Deutscher Gangstarap. Analyse am Beispiel eines Musikvideos des Marburger Rappers DK 1

Vorbemerkung

Anhand des auf der Internetplattform MyVideo.de entdeckten Musikvideos DK 1 Richtsberg erläutere ich die Techniken des hierzulande zeitgenössischen Gangstarap.

Mir ist klar, dass dieses Subgenre des Sprechgesangs von Übertreibungen lebt. Sobald im deutschen Hiphop die Rede von ‘Ghettos’ oder ‘Gangstern’ ist, wird diese Thematik oft als bloße Kopie us-amerikanischer Vorbilder wie etwa der G-Unit oder NWA bezeichnet; als Trittbrettfahrerei sozusagen. Doch dies zu glauben hieße, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu unterschätzen, die selbst noch im überdrehtesten Rapsong unterschwellig mitschwingen.

Die Konsequenz daraus war für mich, das Musikvideo so zu behandeln, als wäre sein Inhalt kein jugendlich-spaßiger Zerrspiegel der Wirklichkeit. Das fiel mir leicht, denn ich kenne weder das von DK 1 als Ghetto beschriebene Viertel Marburg-Richtsberg, noch die Anzahl seiner bisherigen Gerichtstermine.

Textebene

Eingeleitet wird das Lied durch gesampelte Streichinstrumente, die genau wie die übrige Instrumentation inzwischen genretypisch sind. Die Musik fällt nicht durch ‘seltene’ Drumlines o. ä. auf: Das Publikum kann sich auf die Textaussage konzentrieren, die so als wichtigstes Element der Produktion hervorsticht. (Im Unterschied etwa zu Nonsensversen, die einfach gut klingen.)

Der Textteil des Musikstückes beginnt mit einer durch den Künstler selbst vorgenommenen Einordnung seines Liedes ins musikalische Subgenre Gangstarap:

das ist ghettorap battlerap dk 1 du missgeburt
click boom in dein arsch und du schwuchtel bist tot

Die erste herabwürdigende Äußerung (»DK 1 du Missgeburt«) ist übrigens, soviel wird allsbald klar, keine Selbsteinschätzung; er würde sich niemals als Missgeburt bezeichnen.

Vielmehr ähnelt sie dem Satz »Vorsicht bissiger Hund!« und ist Teil der ersten von vielen Warnungen, die der Künstler an den Hörer richtet. Bzw. Teil des Liedes, welches in seiner Gesamtheit eine Warnung an Menschen ist, die ihm sein Revier – den Marburger Richtsberg – streitig machen wollen.

Die Worte »Missgeburt« und »Schwuchtel« implizieren die genetische und sexuelle Überlegenheit des Künstlers; die er laut eigener Einschätzung durchaus auf drastische Weise zur Schau zu stellen bereit ist. Unter anderem durch Handlungen, in denen er die Partnerin des nirgends namentlich erwähnten Gegners sexuell unterwirft. Und das, obwohl ihm dieser Lösungsansatz sicherlich unter anderen Umständen nie in den Sinn käme:

mic-check back in town ich fick deine frau

DK 1 lässt, wie so viele seiner Kollegen, die Frage unbeantwortet, warum genau er sexuellen Kontakt mit der Partnerin einer ‘schwulen Missgeburt’ haben will, obwohl dieser kurzfristige Machtbeweis den eigenen sexuellen Marktwert auf lange Sicht durchaus mindern dürfte.

(Anzumerken ist, dass sich der männliche Künstler in seinem Text durchgehend auf einen männlichen Gegner bezieht. Später im Text wird deutlich werden, warum.)

Eine andere Leseart, nämlich die, dass die Zeile »mic-check back in town ich fick deine frau« tatsächlich Teil eines echten Mic-Checks sein könnte, trifft mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu. Denn in diesem Fall wäre die Zeile wohl kaum im Musikvideo zu hören. Zudem ist es im Allgemeinen eher unüblich, Mikrofone mit drastisch-sexistischen Äußerungen auf ihre Funktion zu prüfen.

der g from da street ich sag du rappst wie ein clown

Diese Zeile ist mehr als nur eine herablassende Äußerung. DK 1 erklärt sich selbst zum G (gangsta) von der Straße, dessen Meinung der Sprechgesangeskünste seines Gegenübers aufgrund seines selbsterklärten ‘Straßenwissens’ (street knowledge) wegen keinen Widerspruch duldet.

ich box mich raus aus der masse keiner kann mich stoppen
ich trag wut in den venen weil ich deutsch-rap hasse
du willst auch rappen du hast kein' style du spast
du willst auch battlen komm ich zerhack dich mit der axt

