 2008er Anti-Datenschutz-Demo zurückdatiert habe, um die Geschichtsschreiber zu verulken.
Was aber ist weitsichtig? Reicht es aus, wenn ich die Bilder dutzendfach am Rossmann-Automaten entwickeln lasse, sie per Einschreiben an mich selbst schicke und diese Briefe rund um die Welt in Schließfächern deponiere?
Kann schon sein.
Egal, für welche Herangehensweise ich mich letzten Endes entscheide, ist eines schon jetzt sicher: Für die einen wird diese Entscheidung meine Zivilcourage beweisen und für die anderen meine Treulosigkeit.
…
Nachtrag: Natürlich habe ich nun doch einige Bilder geflickrt. Aber nur die mit besonders unkenntlichen Menschen drauf. (Nun ja, bis auf die Dreadlocks.)


