Gruselgrotte der blutdurstigen Würste

Benimm-Engel

Derzeit haben die Dresdner Verkehrsbetriebe mal wieder eine Benimm-Kampagne am Start.

Letztes Jahr warben sie mit einer Collage aus schlecht vergrößerten Digitalfotos ‘farbiger’ Frauen für Toleranz und weniger fremdenfeindliche Übergriffe. Diese Kampagne war anscheinend ein voller Erfolg. Anders kann ich es mir jedenfalls nicht erklären, dass sie heuer einen blonden, blauäugigen, weiblichen Engel damit beauftragt haben, die (potentiellen) Fahrgäste zu gutem Benehmen »im ÖPNV und überall« zu ermuntern.

Dieser Nahverkehrs-Knigge steht unter dem Motto »Lieber in Bahn & Bus« und jetzt fasse ich mal zusammen, wie der DVBEngel laut des DVB-Info-Heftchens 01/2008 die Passagiere einschätzt:

»Unsere Fahrgäste sind die liebsten auf der ganzen Welt. Sie …

+ haben immer einen Fahrschein

+ achten auf Ordnung und Sauberkeit [hoffentlich nicht nur] in Bahnen und Bussen

+ bieten [körperlich Schwächeren] gern ihren Sitzplatz an

+ genießen laute Musik leise

+ halten ihre Hunde an der kurzen Leine oder gönnen ihnen einen schicken Maulkorb«

Außerdem sind Rauchen in Bus und Bahn »nicht nur unerwünscht, sondern sogar verboten«, auch »das Wartehäuschen keine Raucherinsel«, und der Stellplatz für Kinderwägen/Rollstühle sollte nur für Fahrräder genutzt werden, wenn kein Kinderwagen/Rollstuhl zur Stelle ist. Weil: Man ist nicht behindert, sondern wird.

Unsoziale Verhaltensweisen

»wollen wir natürlich nicht. Deshalb sagen wie "Stopp" zu schlechtem Benehmen und rufen[!]: Seid lieber in Bahn und Bus, damit alle lieber in Bahn und Bus einsteigen!«

Seltsam? Aber so steht es geschrieben.

Herr und Frau Durchschnitts-Fahrgast jedenfalls haben sich schon immer so benommen und werden es auch weiterhin. Sogar jene, die Morgenpost oder Bestseller lesen, haben meist ausreichend soziale Kompetenz, um unbeschadet (bzw. unschadend) durch den Tag zu kommen. Sie müssen nicht von einer Benimm-Engelin, die zu ihnen spricht wie zu geistig Minderbemittelten, sozialisiert werden.

Und all die Unsozialen dieser Welt werden weiterhin Spackenrap aus ihrem Mobiltelefon ertönen lassen, Bier auf die Sitze verschütten und/oder anderweitig negativ auffallen. Denn es ist fraglich, dass ermahnende Plakate mehr bewirken als die in ziemlich vielen Bahnen und auch so manchem Bus (»damit Sie sicher ankommen«) installierten Kameras.

Wenn dem so wäre, hätten die LVB ja bloß rechtzeitig Plakate kleben müssen, auf denen darum gebeten wird, doch bitte niemanden zu vergewaltigen und zu töten.

Würde mich alles in allem wirklich interessieren, was die Verkehrsbetriebe dazu bewegt hat, Geld in diese Benimm-Kampagne zu pumpen. Bestimmt waren es nicht die Beschwerden über Busfahrer, die derbe Gas geben, obwohl »Opa Erwin« noch nicht auf seinem »Lieblingsplatz« angekommen ist.

Bereits die Engelsfigur ist kitschige Augenwischerei, dessen Sinn ich nicht verstehe. Laut nämlicher DVB-Info-Ausgabe läuft die Lieber-Kampagne noch bis zum 25. März, danach verschwindet die Benimm-Engeling vermutlich (vorerst?) in der Versenkung. Es wäre demnach logischer gewesen, nicht erst ein eigenes Maskottchen zu entwickeln, sondern alle Binsenweisheiten dem hauseigenen Maskottchen Leo in den Mund zu legen.

Könnte natürlich auch sein, dass Leo eher von Kindern ernstgenommen wird, während Erwachsene sich gegenüber Ratschlägen erst öffnen, sobald diese ihnen durch Beinahe-Jailbait mit Heiligenschein nahegebracht werden.

Apropos Leo: Er und seine Freunde erleben im gleichen Heft ein doppelseitiges Comic-Abenteuer mit einem ziemlich rüpelhaften Mitreisenden.

Dieser trägt nicht nur eine fiese Visage und ein Sprücheshirt (CHAOS!) zur Schau, sondern auch einen seltsamen Musikgeschmack – sein Kofferradio spielt DRÖHN!, PLÄRR! und JAUL! Noch dazu beleidigt er Leos Freundin Layla, macht sich ganz allein auf einem Viererplatz breit, legt die Füße hoch und besprüht zu schlechterletzt noch die Straßenbahn mit dem Spruch »HALLO PUSSY«.

Was’n Glück, dass Layla, Leo und Affenkumpel Theo dieser Karikatur das Handwerk legen. Sie reißen ihm die Sprühdosen aus den Händen und drücken ihn zu Boden, als ob er ein G8-Gegner wäre.

Das Leo-Comic endet übrigens nicht einfach nur mit einem Panel, auf dem die drei zivilcouragierten Tiermenschen den Störenfried der Polizei übergeben. Nein, das letzte Bild zeigt Polizisten, Streifenwagen und Übeltäter genau in jenem Moment, als Beamter#1 der Dienststelle per Funk mitteilt, dass

»die Beute aus dem großen Spraydosen-Diebstahl«

sichergestellt ist.

Was lernen wir daraus? Genau:
Löwen und Affen ohne Maulkorb gehen auch in Bahn und Bus klar, solange sie (a) bekleidet sind und (b) Selbstjustiz verüben couragiert handeln.

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(17. March 2008, 7:54) - Null Reaktion

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»Kommentare gebe ich erst frei, nachdem ich sie mir durchgelesen habe. Das ist zwar sowas von uncool und altbacken, aber schont meine Nerven.«