Aus der Begründung des bayrischen Gewaltspiel-Gesetzesantrags vom 2. Februar 2007

Die folgenden Zitate entstammen dem "Entwurf eines Gesetzes zur Verbesserung des Jugendschutzes (JuSchVerbG)" [pdf], mit dem – Wer hätte das gedacht? – eine Verschärfung gemeint ist und weniger eine Verbesserung.

Ebenso klar ist der Grund für die geforderte ‘Verbesserung’:

»Wenige Jahre nach den Bluttaten in Bad Reichenhall 1999 und in Erfurt 2002 sind die Bürgerinnen und Bürger angesichts der neuen Gewalttat in Emsdetten 2006 aufs Neue zutiefst erschüttert. Der Amokläufer war im Besitz zahlreicher jugendgefährdender Medien.«

Oh my fucking gawd, war ich erschüttert! Wegen den Pfeifen, die sich sofort dieser Erklärung bedienten. Wegen der Gestapo-Schergen, die das Vermächtnis des Amokläufers aus dem Internet entfernten. Wegen der Blödpresse, die durch Zensur und Verfälschung Sebastian B.s Motive zu vertuschen versuchten, indem sie seinen gesellschafts- und medienkritischen Abschiedsbrief in das Werk eines egozentrischen Irren verwandelten. Und wegen der Tat selbst.

»Wissenschaftliche Erkenntnisse belegen, dass insbesondere sog. Killerspiele, die menschenverachtende Gewalttätigkeiten zum Gegenstand haben, eine gewaltabstumpfende und für bestimmte labile Charaktere auch eine stimulierende Wirkung haben können. Zwar sind einzelne Auswirkungen von Gewaltspielen noch umstritten. Zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse legen aber eine nachteilige Wirkung gerade auf Jugendliche nahe.«

Der Witz ist, dass die Formulierung »eine nachteilige Wirkung« alles bedeuten kann. Vom Amoklauf bis hin zum aufmüpfigen Verhalten gegenüber den Erwachsenen und anderen Verhaltensweisen, die »schädlich [für] die Gemeinschaft« sind.

»Die schrecklichen Vorfälle zeigen, dass Maßnahmen notwendig sind, um insbesondere Kinder und Jugendliche vor Gewaltexzessen in Form menschenverachtender Gewaltspiele zu schützen.«

Zeigen sie das wirklich, oder sind sie bedauerliche Einzelfälle, die eher mit der deutschen Wirtschafts- und Gesellschaftsform zu tun haben? Niemand wird es je erfahren, denn die meisten Amokläufer können auf diese Frage nicht mehr antworten; dem Rettungsschuss sei dank.

»Die aktive Übernahme der Rolle eines rücksichtslosen brutalen Kämpfers fördert geradezu die Akzeptanz von Gewalt legitimierenden Verhaltensmustern.«

[…]

»Die Strafwürdigkeit der Herstellung und Verbreitung derartiger Spielprogramme liegt in der durch verschiedene Untersuchungen belegten besonderen Gefahr begründet, dass aufgrund der aktiven Handlungen eines Spielers dessen Gewaltbereitschaft gefördert oder verstärkt werden kann bis hin zu der Möglichkeit, konkrete Taten mittels Computerspielen vorzubereiten, indem bestehende Objekte als Spielort programmiert werden.«

Dazu fallen mir gleich Mohamed Atta und seine Mannen ein, die wahrscheinlich mehr Spaß an Flugsimulationen gefunden haben als normale Menschen. Oder die zigtausend Leute, die dank Guitar Hero zum Rockstar wurden und nun abhängig von Ruhm und Kokain sind.

»Es besteht kein legitimes Bedürfnis für Erziehungsberechtigte, exzessive Gewaltdarstellungen Jugendlichen oder gar Kindern zugänglich zu machen. Das Erzieherprivileg wird daher ersatzlos aufgehoben.«

Hey, Moment mal! Ich kann doch wohl meine Kinder erziehen, wie und womit ich will! Oder sollen die mir etwa den lieben langen Tag dabei zusehen und -hören, wie ich mich erfolglos bewerbe, über Staat und Wirtschaft herziehe und für einen neuen Krieg bin, der Arbeitsplätze schafft und den Genpool bereinigt?

(…, könnte sich ein deutscher Staatsbürger fragen, auf den diese Merkmale zutreffen.)

»Derartige Spiele beinhalten eine Tendenz, durch mehrfache Wiederholung der Vorgänge Gewalttätigkeiten zu verharmlosen und ggfs. auch zu verherrlichen. Zudem sind sie geeignet, eine gewaltabstumpfende und für bestimmte labile Charaktere auch eine stimulierende Wirkung zu entfalten.«

Und zwar auf die gleiche Weise, wie auch das gebetsmühlenartig wiederholte Beschwören der Gefahren, die der Gesellschaft durch Killerspiele, Kinderschänder und Terrorismus drohen, das Hirn des Bürgers weichklopft, bis der nur noch an Sicherheit denkt und nicht mehr an Freiheit.

