Ökologische Nahrungserzeugung allein ist auch keine Lösung

(Das ist mir nicht erst heute aufgefallen, aber erst heute finde ich die Zeit, darüber mal wieder ein paar Zeilen zu schreiben.)

Wenn ich das richtig verstanden habe, dann wird artgerechte Nutztier-Freilandhaltung erst möglich, wenn große freie Flächen vorhanden sind, auf der sich die Viecher tummeln können. Will sagen: Nutztiere nehmen der echten Natur mehr Platz weg, als wenn sie dumm in Ställen und Käfigen dahinvegetieren.

Natürlich (no pun intended) schmecken die Eier im ersten Fall irgendwie besser und das Fleisch stammt von glücklichen Kühen. Aber was wäre, wenn sich ausnahmslos alle Kunden für solche Produkte entscheiden würden? Oder krasser: Was wäre, wenn es keine Alternative gäbe, weil die Alternative zur Nutztierethikverordnung erhoben wird?

Wie viel größer müssten die Kulturflächen werden, um den Bedarf zu befriedigen?

Hinzu kommt nämlich, dass Wiesen und Weiden und Felder ebenfalls auf ökologisch bewirtschaftet werden müssten, sobald der Bedarf (bzw. Zwang) es gebietet. Mit dem Ergebnis, dass Bauern viel mehr Hektar Korn und Gemüse und Co. anpflanzen müssten, um den Ertrag einzufahren, den die KäuferInnen benötigen – und zwar nicht nur als Modegag und Sonntagsgemüse, sondern im Wortsinne für ihr täglich Brot.

Denn dieser Anbau würde ganz ohne unökologische Hilfsmittel geschehen. Sprich: Kein/kaum Chemiegespritze und ebensowenig künstliche Düngung. Alles natürlich™. Und alles uneffektiv und gefährlich. Ungeschützte Monokulturen* sind zwar für eine öko- und biobesiegelte Nahrung Voraussetzung sind, aber gleichzeitig auch für schädlings- und schimmelpilzbedingte Erntetotalausfälle.

(* Wer hat da gesagt, jeder Bauer sollte von allem etwas anbauen und von jeder Tierart zwei Paare halten, um das Risiko zu streuen? Vergesst mal nicht, dass wir im relativ dicht bevölkerten Mitteleuropa des Jahres 2007 leben und die Erträge für mehr als nur eine Handvoll Leute plus deren Verwandtschaft reichen müssen!)

Und in diesem Falle würden die ethisch und ganzheitlich lebenden Verbraucher Europas ruckzuck auf ein Zeitalter zusteuern, in dem es Hungersnöte gibt und Kriege um landwirtschaftlich ergiebige Gebiete. Genauso wie früher in der schönen alten Zeit, als alles noch so einfach war und die Menschen noch viel mehr Zeit für kleine Probleme hatten.

Wie etwa Skorbut, Amöbenruhr, krumme Knochen, Pest und Völkerwanderung.

Also: Solange wir noch in der belächelten Unterzahl sind, können wir ruhigen Gewissens Produkte mit Bio- und ähnlichen Garantiesiegeln kaufen. (Sogar Nuss-Nougatcreme und Bananen, wenn es denn sein muss.)

Aber wir dürfen auch nie vergessen, wie unkomplex* das Verbraucherleben war, als einem zum Wörtchen Dönerbude nicht automatisch Gammelfleisch einfiel. Und dass es mal eine Zeit gab, in der man für Kleingeld kiloweise ‘frisches’ Obst aus fremden Ländern gekauft hat, ohne sofort an die Bauern zu denken, die ihre Felder mit Quecksilber und Atommüll schädlingsfrei halten müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben.

* Komplex ist etwas, bei dem es kein klares Feindbild gibt.

Fortschritt und Komplexität bedingen sich, sind aber an sich nichts Böses. Wem etwas zu komplex ist, dem fehlt meist nur der Überblick; der sucht nach vermeintlich einfacheren Lösungen oder sehnt sich nach alten, weniger komplexen/komplizierten Zeiten zurück. Und übersieht die für diese Zeiten typischen Probleme und Gefahren.

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