eingesperrt und abgeschoben

Aus dem teilweise unsäglichen Interview mit Roland Koch, Christdemokrat, habe ich mir mal ein paar Aussagen rausgerissen und diese dann mit Geschwafel kandiert:

»Deutschland ist kein klassisches Einwanderungsland wie z. B. Kanada oder Australien. Bei uns treffen sich nicht viele Kulturen und bilden dann gemeinsam eine neue.« [Hervorhebung durch mich.]

Was im Umkehrschluss bedeutet, dass Einwanderer hierzulande ihre kulturelle Vielfalt an der Grenze abgeben und am deutschen Wesen genesen müssen. Versuch das mal jemand den Panflöten-Indios klarzumachen!

Wahrscheinlich ist Deutschland genau aufgrund dieses fest verankerten ‘Leitkultur’-Ideals führender Politvollprofis ein klassisches Auswanderungsland, während die übrig gebliebenen Bundesbürger die Dummen sind.

Und zwar im doppelten Sinn, wenn man sich aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungenen vor Augen führt; z.B. wird man in Deutschland dank moderner Technik schneller zum Verdächtigen (oder gar Straftäter), als einem lieb ist.

»Gefängnis muss man spüren, wenn es eine Wirkung haben soll.«

Echte Wirkung zeigt ein Gefängnisaufenthalt erst, wenn er den (Ex-)Gefangenen dazu veranlasst, nach Ende der Auszeit nie wieder wegen in diverser Kleinigkeiten Leute zusammenzuschlagen o.ä. – soweit klar. Doch ich ahne, dass härtere Gefängnisstrafen eben keine Lösungen sind und auch Abschiebung ins ‘Heimatland’ die Täter nicht zu guten Menschen umerzieht.

Erst recht nicht die Abschiebung, versteht sich. Ich weiß nicht, ob Koch das so ausdrücken wollte, aber auf mich schwingt im Interview-Subtext ein ‘Nur deutsche Werte sind gute Werte’ mit. Wenn ich richtig liege mit meiner Lesart, wundert mich Kochs Idee, Straftäter nach Hause zu schicken und weckt Erinnerungen an Arthur Conan Doyles "Lost World". Genauer gesagt an das aus der Vergessenen Welt mitgebrachte Flugsaurier-Ei, dessen Inhalt alsbald zeternd durchs offene Fenster des Vorlesungssaales entfleucht.

»Obwohl ihm sein Heimatinstinkt den richtigen Kurs verraten hat, kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass der letzte europäische Pterodaktylus irgendwo in den Weiten des Atlantik umgekommen ist.« (Üb: Reinhard Hillich, 1986)

"King Kong", ein anderer ungebetener Gast der zivilisierten Gesellschaft, wird als ‘gezähmt’ (oder zumindest unter Kontrolle gebracht) vorgeführt, bricht jedoch aus und zerdrischt die halbe Stadt, bevor ihn Flugzeuge vom Wolkenkratzer schießen.

Ähm, nun ja. Jedenfalls wird der kriminelle Ausländer höchstens in Deutschland zum richtigen Menschen geformt werden können. Denn in seinem Land wird er mit Taten, die hierzulande bestraft werden, wahrscheinlich König und zettelt zum Krieg gegen Deutschland an, um sich für die erlittene Schmach zu rächen!

Beispielsweise dafür, dass ihn das auf der BILDOnline-Seite eingebundene Überwachungskamerafilmchen ständig daran erinnert, wie blöde es war, an einem kameraüberwachten Haltepunkt Bundesbürger zu happyslappen.

Noch etwas: Wer wie Koch fordert, dass »Null Toleranz gegen Gewalt […] früh beginnen und Bestandteil unserer Integrationspolitik sein« muss, sollte auch nicht übersehen, dass jedem Straftäter durch Haft und so Gewalt angetan wird – ob diese nun gerechtfertigt ist oder nicht und ob sie nun als zu hoch, zu niedrig oder als angemessene Vergeltung der Tat empfunden wird.

(Strafe ist Rache! Freiheit ist Sklaverei!)

Das Gewaltmonopol des Staates, vor dem auch Unwissenheit nicht schützt, ist für jeden Menschen bedrohlich, der schon einmal gegen geltende Regeln verstoßen hat. Jede (mögliche) Übertretung der Grenzen von Norm und Moral übt psychische Gewalt auf die GrenzgängerInnen aus. Die wiederum sind von Staat zu Staat unterschiedlich; mal wird man für Mord eingesperrt, anderswo selbst ermordet hingerichtet und in Schurkenstaaten bekommt man mit nachweisbarem Hang zur Gewalttätigkeit schneller einen Job als durch Teamfähigkeit.

Die einzige Art, der Staatsgewalt zu entgehen, ist Selbstzensur. Jede Gesellschaft vertraut auf die Selbstzensur ihrer Mitglieder und jedes dieser Mitglieder vertraut im Gegenzug darauf, dass die Mitmenschen dieses Vertrauen erwidern. Wenn jede(r) jede(n) verdächtigt, bilden sich tumorgleiche Parallel-Gesellschaften, die die Einhaltung anderer Ethos-Schnittmengen zur Pflicht erheben.

Und jetzt ist mir die Gedankenkette gerissen, die ich von einer Gewalttat bis irgendwo kurz vor diesem Satz relativ straff gespannt zu haben glaubte. So etwas kann schon mal passieren in einem Weblog.

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