»Der Kern des Unrechts und die spezifische Gefährlichkeit von Killerspielen liegen nicht in einer Schilderung von Gewalttätigkeiten, sondern in der Ausrichtung des Spiels auf die Begehung (virtueller) Gewalttätigkeiten grausamer oder sonst unmenschlicher Art.«

Un-menschliche Gewalttätigkeiten? Wie etwa Mord, Betrug, Raub, Mobbing, Krieg, Vergewaltigung, Verstümmelung, Folter, Hinrichtung, Genozid, Kopfschüsse und Atomschläge?

»Der Umstand, dass es sich um virtuelle Vorgänge handelt und nicht um ein reales Geschehen, ändert nichts an der Strafwürdigkeit. […] Wenn in Spielen eine Situation geschaffen wird, in der die Vorstellung einer Verfügbarkeit des Menschen als Objekt, mit dem nach Belieben verfahren werden kann, vorherrscht, kommt es für den Menschenwürdeschutz nicht darauf an, ob es sich um ein rein fiktives Geschehen handelt.«

Heisst das etwa, ich wandere wegen zigtausendfachen Mordes lebenslang in den Knast, weil ich Ende der Neunziger Duke Nukem 3D und Blood gespielt habe – oder gelten für virtuelle ‘Kapitalverbrechen’ andere Verjährungsfristen? Heisst das etwa auch, dass ich der Mittäterschaft in fast ebensovielen Fällen schuldig bin, weil ich Freunde und Verwandte nicht von Mord und Totschlag an PC und Konsole abgehalten habe?

»Vom Ordnungswidrigkeitentatbestand nicht erfasst werden die gesellschaftlich anerkannten traditionellen Sportarten, wie etwa das Fechten. Bei diesen Sportarten steht der Zweck der körperlichen Ertüchtigung im Vordergrund.«

Wenn ich Fechten höre, denke ich an Burschenschaften. Also völkisch-nationale Spackentruppen, die im Morgengrauen Duelle austragen und sich Schmisse zufügen. Ich als Teil der Gesellschaft erkenne solchen Scheiss nicht an, obwohl er traditionell ist und inzwischen nur noch eine gaylordige Randgruppenbeschäftigung von vielen ist.

Traditionell sind übrigens auch Schützenvereine. Und deren Mitglieder sind oft direkter für reale Amoktaten verantwortlich als die von einem Großteil der Jugendlichen konsumierten Gewaltmedien. Sei es, weil sie labile Jugendliche aufnehmen; sei es, weil sie ihre Waffenschränke nicht ordentlich abschließen.

»Das Tatbestandsmerkmal der Geeignetheit, die Menschenwürde zu verletzen, stellt auch im Übrigen sicher, dass nicht sanktionswürdige Verhaltensweisen wie die herkömmlichen „Cowboy- und Indianerspiele“ unter Kindern und Jugendlichen vom Anwendungsbereich des Ordnungswidrigkeitentatbestandes ausgenommen bleiben.«

Warum eigentlich? Und ab wann wird ein Spiel mit gewalttätigen Wurzeln zum Gewaltspiel? Die Counterstriker zum Beispiel ahmen tatsächliche Gewalt nach. Sie schlüpfen in die Rollen real existierender Antiterror-Einheiten und jagen Gleichgesinnte, die sich als Mitglieder real existierender Terror- und Gewaltverbrechertrupps ‘verkleidet’ haben.

»Häufig handelt es sich bei [Spielen an Bildschirmgeräten ohne Gewinnmöglichkeit] um niveaulose „Baller-Spiele“.«

Im Unterschied zu niveauvollen Ballerspielen, wie sie unter anderem die US-amerikanische Armee zur Rekrutierung nutzt?

»Es ist durchaus gängige Praxis, dass sich erwachsene bzw. heranwachsende Personen mit billigen Mietkassetten bzw. DVDs versorgen und diese an ihre noch nicht volljährigen Freunde weitergeben oder ihnen vorführen. Gerade dieser Vertriebsweg hat dazu geführt, dass heute schon viele Kinder und Jugendliche mit Porno-, Horror- und Gewaltdarstellungen konfrontiert werden.«

Ganz schlimm. Die beste Lösung wäre wohl die, Video-/Mediatheken zu verbieten. Oder noch besser: Man könnte doch Lager einrichten, damit die Kinder nicht mit anderen Altersgruppen in Kontakt kommen.

»Es kann als gesichert gelten, dass vor allem Gewaltfilme, die zudem nicht selten extremistisches oder radikales Gedankengut enthalten, insbesondere bei ungefestigten und labilen jungen Menschen schädliche Auswirkungen haben können.«

Nur, damit ich das richtig verstehe: "Es kann als gesichert gelten, das [etwas] Auswirkungen haben kann?" Wie bitte? Was ist denn das für ein Argument? Ist das überhaupt ein Argument? Was zum Geier?!!!1

»Gerade bei Kindern und Jugendlichen, die schreckliche Gewalttaten verübt oder konkret geplant haben, werden oft Gewaltvideos sichergestellt.«

Wer weiß, woran genau das liegen könnte? Irgendwer? Irgendwer? Bueller?

