eingeboren

Im brasilianischen Regenwald wurde ein neues Urvölkchen entdeckt. Nun diskutiert nicht nur die Fachwelt eifrig über deren Schicksal.

Eine der Hauptströmungen, die sich in den Lawblog-Kommentaren recht schnell herauskristallisiert hat, kann man mit Lasst das Urvolk allein! zusammenfassen. Und dieser Befehl basiert auf einer Handvoll scheinheiliger Argumente:

»Die Zivilisation könnte ihnen auch gefährlich werden. Vielleicht sind sie gegen die Krankheiten des Urwalds immun oder haben Verhaltensweisen gefunden sich vor den Krankheiten zu schützen.
[…]
Man sollte sie respektieren. Und leben lassen. Es ist doch überheblich zu behaupten man müsste diesen Menschen Zivilisation beibringen, wo wir doch überhaupt keine Ahnung haben was sie bewegt.« (#2)

»Die Menschen leben dort, wie sie es schon immer gemacht haben. Anscheinend funktioniert es, sonst gäbe es sie ja nicht mehr. Mein Fazit: Lasst den Leuten ihren Frieden. Oder wollt ihr euch von anderen sagen lassen, wie ihr zu leben habt?« (#12)

»Wenn man sich mal die ganzen Urwaldvölker anschaut die wir bisher mit der sogenannten Zivilisation “gesegnet” haben, kann man eigentlich nur dafür sein diese Menschen das Leben leben zu lassen das sie jetzt leben.« (#16)

»Wenn sie wirklich “Kontakt” wollten oder sie mit ihrem Leben “unzufrieden” wären und sich nicht mehr selber ernähren könnten, dann hätten sie sich schon selber auf den Weg gemacht und geguckt was ihre Umgebung noch so bietet.« (#22)

Der stark ausgeprägte Beschützerinstinkt aller Menschen mit dieser Einstellung lässt sich nicht überlesen. Für sie ist die Tatsache, dass ein Urvolk ‘lebt’, Beweis dafür, dass dieses Leben für die auf diese Weise Lebenden optimal und erstrebenswert ist. Zweifel am Glücklichsein der Edlen Wilden und schmettern sie mit Argumenten ab, die tief blicken lassen:

»Es ist nicht jeder gleich bereit für “moderne Errungenschaften”.« (#22)

»Wenn die Lust auf die Zerstörung ihrer Gesellschaft haben, schaffen die das auch ohne uns und wenn wir kommen ist deren Gesellschaft gleich futsch.« (#23)

»Vielleicht werden diese Wilden unsere Zivilisation noch überleben.« (#63)

»Dieser Stamm ist nur ein weiter Grund den „Ethnik-Zoo“ (Regenwald) zu erhalten und er ist noch nicht mal der wichtigste.« (#68)

Das Wort "Ethik-Zoo" entlarvt die Unmenschlichkeit dieser Geisteshaltung. Die sogenannten Wilden werden nicht als vollwertige Menschen wahrgenommen; man sieht in ihnen Vor- bzw. Untermenschen, die gefälligst auf dem ihnen zugeschriebenen Niveau zu leben und zu sterben haben.

Auffällig ist außerdem, dass die Argumente der Kulturbewahrer allesamt den technischen und geistigen Fortschritt der letzten zehntausend Jahre herabwürdigen. Laut den durch lebenslange Erziehung domestizierten Diskussionsteilnehmern sind die Neuerungen in allen Fachgebieten nichtswürdig im Vergleich zu Naturbelassenheit.

Und das einzig deshalb, weil jeder Fortschritt neue Gefahren mit sich bringt. Das Klischee besagt nämlich, dass mit dem Einzug westlicher Werte und Produkte in das Leben eines Urvolkes deren paradiesische Parallelgesellschaft zusammenbricht.

Natürlich besteht diese Gefahr auch heutzutage noch. Doch das liegt dann nicht am Urvolk selbst, sondern an den Interessen und Methoden ‘unserer’ Kontaktpersonen.

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