Ausbund

Jobangebote mit lächelnder Stockfotografie sind praktisch immer Schrott. In echt sieht dann z.B. das Großraumbüro aus wie diese shitty Kleinstanlegerbude aus WOLF OF WALL STREET – nur mit mehr verlebten Muttis, die das Ende ihrer Tage fristen und die sich den Arbeitsplatz mit Motivationssprüchen und Familienfotos dekoriert haben.

All der überwundengeglaubte “Fuck the System!”-Hass brandet bei diesem Anblick und dem Geräusch plappernder Mäuler hoch. Das sind so Orte, wo man überlegt, ob es nicht besser wäre, wenn Menschen nach der Fortpflanzung sterben würden wie Insekten.

Denn dort sitzen wortwörtlich reihenweise Menschen, die ihr bisserl Lebensunterhalt damit verdienen, anderen Menschen unnützen Kram aufzudrehen. “Muss ja” als Aufhänger am Berufsbild. Tagträume vom persönlichen Headset. Feierabends, stell’ ich mir vor, fahren sie heim und lassen sich am Telefon von den Kolleg_innen das verdiente Geld aus der Tasche ziehen.

Es gilt hier jedenfalls, die Probezeit rechtzeitig abzubrechen. Bevor man beginnt, mit dem Bösewicht mitzufiebern. Und solange man noch hofft, die Leute legen allesamt kommentarlos auf und die Branche erstickt an wertlosen Datensätzen.

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Künstlerbedarfsanspruch

Beim Quernertagebuchlesen fiel mir plötzlich ein, wieso er da ständig an der Frauenkirchenruine vorbei zum Albertinum geht: weil es zu seiner Zeit Malmaterial zu kaufen gab in/nahe der Kunstakademie an der Brühlschen Terrasse.

Heutzutage entscheide ich mich zwischen Boesner und Gerstaecker und beide haben ein gleichauf-es Überangebot und für beide müsste ich die Altstadt verlassen. Es wäre praktisch, wenn man innerstädtisch den Bedarf an ordentlichen Stiften, Farben und Skizzenbüchern decken könnte. (Und nein, die überteuerten Bastelläden voller Bügelperlen sind keine Alternative.)

Nicht einmal der Museumsshop im Albertinum führt Zeichenutensilien, wobei man annehmen sollte, dass die Nachfrage existiert. Kann jedoch sein, dass die potentielle Nachfrage nie da war bzw. vollends weggebrochen ist, seitdem das Fotografieren in den Staatlichen Kunstsammlungen erlaubt ist.

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mimimi Kunst und Können blablabla

Seit zehn Jahren umkreise ich expressionistischen Linol-/Holzschnitt, Tuschkarikaturen und Gemälde der Neuen Sachlichkeit. Erneut und immer wieder Grosz, Meidner und die anderen. Genau mein Ding und ich trug dazu bereits vieleviele Bildbände durch Dresden, denn die hatten’s drauf!

Nur fehlen mir (sprich: meinem Können und meinen Erkenntnissen) noch immer die angemessenen Bildthemen für eigene Werke. Im aktuellen Sketchbook vorherrschen die abstrakten Linienmuster, unterbrochen vom schlecht abgekritzelten Januskopf-Holzkerzenständer sowie einem gleichfalls fürchterlich krampfigen CurtQuerner-Portrait nach dem Coverfoto auf dem Sonderheft mit Auszügen seines Tagebuches.

Meine Hand-Augen-Übersetzung ist schrottig genug, weil die Praxis (oder aber schlicht die Fähigkeit?) fehlt, Motive in Formen und Zusammenhängen zu sehen/erkennen. Noch nie habe ich fünfeinhalb Stunden mit dem Zimmermannsbleistift auf Packpapier gerackert.

*Das* ist das Übungsfeld, aber Ungeduld und Selbstzweifel sind groß. Abstraktes Gekritzel ist meiner Meinung nach Flucht, ist wirklich keine Kunst. Es ist auch nicht befreiend, weil ich damit weder Stress mindere noch Aussagen treffe.

Den leichtestmöglichen Lösungsansatz dafür glaube ich mir nicht und fürchte ihn gleichzeitig: Dass sich nämlich genau durch Aussagelosigkeit mein Gesamtwerk auszeichnen wird, und dass man all die Sketchbooks nach meinem Ableben flugs zum Recyclinghof fährt.