Sein Weltbild besteht aus Verallgemeinerungen und Klischeevorstellungen, denen er sich nach eigener Einschätzung nur durch (verbale) Gewalt zu entziehen vermag. Er unterteilt ‘die Welt’ so gesehen nur in sich und seine Gegner; jeder Kollege ist ein potentieller Feind, da er DK 1 ja schließlich zum Battle herausfordern könnte. Seine Musik ist nicht Deutschrap Marke Fettes Brot, sondern etwas Härteres.

richtsberg nightlife hart wie titan
das ist gangsta-rap von berlin bis marburg an der laan

DK 1 steht für ca. 520 Kilometer Gangstarap, der laut mohs’scher Härteskala mit einer Stahlfeile ritzbar ist.

ihr kegs(?) könnt nach hause fahr'n versteckt euch ruhig weiter
euer rap ist im eimer ihr werdet alle scheitern

Er spricht seiner Konkurrenz die Fähigkeit ab, gegen ihn und seinen Sprechgesang anzukommen und fordert sie auf, nach Hause zurückzukehren. Er erläutert nicht näher, warum sie sich »weiter« verstecken sollen bzw. aus welchem Grund und vor wem sie sich bisher versteckt hielten. Wohl, weil der Liedtext seines Erachtens nach genug Gründe liefert, die diese Behauptung untermauern.

was ist nur los deine tante zieht in'n krieg
du ziehst drei lines und gibst dir dann die kante auf den beat

Hier könnte es sich um einen Insiderwitz oder eine ähnlich geartete Anspielung handeln, deren Sinn sich zumindest mir nicht erschlossen hat.

du weisst nicht was geschieht ein schatten und du fliehst
du fühlst dich sicher in der hood mach weiter faxen und ich schieß
keine gefühle diese gegend is' eiskalt
das ist kopfschuss boom mach die augen zu und es knallt

In letzten Textabschnitt vor dem Refrain betont der Künstler ein weiteres Mal die Unwürdigkeit des anonymen Gegners und die Härte seiner eigenen Gegend, in der es jedoch nicht so hart zuzugehen scheint, dass sich DK 1 bedroht fühlen würde.

Es drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass der Künstler selbst für die dort herrschende (seelische) Eiseskälte verantwortlich ist; dass er sie seinen Mitmenschen womöglich sogar mit Waffengewalt aufzwingt.

[refrain]
kampfsport-rap jetzt ist krieg wie bei doom
jetzt ist payday richtsberg klick-klack-boom
es ist uns're zeit wer hat jetzt die macht am boden(?)
es ist dk one ich komm in einer nacht nach oben
[/refrain]

Die ersten beiden Zeilen des Refrain bestehen aus Verweisen auf das popkulturelle Hintergrundwissen des Künstlers. Bemerkenswert ist das allein schon deswegen, weil sich diese Zeilen eines deutschsprachigen Rappers einzig durch das Wort »Richtsberg« von den Aussagen seiner deutschsprachigen Kollegen unterscheiden.

Um Härte zu demonstrieren vergleicht DK 1 seinen Sprechgesang mit einer klischeeisierten Körperkontaktsportart und der falsch wiedergegebenen Hintergrundstory des Ego-Shooters Doom. Zeile drei und vier verraten, dass sich der Künstler zutraut, binnen kurzer Zeit berühmt zu werden, da die Zeit dafür nun reif ist.

(Zumindest, wenn man voraussetzt, dass DK 1 mit »unsere« von sich selbst in der dritten Person redet; also quasi "das königliche wir" einsetzt, um erneut seinen Machtanspruch zu betonen.)

Der zweite Abschnitt beginnt mit einer Schilderung der wirtschaftlich prekären Situation und ihrer Auswirkung auf das gesellschaftliche Klima. Im ‘Richtsberg-Ghetto’ gibt es außer Sprechgesang nur wenige ungesetzliche Möglichkeiten, dem tristen und durch Geldsorgen geprägten Alltag zu entfliehen; der Künstler beispielsweise sodomisiert seine Gegner und entspannt (to chill) sich zwischen diesen Taten:

jeder will hier raus arbeitslosigkeit hartz vier
was willst du erreichen es ist wirklich kein spaß hier
ich chille jeden tag hier ich fick deinen arsch hier
jeder will rappen aber keiner ist so hart hier

Aber Hartz IV ist nicht die einzige Art, wie der Staat Einfluss auf DK 1 und seine Mitmenschen nimmt. Auch im Viertel des Künstlers gelten neben dem ‘Gesetz der Straße’ auch die Paragraphen des Strafgesetzbuches:

kein and'rer Weg ich war sieb'nmal vor gericht
dein viertel kackt ab unser viertel macht dicht
komm und ich klatsch dir meinen schwanz ins gesicht

