Worauf Richter achten müssen

…, wenn sie die bei Onlinedurchsuchungen abgegriffenen Daten auf Verwertbarkeit checken.

(Vorausgesetzt, es ist 100prozentig sicher, dass die Daten und Dateien auch wirklich dem Besitzer des angegrabenen Rechners gehören und nicht etwa einem bösen Wicht, der die Files dort nur zwischenlagert.)

Wormser Straße: Cyberspace

1) Richter sollten mehrere Sprachen verstehen, lesen und sprechen können und auf Draht sein, was den derzeitigen Terroristenslang angeht; um Doppeldeutigkeiten und lokale Slangausdrücke für Wörter wie Autobombe oder Sprengstoffgürtel zu entdecken.

Sie sollten auch zwischen die Zeilen schauen und selbst auf die billigsten Tricks achten. Denn gerade für die sind sich Terroristen nicht zu fein, wie jeder weiß. Es könnte zum Beispiel sein, dass sich Botschaften und Treffpunktdaten aus den ersten Buchstaben bzw. Wörtern der Sätze eines Textes zusammensetzen lassen.

Ganz übel ist übrigens, wenn die Texte komplett in Codesprache verfasst sind und böse Pläne nett umschrieben werden. »Tolles Wetter« etwa bedeutet unter Umständen »Um Zehn am Flughafen! Pack deinen Rucksack schön voll mit Nägeln und Scheiß, Alter!«

2) Es wird sicherlich nur computerkenntnissfreie Menschen erstauenen, dass Dateien nicht immer nur aus den Daten bestehen, die man ihnen auf den ersten Blick ansieht. Ihre Quellcodes kann man durch Kommentare ergänzen und ihre Auffindbarkeit durch Metadaten erleichtern. Versteht sich von selbst, dass in gut geführten Terrorcamps längst gelehrt wird, wie man diese Möglichkeiten missbraucht.

Dort wird übrigens auch gelehrt, wie man auf Anschlagsziele hinweist, indem man seinen Fußsoldaten genau einen Tag vor’m großen Knall einen Link auf die Startseite des Zielgebäudes sendet. Und wie man Ironie vortäuscht, ohne ironisch zu sein. Und wie man ironisch ist, ohne dass auffällt, dass man ironisch ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: Gute Terroristen wissen selbst nie genau, welches Atomkraftwerk sie nun genau in Schutt und Asche legen sollen, wenn ihnen ihr Anführer einen Link auf die Krümmel-Wikiseite sendet. So ein Link kann alles bedeuten. Und darum sind alle verwirrt. Sogar der König der Terroristen. Aber das dient einem guten Zweck: Auch die Durchsucher wissen nicht, ob und wie sie reagieren sollen, wenn sie den Link entdecken. Alarm schlagen? Abwarten? Oh, diese teuflisch hintertriebenen Staatsfeinde!

3) Ebenso ist anzunehmen, dass Selbstmordattentäter ihre Weisungen nicht nur über stinknormale EMails, die Weblog-Kommentarfunktion oder gar lieblos verborgen in einem *.txt-Anhang erhalten. Nein! Um nicht aufzufallen könnten zur Übermittlung von Treffpunkt- und Jihaddaten auch aufwendigere Methoden dienen, für die sicherlich am ehesten PCs genutzt werden, die nicht mit dem Internet verbunden und darum quasi unhackable sind.

So ist es für Menschen mit Knoff-Hoff ein (relativ) Leichtes, Filme und Musikstücke mit unterschwelligen Botschaften anzureichern. Im Spektrogramm einer Klangdatei könnte sich ein Aufruf zum flashmobbigen Flaggenverbrennen verbergen und Einzelbilder eines über Youtube und Co. verbreiteten Videoclips könnten gegen die westliche Welt mobil machen.

4 bis n) Alles in allem dürfen die mit der Überprüfung verdächtigen Materials beauftragten Richter sich nicht damit zufrieden geben, an der Oberfläche zu kratzen. Alles ist verdächtig und kann gegen den Staat oder weiß der Geier wen noch verwendet werden, auch wenn es noch so harmlos erscheint.

Auf Ebay-Auktionen könnten schmutzige Bomben den Besitzer bzw. die Besitzerin –Fachjargon: Schwarze Witwe – wechseln; Myspace– und Flickr-Profile könnten dazu dienen, unterschwellig den Märtyrertod zu verherrlichen und LOLCats das Christentum verhöhnen. Und so weiter, und so fort.

Ach ja: Erwähnte ich schon, dass der Trend weg vom Desktop-PC und hin zur virtuellen Festplatte geht? Dass die Zukunft (ach was: die Gegenwart!) Filehostern wie Imageshack und Archive.org gehört, auf die man Daten auslagern kann, bevor sie der Staatsschutz in die Festplatte bekommt? Dass der wichtigste Ordner auf heimischen PCs und Macs und Torwalds inzwischen das temporäre Verzeichnis des Browsers ist? Dass dessen Inhalt beim Schließen des Browsers automatisch geleert wird und sich der Inhalt täglich ändert? Dass die heimliche(!) Onlinedurchsuchung nervenaufreibender wäre, als eine Beschlagnahmung des Zielrechners?

Ich kann mich in all diesen Punkten auch irren, denn ich kenne mich mit Hard- und Software des digitalen Lauschangriffs natürlich nicht aus. Aber ich wage die Behauptung, dass es denen, die diese Maßnahme zum Wohle des Volkes befürworten, genauso geht wie mir. Vielleicht sogar noch schlechter, weil sie die technischen Realitäten nur vom Hörensagen kennen und höchstens dreimal jährlich das Internet betreten.

Ja, auch ich bin gegen Terroranschläge. Aber das hindert mich nicht daran, klar zu denken und bei diesen Gedankengängen zum Schluss zu kommen, dass den Bürgern Deutschlands durch die Diskussion zur Onlinedurchsuchung Sicherheiten vorgegaukelt werden, die es nicht geben kann, solange Menschen Individuen sind und keine Gemeinschaft von einheitlich denkenden Drohnen.

Nun ja… Die Alternative zum Drohnenszenario ist klar. Deutschland muss den internetbedingten Fortschritt aufhalten und die Bürger – sprich: die potentiellen Terroristen – aus dem Schlaraffenparadies Interweb vertreiben. Oder aber die klassische Sender-Empfänger-Odnung wiederherstellen.

Mal schauen, welche Zukunftsvision zur bundesdeutschen Wirklichkeit wird.

Wird es der Überwachungsstaat sein, der eine Abwanderungswelle der deutschen Elite nach sich zieht? Wird die Bevölkerung lobotomisiert – allen voran die geduldeten Ausländer und Linksradikalen? Wird das Web verboten, wie es gesundheitsschädliche Konsumgüter schon längst sein müssten? Bleibt alles so, wie es ist? Behält Schäuble Recht? Wird der Heilige Krieg™ per Amazon-Wunschliste ausgerufen?

Man darf gespannt sein.

This entry was posted in hierzulande. Bookmark the permalink. Both comments and trackbacks are currently closed.
  • Gruselgrotte (Symbolbild)
  • Pages

  • Archives

  • Categories

  • Impressario

    P.V., Lübbenauer17,DD p_willscheckETTyahooDOTde