Die Signalwirkung der gesellschaftlichen Ächtung von Hardcore-Usern

… besteht für mich zur Zeit noch darin, ruhigzubleiben und so weiterzumachen, wie bisher. Wenngleich auch über einen anderen Domain Name Server.

Ich bin derzeit nicht im Besitz von Tötungssimulationen, tummle mich auch nicht auf einschlägigen Webseiten, und mein politisches Engagement erschöpft sich bisher größtenteils in halbärschigen Abgeordnetenwatch-Anfragen und Blog-Kommentaren, sowie im Zitate-Reposting.

Womit ich nicht gesagt haben will, dass ich alles in Ordnung finde, was derzeit geschieht. Vor allem, da sie mich, falls alles noch schlimmer, noch absurder, noch orwell’scher wird, sicherlich ebenfalls holen kommen.

Denn ich sah body modifications, Sexualpraktiken und Verletzungen der übelsten Sorte. Ich las von Morden, Vergewaltigungen, Waterboarding und dem Celler Loch. Ich habe Passanten totgefahren, auf Polizisten, Passanten und Monster geschossen und Atombomben gezündet und bin dadurch in etlichen Computerspielen etliche Level weitergekommen.

Ich habe Menschen gerickroll’d, überhaupt jede Menge illegal hochgeladener Musikvideos abgespielt und auch sonst unzählige Male gegen hierzulande geltende Rechte verstoßen. Hauptsächlich, weil dieser Verstoß in anderen Ländern unter fair use fiel. In anderen Fällen jedoch auch, weil ich dadurch weitere Daten meinem Erfahrungsschatz hinzufügen konnte. (Übrigens wollte ich das nicht immer.)

Kurzum: Ich bin im Zeitalter der beginnenden globalen Vernetzung aufgewachsen.

Aber vor allem habe ich aus der Menschheitsgeschichte gelernt, dass sich auch die derzeitigen Machtverhältnisse wieder ändern werden; dass täglich irgendwo auf der Welt Straßen, Plätze und Schulen nach den Sträflingen von vorgestern benannt werden. Demons to some, angels to others.

Erst kürzlich habe ich in Bernt Engelmanns 1976 erschienenen ‘Deutschem Anti-Geschichtsbuch’ "Wir Untertanen" erneut gelesen, wozu Resignation, Selbstzensur und Flucht führen:

»Das volle Ausmaß dieser Massen-Emigration ist nur sehr unvollkommen erfasst worden[.] Immerhin kann man sagen, dass bis 1871 etwa drei Millionen Deutsche die Wagnisse der Gründung einer neuen Existenz in fremdem Land dem Verbleiben in der unter reaktionärem Druck stehenden Heimat vorzogen.

Und diese starke Abwanderung fortschrittlich und freiheitlich gesinnter, entschlossener und zu Wagnissen bereiter Menschen hat sicherlich in erheblichem Maße dazu beigetragen, dass sich Untertanengeist und Rückschrittlichkeit noch mehr ausbreiten und noch fester Fuß fassen konnten.«

Deshalb geht für mich ziviler Ungehorsam nicht erst in dem Moment los, indem man bei Demonstrationen mitläuft, auswandert, oder gar versucht, die Symptome das Systems mit Farbbeuteln und Kofferbomben zu behandeln.

Nein, der zivilste Ungehorsam ist es, ruhig zu bleiben und weiterzuleben; ist, sich nicht kirre machen zu lassen von Familienministerinnen, Terrorwarnstufen oder Piratenjägern.

Natürlich darf man nicht die Sinnesorgane vor neuen Entwicklungen verschließen und unpopuläre Theorien ebenfalls nicht ohne Nachzudenken übernehmen.

Man muss in Blogs, in der Chat-Community und offline sowieso überall die eigene Meinung vertreten. Man muss mit Geldbeutel und Wahlkreuzchen abstimmen, Schlechtes boykottieren und Gutes unterstützen, jedem Kind logisches Denken und das Graben nach Erfahrungsschätzen beibringen, mal wieder hinauf zu den Sternen schauen, und stets daran denken, dass das Leben zu kurz ist, um immer auf Grün zu warten.

This entry was posted in hierzulande. Bookmark the permalink. Both comments and trackbacks are currently closed.

3 Comments