Wenn Blicke schänden könnten

In einer Tagesschau.de-Meldung namens "50.000 Bürger gegen Sperrung von Internetseiten" entdeckte ich diesen Absatz:

»Das Bundesfamilienministerium hält am Gesetzentwurf fest. "Eine zivilisierte Gesellschaft, die Kinderpornografie ernsthaft ächtet, darf auch im Internet nicht tolerieren, dass jeder diese Bilder und Videos vergewaltigter Kinder ungehindert anklicken kann", teilte das Ministerium mit. "Jeder Klick und jeder Download verlängert die Schändung der hilflosen Kinder."«

Spätestens, wenn ein Ministerium – und nicht etwa die natürliche Person von der Leyen – solch reißerische Meinungsmache betreibt, wird ja wohl die Frage erlaubt sein, ob die »Schändung der Abgebildeten« wirklich immer weitergeht, bis die letzte Dateikopie der Aufzeichnungen dieses Verbrechens vernichtet wurde.

Die Pseudo-Tatsache, dass bereits Mausklicks und Blicke schwere Straftaten sind, ist nämlich abergläubischer Unsinn. Sie ist vergleichbar mit der Vorstellung, dass Fotoapparate den Abgebildeten wortwörtlich die Seele rauben.

Entspräche diese Behauptung der Wahrheit, müssten vorsichtshalber alle Möglichkeiten der Aufzeichnung in Bild, Ton und Schrift verboten werden. Ausnahmslos.

Denn Menschen, die sich – um ein weiteres Klischee zu zitieren – solange mit Bildern, Filmen und Texten in Stimmung bringen, bis sie irgendwann einmal selbst einem anderen Menschen unaussprechliche Dinge antun, wird es immer geben; ganz egal, wie unverfänglich die aufgeilende Inspiration auf den Rest der Bevölkerung wirkt.

So etwa könnte es ja z.B. sein, dass sich jemand auf Pressefotos des Bundespräsidenten einen runterholt und dadurch dessen Ansehen und Persönlichkeitsrechten schadet. Oder dass jemand Auschwitz-Leichenberg-Fotografien ein wenig zu lange anschaut und dadurch auf menschenverachtende Ideen kommt.

Mir ist schon klar, dass diese Beispiele für viele Menschen nicht in der gleichen Liga spielen. Nur wenige stören sich daran, dass bereits das (versehentliche?) Ansurfen von Webseiten voller Kinderpornografie gesellschaftlich geächtet ist, während bei Rundgängen durch die Gedenkstätte Buchenwald auch schon mal gelächelt werden darf. Und sicherlich finden es genauso wenige BundesbürgerInnen fragwürdig, dass sie zwar bei Youtube problemlos einen beliebten Popsong aufrufen können, in welchem der Kriegsverbrecher Dschingis Khan verherrlicht wird, beim Pornokauf jedoch darauf achten sollten, dass keine der Darstellerinnen den Anschein erweckt, minderjährig zu sein.

Wer aber stimmt über die Rangfolge der Schwere solcher (Un-)Taten sowie die Gefährlichkeit von vermeintlich anfixenden Aufzeichnungen ab? Sind es wir alle, die MitgliederInnen unserer »zivilisierten Gesellschaft«? Oder doch nur einige wenige Meinungsführer, welche stellvertretend für ihr Volk abergläubische, frömmelnde Gebote beschließen?

Das Wort Schändung aus dem obigen Zitat etwa wird fraglos als stimmungsmachender Sammelbegriff für eine Reihe von Tätigkeiten missbraucht(!), welche größtenteils weitaus weniger spektakulär sind als jene Folterpornografie, deren menschenverachtende Inhalte Ministerin von der Leyen nicht müde wird, zu beschreiben.

Unter anderem fallen sogenannte Posing-Fotos darunter; Bilder also, auf denen Kinder ‘unnatürlich geschlechtsbetont’ abgebildet sind. Auch gelten Comic-Sexszenen als kinderpornografisch, wenn die Charaktere (beispielsweise Bart und Lisa Simpson) ‘minderjährig’ sind. Und die scheinjugendlichen volljährigen Pornoaktricen mit Zöpfen und kurzen Röcken erwähnte ich bereits.

Genaugenommen dürften sich selbst die Berichterstattung über Verbrechen an Minderjährigen in einer rechtlichen Grauzone bewegen, weil sie weitere Wannabe-Sexualverbrecher dazu anstiften könnte, ihre Träume zu leben.

(Schürt nicht auch die Ministerin durch ihre Schilderungen das Interesse gestörter Persönlichkeiten?)

— –

Eine weitere Frage noch hintenan: Gab es eigentlich auch nur ein gesellschaftliches Problem, welches durch Ächtungen, Verbote, DNS-Sperren, Schweigeminuten und Halbmast-Flaggen gelöst wurde?

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