Die in der dritten Zeile ausgesprochene Androhung ist nicht nur eine weitere latent homosexuelle Anspielung auf die Potenz des Künstlers, sondern liefert meines Erachtens sogar eine Erklärung für den Fakt, dass er bereits sieben Mal vor Gericht erscheinen musste.

ich rap' weiter akkord deine stadt ist gefickt
wer braucht dich du bist nichts du bist nur eine bitch

Hier findet sich die Begründung für die weiter oben erwähnte Annahme, dass sich der Text an einen männlichen Gegner richtet. Die bereits sexuell geladene Atmosphäre kippt erneut kurz in Frauenfeindlichkeit um. Bitch bedeutet nicht nur Hündin, sondern wird hauptsächlich als englische Entsprechung für das Wort Schlampe verwendet.

In den nachfolgenden Zeilen betont DK 1 weitere Male die Überlegenheit nicht nur seines Sprechgesanges und vermischt dazu popkulturelles Wissen, Sexualsprache und Frauenfeindlichkeit:

ich tret' dir ins licht und nehm dir dann die sicht
yeah richtsberg ghetto dk one best flow
wer ist hier der king komm ich ficke deine dreckshow
mach ruhig so weiter ich schubbs' dich von der leiter
ab heute ist game-over denn ich bin euer meister
meine lines fangen feuer also nutte rede nich'
ich verteile bomben und du kannst nicht gerade stehen bitch

DK 1 bezeichnet seine Kontrahenten in dem Versuch, sie zu beleidigen, als Bitches und Nutten. Das sagt einiges über seine niedrige Meinung zu den mit diesen Worten ursprünglich umschriebenen Frauenrollen aus. Schließlich wird er wohl kaum jemanden mit Worten verletzen wollen, die er nicht gleichzeitig selbst als verletzend empfindet. Soll heißen: Für ihn sind Schlampen uns Nutten keine Opfer des Patriarchates, sondern ekelerregende Gleichnisse.

sag nur ein wort und du hast richtsberg gegen dich
sag nur ein wort und du hast berlin gegen dich

Erneut sollen die Ortsbezeichnungen Berlin und Richtsberg Furcht und Schrecken unter den Gegnern zu verbreiten. Er verbietet seinen Gegnern den Mund und droht bei Nichtbeachtung damit, seine Anhänger gegen die Verbotsbrecher zu mobilisieren. Impliziert wird ein Staat im Staate, in denen beispielsweise ein Anruf genügt, um unerwünschte Personen für vogelfrei zu erklären.

- - - 2x refrain - - -

Abschnitt Drei beginnt mit einer Selbstbeschreibung in der dritten Person, für die übrigen Aussagen hingegen kehrt der Künstler in die bewohnte Erzählform zurück:

dieser junge hat power ich bin richtig krass sauer
ich rap' durch die nacht und fick dich in der rush-hour
du bist nur ein bauer ich mach die nacht zum tag
das ist gangsta-rap pur und ich schaufel dir dein grab

Ein weiteres Mal geht er auf die begrenzten Möglichkeiten ein, mit denen man sich in seinem Viertel die Lebenszeit vertreibt:

wochenende freizeit es ist wieder drive-by
die krasseste gegend hier ist immer highlight

Auch hier folgt nun wieder eine politische Botschaft, mit denen DK 1 zur Lage in Deutschland stellung bezieht:

ich hab die schnauze voll von euch ganzen säufern
ich scheiss auf politik und zeig mein' schwanz für deutschland

Den Rest des Textes lasse ich unkommentiert, da zu den bisher hervorgehobenen Techniken der Selbsterhöhung keine weiteren hinzukommen:

komm ich fahr nen x-fünf ich fress euch alle auf
es ist gangbang und ich steck die kugel in den lauf
wo sind alle rapper hin wer will mit mir dissen
rapper wie dich hab ich in der luft zerrissen
keiner traut sich her weil hier nie die sonne scheint
es ist aus und vorbei ich steck dir eine bombe ein
ich bin der boss ich bin ab heute der kanzler
ich rolle durch die straßen ich bin so wie ein panzer
mein block ist zum G? gewor'n ihr seid auf dem beat gestor'm
keiner kommt jetzt an mich ran denn ich bin in berlin geboren

- - - 2x refrain - - -

Bevor das Musikvideo verklingt, nutzt DK 1 die verbleibende Zeit, um shoutouts (engl. für Danksagungen) an Gleichgesinnte und Musiker zu richten. Während dieser Sekunden nennt er zum ersten Mal andere als seinen Künstlernamen; Abkürzungen überwiegen; diese spricht er genau wie sein eigenes Kürzel us-englisch ("dee kay one") aus.