Die alternative, verstiegenere Erklärung: Flucht in die Inhaltslosigkeit aus Faulheit, denn ich weiß es besser und könnte es besser und mein Kopf rebelliert, weil er es gern ruhig angehen lässt. Denn allzu oft ist mir mein eigenes Schaffen viel zu billig und ich würde gern draußen am Elbhang an einer Naturstudie frickeln – wovor ich dann jedoch zurückschrecke und lieber Bordsteinkanten fotografiere. Genauso, wie mich die Vorstellung all der den Weg säumenden miesen Aktskizzen in die Arme der abstrakten Digitalkunst treibt.

Am unglaubwürdigsten scheint mir die dritte Möglichkeit zu sein: Jenes Fehlen jeglichen Inhalts ist Programm, ist systemkritisches Freispiel im Sinne von: »Hast du wirklich kostbaren Alltag vergeudet an so etwas?!« – »Ja, und ob!«

Mag sein, dass jede Erklärung teilweise zutrifft. Witzig ist außerdem: Fotografieren und Digitalkunst bringen mir enormen Spaß, solange ich nicht nach ihrem Sinn suche. Weil die Tätigkeiten so verflucht meditativ sind im Unterschied zum Frust einer vergeigten Zeichnung.

Wohin führt das, was ist zu tun? Man weiß es weiß es weiß es wirklich nicht.

»Man ist stets allein und immer allein und wird es bleiben. Es gibt Liebe, Umarmungen, rasende Minuten, heiße, flehende, traurige. Letzten Endes kommt leise das Alleinsein, und das Nichts umgibt uns wieder. Und so bleibt nichts anderes zu tun, als stets zu arbeiten, nichts als zu arbeiten. Denn nur dies bringt Erfüllung und sonst nichts.« (Curt Querner, 6.11.1950)

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Ein Beitrag, verfasst zwischen Lesestapeln

Die Freude ist groß, wenn ich den letzten Überrest des alten Jahres zurückgebracht habe, wohin er gehört: in die SLUB und in die Stadtbibliothek.

Ausleihstopp und diesmal wirklich! Idealerweise natürlich gleich noch ein Durch-die-Regalreihen-flanier-Stopp, denn ich habe mehr in den eigenen Regalen, als ich benötige und jede dafür freigeschaufelte Minute zählt.

Meine SKD-Jahrescard läuft am 29.1. aus und auch das mag sehr gut sein. Zuviel Input, blabla, die alte Leier. Jedenfalls tu’ ich demnächst die SLUB-Bücher in den Rückgabeautomaten und das wird sich anfühlen wie wenn ein Schleifstein in den Brunnen fällt. Ballast abwerfen. Ab dafür!

Auch mal wieder Bücher wegschenken, die mir im Nacken sitzen. Zu viele Vildungsangebote und Zeitfresser. Wobei ich mir da sofort den Kopf darüber zerbreche, wo ich die alle am Gewinnbringendsten hinverklappe – also, im Sinne von: Wem nützen die mehr als mir?

Umsonstladen zum Beispiel ist die gute Adresse, während die Buchschränke so ein bisserl wie “Das vergammelt dort” wirken. Schade drum, insofern ich für viele von denen irgendwann mal Geld ausgegeben habe, es ist schrecklich. Hätte ich eine anständige Privatbibliothek, käme mir der Überbesitz weitaus weniger nutzlos und bedrückend vor.

Richtig hart wäre, meinen schon lange schwelenden “zehn Bücher”-Ansatz hemmungslos umzusetzen und sämtlichen Überschuss rauszukannten. Mit der Begründung, dass es höchstens zehn beispielhafte Werke braucht, um alle Spielarten eines Kommunikationsmittels abzukapieren oder abzuleiten.

Denn es gibt halt nur soundsoviele Erzählarten, aber von jeder hunderte »weltbeste«, so dass man eigentlich aus dem Lesen nie mehr rauskommt. Warum also nicht stattdessen *ein* beeindruckendes Werk im Schrank stehenlassen und den Rest nimmermehr auch noch lesen oder auf den Lesestapel legen?

Vor allem: mein Weltbild und meine Weltsicht arbeitet sich an den Fiktionen ab, aber nur noch größtenteils im Sinne von Abgestoßensein und Bestätigtwerden. Höchst selten durch echtes Neuentdecken oder wahre Erleuchtungen.

