Woran man erkennt, dass ein neues Medium Zukunft hat

Politiker und führende Vertreter (inzwischen) klassischer Medien …

+ … sehen in ihm einen Hort für Verbrechen und Unmoral.

+ … spielen die »Denkt doch an die Kinder!«-Zauberkarte, auf dass sich alles nur noch über die unbestreitbaren Probleme des neuen Mediums dreht und Hinweise auf Vorteile und Normalfälle für besorgte Bürger wie die Ausreden Mediensüchtiger klingen.

+ … fordern härtere Gesetze und höhere Barrieren (s.u.) gegen die neumediale Unzucht, ohne legale Alternativen oder brauchbare Lösungen für die Erleuchtung der Schattenseiten eines jeden Mediums zu bieten.

+ All das wird von den MediennutzerInnen verlacht.

Letzteres teilweise bis hin zur fanatischen Protesthaltung, in denen die Nutzer ihren ‘Feinden’ in nichts nachstehen. Die Rudel beider Parteien umkreisen sich solange mit gefletschten Zähnen, bis die Medienkritiker allesamt an Altersschwäche krepiert sind.

Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass sich’s lohnt, allzuviele fortschrittsfeindliche Dokumente und Zitate zu sammeln, nur damit man über sie noch Jahrzehnte später grinsend herziehen kann; also zum Beispiel Sonderhefte wohlfeiler Zeitungen und Zeitschriften zum Thema Internet.

Weil die Argumente sowieso stets die gleichen bleiben und nur die Technik sich ändert, die das Ende der Zivilisation einläutet.

Der US-amerikanische Televangelist Jack Van Impe beispielsweise prophezeite vor etlichen Jahrzehnten:

»1974 is the year that they´re now planning for sex on the streets on every major city from coast to coast. And get ready for shock: the music that they´re planning to use to crumble the morals of America is this rotten filthy dirty lascivious junk called rock and roll. It isn´t just the lyrics, it´s the beat.«

1974 ist das Jahr, für das sie nun Sex auf den Straßen in jeder größeren Stadt von Küste zu Küste planen. Und macht euch bereit für einen Schock: Die Musik, mit der sie die Moral Amerikas zerbröseln wollen, ist dieser verrottete, dreckige, schmutzige, laszive Schrott, bekannt als Rock and Roll. Es sind nicht bloß die Texte, es ist der Beat.

Wirklich eingetroffen ist seine erschröckliche Weissagung nicht. Obwohl – unter anderem auch dank Rock’n’Roll-Musik – die Sitten lockerer geworden sind: öffentlich wird über Dinge geredet, die früher als Tabu galten.

2008 ist die Stromgitarrenmusik rehabilitiert, inzwischen gelten entweder das Internet im Speziellen oder die Computer im Allgemeinen als Hort des Schlechten.

Denn die sind Schuld daran, dass Kinderpornographie, Terrorbaupläne, sogenannte Raubkopien und *gasp* kommunistische Propaganda nur durch Captcha-Rätselbilder davon abgehalten werden, bereits beim Ansurfen einschlägiger Webseiten den Verstand (heranwachsender) Bürgern mit verrottetem, dreckigem, schmutzigen, laszivem Schrott zu verpesten. Oder so ähnlich.

Ganz abgesehen davon, dass unerlaubt vervielfältigtes geistiges Eigentum die Zahlungsmoral der sogenannten Netizens inzwischen derart korrumpiert hat, dass der Zusammenbruch der sozialen Marktwirtschaft kurz bevorzustehen scheint.

(Ein Reiter dieser Apokalypse hört auf den Namen Raubkopierter Klingelton.)

Ausgerechnet in einem Vidcast ergreift die Bundeskanzlerin die Partei derjenigen Medien, die sie, hätte sie einige Jahrzehnte früher Deutschland regiert (as if), als volks- und moralschädigend angegriffen hätte:

»Aber es geht darüber hinaus auch darum, die Leistungen von Künstlern, Komponisten, Schriftstellern, Journalisten zu achten und zu schützen und hier – gerade angesichts neuer technischer Entwicklungen – Barrieren aufzubauen.«

Kanzlerin Merkel nimmt – indirekt zwar, aber dennoch – skandalöse Künstler, gierige Abmahnhanseln und die raffzahnigen Contentindustriellen (Stichwort Payola) in Schutz. Also beispielsweise Musiker wie Mickie Krause, dessen Superhit »Zehn nackte Friseusen« lange Zeit die Unterschichten-Charts angeführt hat.

Das kommen Baby Jesus die Tränen.

Wollen Sie mehr wissen?

Nerdcore:
Reaktion auf den weinerlichen Brief der Contentindustrie.

Lunatic Fringe:
Wohlformulierter(er) Gegentext, gerichtet an die barrierefreundliche Kanzlerin.

Netzpolitik.org
Elf Punkte, die Merkel und Konsorten beachten sollten, damit der Generationskonflikt nicht eskaliert.

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