Tiefgrund und Weitblick

Toll ist auch immer wieder aufs Neue, wenn man sich in der Straßenbahn auf einen freien Platz vorgekämpft hat und eigentlich das Taschenbuch weiterlesen will, aber stattdessen deutschen Gangsterrap (Stichwort: Ghettofotze) mithören "darf", der aus einem mobilen Telefon "dröhnt". Die Hemmschwelle für öffentliche Vorführungen solchen Liedgutes scheint nicht sehr hoch zu sein.

Im Text des darauffolgenden Liedes ging es um Fotzen anderer Art. Nämlich um all jene, die der Texte wegen Musik verbieten, aber über die Behauptung vom deutschen Ghetto spotten, während in selbigen tagtäglich Kids und junge Erwachsene wegen Raubüberfällen und ähnlichem Kleinkram lebenslang in den Knast einfahren. Y’know’m’say’ng?

Und mir fiel mal wieder auf: Was zum Fick hat der eine Fakt mit dem anderen zu tun? Warum begehen junge Menschen ‘ohne Perspektive’ bei vollem (Unrechts-)Bewusstsein Straftaten und warum rappen ihre Freunde dann über diese Taten und deren juristische Konsequenzen, als ob Ersteres für Kids ‘dieses Milieus’ die einzige Perspektive und Zweiteres ungerecht ist?

Teilantwort A: Weil es verdammt einfach ist, über Staat/Polizei abzubitchen und schön auf maskulin zu machen, indem man – ob mit Worten oder Taten – Schwächere zusammenstaucht, beraubt oder was weiß ich was noch.

Teilantwort B: Weil Wiggas with (a bisserl) Attitude gut bei beeindruckten Mittelschichtsfans ankommen. Die sind hart und extrem, also automatisch Vorbilder bzw. Shlickvorlagen.

Teilantwort C: Weil wohl noch eine kleine Zeitlang fettes Geld mit simplen Gut-/Böse-Texten zu verdienen ist.

Moment mal! So simpel sind selbst die simpelsten Texte nicht. Jedenfalls, wenn man sie im Kontext sieht. Also im Zusammenhang mit anderen Texten oder teilweise sogar innerhalb eines Songs. Das verbale Mutterficken ist so ein Beispiel für die Vielschichtigkeit scheinbar billiger Rapklischees:

Die Drohung ist mehr oder weniger ein Reflexspruch, den man gemeinhin nicht ernstzunehmen hat. Zu anderen Gelegenheiten hingegen ist er aber sehr wohl beleidigend gemeint. (Wenngleich nur ganz selten im Wortsinn.)

Und auch das Anprangern der Überheblichkeit des Bildungsbürgertums oder der Medienwächter oder so gegenüber der selbsternannten Ghettobevölkerung hat mindestens zwei Schichten: Zum einen beweist ein solcher Text den (fehlenden) Weitblick des Künstlers. Und zum anderen sind die Lyrics der Spiegel ihrer Zeit, da sie sich einer Handvoll zur Entstehungszeit des Textes aktueller Themen bedienen. Themen, bei denen jede/-r für sich herausfinden sollte, ob sie Neuigkeit, alter Hut oder geldwerte Provokation sind.

Fazit: Ich muss wohl doch mal deutsche Blöcke, Kieze und Vorstädte besuchen. Am besten, noch bevor der böse Staat handelt; also zum Beispiel etwas gegen Armut und Perspektivlosigkeit unternimmt. Und am besten mit DV-Cam und Fotoapparat. Der dabei entstehenden Fotobildband (plus Dokumentarfilm) wird dann maximal als weiteres abschreckendes Beispiel für Städteplaner und Bildungsmiserekleinreder dienen. Mindestens jedoch der Erweiterung meines Horizonts.

Bleibt nur zu hoffen, dass dennoch kein Unbefugter meine Mutter fickt.

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