Stets tendiert der Kopf zu “Z ist wie X trifft Y” und ahnt, weiß bereits, worauf’s hinausläuft. Plottwists werden eben erwartet, obgleich man dann doch immer wieder mal kurzzeitig überrumpelt wird von den Autoren. Im Großen und Ganzen jedoch ist es schemenhaft.

Der Verzicht auf Neuzugänge, das Immerwiederlesen weniger Werke ist insofern meiner Meinung nach kein Gedanken-Inzest, sondern permanentes Gespräch zwischen Werk und Erfahrung.

Selbst zehn Werke sind vllt. noch zu hoch gegriffen, so gesehen. Aber zehn ist ein Anfang. Das heisst ja nicht, dass ich auf’s Nach-Neuem-Umschauen, auf Gespräche, aufs Leben verzichte.

Ich glaube, Lesen und das Übrige ist die Suche nach Gleichgesinnten. Und von denen gibt es, durch die Weltgeschichte verstreut, eine Menge. Nicht einmal zwingend Vorbilder, sondern Menschen, die “es” ebenso sehen/sahen und die ihr Handwerk beherrsch(t)en. Bis zu einem gewissen Grad darf deren Weltsicht zwar anders sein, aber bitte nicht völlig meiner Sicht auf die Dinge zuwiderlaufen.

Eine diese Regel bestätigende Ausnahme sind sogenannte “hate-reads”, die meiner Weltsicht in beleidigendem Maße widersprechen, aber dennoch irgendwie zB durch Wortgewandtheit oder aber gerade des Fehlens derselben erst interessant sind.

Kurzum: Es bringt Spaß, sich an ihnen abzuarbeiten trotz der induzierten Fremdscham beim Lesen eines Textes, der ausgesprochen krude oder wirr oder selbstentlarvend ist. Man selbst weiß es besser, man selbst beherrscht das Handwerk besser.

Gilt das Gesagte für Sachbücher und Biografien? – Interessante Frage, skrupelhegender Verstand! Nein. Jedenfalls vorerst nicht.

(Wobei es wiederum Menschen geben soll, die Rockmusiker-Biografien lieben, obwohl die allesamt parodierenswert ähnlich verlaufen mit schlechtem Elternhaus und Drogenentzug und Kollegenschelte und sowas. Ich hingegen lese Zeitzeugnisse von Künstlern mit Dresden-Bezug; Griebel, Querner, L. Richter, Kügelgen, Grosz, um nur viele zu nennen.)

Bildbände kann man immer ausreichend haben. Ein einziger, würdiger Nachdruck des Dürer-Kupferstichs “Ritter, Tod und Teufel” macht drei Regalmeter Ausstellungskataloge überflüssig. Wie soll man sich in etwas wirklich vertiefen können, während um einen herum die Lesestapel bedrohlich kippeln?

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Nachtgedanken, im Sessel sitzend

Aktzeichnengehen ausfallen lassen wegen des Spardiktats, stattdessen einen Ganzkörperspiegel besorgen im Sozialkaufhaus und mich selbst portraitieren und mehr? Nacksch im Sessel? Das eine schließt das andere nicht aus, hm.

So gesehen muss ich nichtmal einen Spiegel kaufen, weil ich diese eine Spiegelschranktür sowieso bereits parat habe. (Also: Die Spiegeltür eines Holzschrankes, irgendwo mal gefunden.) Ich könnte also jede Minute beginnen. Nicht jetzt, tho. Jetzt Abendessen und Abzubett, zwischendrin Teetrinken. Ohne Abzusetzen! Oder aber: Doch absetzen, weil der Tee so heiss ist und wenig lecker.

In diesen Momenten muss sich die Biopic-Regisseurin für die filmischere, mich besser charakterisierende Version entscheiden. Mag sein, dass ich den Krug mit links halte und rechts abstütze und so viele Details mehr, mag sein zB, dass ich zuerst das Tagebuch vom Schoß rüber auf den Tisch lege oder auf die Sessellehne balancierplatziere.

Bzw. “auf der” Lehne. Da bin ich mir unsicher, ob »laut Duden beides geht« oder ob hier der Lektor eingreift. Beinahe weiß ich sicher, dass der vorige Denkvorgang ein prima Blogeintrag ist. Kurz und schmerzlos und dennoch mein Gehirn charakterisierend inkl. dieser Wortwiederholung.

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  • Gruselgrotte (Symbolbild)
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