Diese Aufzählung beweist, dass er szeneinterne Connections hat, untergräbt jedoch gleichzeitig auch die Allmacht, derer er sich vorher gerühmt hat.

Bildebene

Die Bildqualität des Musikvideos wurde nachträglich verfremdet und ähnelt der oft aufgeführten Kopie eines sepiafarbenen Films.

Hauptsächlich besteht das Musikvideo aus Aufnahmen, die den Künstler DK 1 gemeinsam mit seiner Crew zeigen. Während er rappt, zeigen die anderen Handgesten oder bewegen sich zum Takt. Alle blicken in die Kamera, womit erreicht werden soll, dass sich das Publikum beobachtet und bedroht fühlt. Kameraeinstellungen und die Aufmachung verraten das niedrige Budget und somit auch die ‘Echtheit’ des Gezeigten.

Die Personengruppe wirkt recht jung. Es gibt keine Frauen in ihren Reihen. Ihr Aussehen lässt auf einen Migrationshintergrund schließen. In Kombination mit dem Text des Liedes verführt das zu entsprechenden Vorurteilen betreffs sozialer Stellung, Schulbildung und Gewaltbereitschaft.

Dieses Spiel mit Vorurteilen ist durchaus gewollt. Es birgt jedoch die Gefahr, dass es zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung wird: die Jugendlichen grenzen sich selbst mit betont krassem Verhalten von der Gesellschaft ab.

Und die Gesellschaft macht ihrerseits die Grenze dicht, da sie die Ausgegrenzten als Bedrohung gesellschaftlicher Werte und Normen empfindet. Was wiederum den Frust der Jugendlichen steigert, da sie sich in ihrer Annahme bestätigt fühlen, nicht dazuzugehören.

Erschwerend kommt hinzu, dass diesem Clip im Vergleich zu den Musikvideos anderer Gangstarapper die typischen Attribute fehlen. Ein (BMW) X-5 findet zwar Erwähnung, taucht jedoch im Video selbst nicht auf. Zwar ist eine Handfeuerwaffe zu sehen, doch bei der handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine Schreckschusspistole.

Wo weltbekannte Gangstarapper teuren Privatbesitz (dazu zählen auch schöne, willige Frauen) vorführen oder zumindest einen Polizeiübergriff inszenieren, beschränkt sich die von DK 1 und seiner Crew präsentierte Macht auf böses Auftreten und verbale Attacken.

Zusammenfassung

Ich bin nicht der Meinung, dass dieses und ähnliche Musikstücke tatsächlich nur satirisch bzw. ironisch gemeint sind. Wenn Jugendliche damit prahlen, dass sie und ihre Freunde Gangsta – was sich mit Verbrecha übersetzen lässt – sind, sollte das ein Alarmsignal sein und nicht bloß mitleidiges Gelächter hervorrufen.

Jeder, der diese selbsternannten Gangster nur deshalb verlacht, weil sie im Unterschied zu einigen ihrer US-Vorbilder noch niemanden angeschossen haben, übersieht, dass die Existenz einer solchen Subkultur stets auf tatsächliche Mißstände hinweist.

Ohne Frage: Dieses und ähnliche Non-Budget-Musikvideos wirken auf Außenstehende bockig, verkrampft und letzten Endes lächerlich. Das wiederum ist ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Gefahrenquelle, schließlich wollen die Rebellierenden ernstgenommen werden. Geschieht dies nicht, droht die Eskalation: die Künstler müssen ihre Verbrecherqualitäten unter Beweis stellen und werden so tatsächlich zu Straftätern.

Deutscher Gangstarap ist eine weitere Modewelle, die irgendwann bricht und zurückrollt.

Doch da, wie ich bereits schrieb, auch diese Modewelle nicht ohne Auslöser ist, sollte sich ‘die Gesellschaft’ nicht damit begnügen, deutschen Gangstarap als kindische Aufmüpfigkeit abzutun. Die wenigen Worte, die DK 1 an Deutschland – also an die NormalbürgerInnen Deutschlands – richtet, sind eine deutlich verärgerte Reaktion auf die deutsche Innenpolitik.

Der Künstler mag tatsächlich ein überheblicher Sexist sein, aber er ist auch ein Bundesbürger, der sich um das Wohl seiner Mitmenschen sorgt.

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