»Aufgrund dieser Tatsache ist es dringend erforderlich, ein Verleih- und Vermietverbot für indizierte Videofilme bzw. DVDs zu schaffen.«

Aufgrund der Tatsache, dass gerade bei Kindern und Jugendlichen, die schreckliche Gewalttaten verübt oder konkret geplant haben, Gewaltvideos sichergestellt werden, soll ein Total[!]verbot durchgedrückt werden? Da stimmt doch irgend etwas nicht.

Und wieso ist plötzlich von -videos die Rede? Haben die Formulierer des Gesetzesantrags etwa einen Textbaustein aus den Achtzigern übersehen?

»Durch die virtuelle Ausübung von Gewalt kann diese verharmlost werden und es können Hemmschwellen zur allgemeinen Gewaltanwendung abgebaut werden. Letztlich sind die Spiele dazu geeignet, ein Abstumpfen gegenüber Tötungshandlungen zu fördern.«

Der virtuelle Mord ist nur einen Mausklick entfernt, die verfassungsfeindliche Überwachung von Heim-PCs und Konten ebenfalls, der tatsächliche Mord nur ein Zucken des Zeigefingers am Abzug. What’s the difference?

»Für junge heranwachsende Menschen mit geringem Budget ist der Kostenfaktor bedeutsam. Ein höherer Kaufpreis ist zumindest eine gewisse Hürde für den Erwerb jugendgefährdender und indizierter Medien.«

Eine gewisse Hürde ist gleichzusetzen mit keine Hürde in einer weltweit vernetzten Welt. Wer Fickbilder sehen will, ist nicht auf deutschen Anbieter angewiesen, und wer virtuelle Gewalt ausüben will, überspringt solche Hürden ebenfalls mit Leichtigkeit. Hürdenlauf ist übrigens auch eine anerkannte, gesellschaftlich akzeptierte Sportart.

»Dabei gilt es auch den Jugendschutz für Kinder und Jugendliche zu verbessern, die auf Trägermedien in unnatürlicher, geschlechtsbetonter Körperhaltung dargestellt sind. […] Kinder und Jugendliche sind keine Sexualobjekte.«

Wer will das beurteilen? Doch sicherlich nicht ein Gesetzgeber, der Moralvorstellungen vertritt, die nicht erst seit JoJo und den Lollipops auf tönernen Füßen stehen.

Hier nun der übliche Disclaimer meinerseits: Ich bin gegen Kinder- und Gewaltpornographie, aber auch der wissenschaftlichen Studien untermauerten Überzeugung, dass sich (sexuelle) Normen im Laufe der Zeit ändern. Mal zum Schlechten und mal zum Guten. Man denke nur an die von ihren Vorgesetzten zumindest geduldeten Vergewaltigungen der Verliererfrauen und -kinder durch Soldaten einer Siegermacht. Oder daran, dass inzwischen sogar Präsidenten fremdgehen, ohne abdanken zu müssen.

»Die Regeln zur Indizierung müssen sich aber stärker als bisher und explizit an den ethischen Grundregeln unserer Gesellschaft orientieren. Daher soll zukünftig eine Verrohung bei Spielprogrammen auch dann vorliegen, wenn die Begehung von Verbrechen keine nachteiligen Wirkungen auf den Erfolg des Spiels hat.«

Gesetztestreue Gegenmaßnahme der Spieleentwickler: Beim Messermord wird der Täter/Spieler mit (grünem) Blut bespritzt und läuft somit Gefahr, aufzufallen.

Und wenn man mal genauer darüber nachdenkt, bekommen virtuelle Straftäter auch jetzt schon nachteilige Wirkungen zu spüren. In RPGs beispielsweise werden sie als Diebe oder Meuchelmörder bezeichnet, mit denen keine(r) was zu tun haben will und denen kein Gutbürgerlicher normale Aufträge gibt. Und in den besseren Ego-Shootern sinken mit jedem Schuss die Chancen aufs Überleben, weil der Schuss weitere Feinde anlockt, die man dann erschießen muss und so weiter.

»Die Höchstbetragsgrenze für Bußgelder darf nicht zu niedrig bemessen sein. Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz dürfen sich insbesondere für Gewerbetreibende wirtschaftlich nicht lohnen. Angesichts der Wirtschaftskraft ist der Rahmen von 50.000 Euro zu niedrig bemessen und daher zu erhöhen. Es ist kein Grund ersichtlich, warum im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag die Höchstbetragsgrenze für Bußgelder bei 500 000 Euro liegt, im Jugendschutzgesetz lediglich bei einem Zehntel.«

Es ist nicht ersichtlich, warum für betrunkene Autofahrer ein härteres Strafmaß greift als für betrunkene Totschläger ohne PKW.

Es ist nicht ersichtlich, warum nur Gewaltmedien stigmatisiert werden, die beim Volk nicht sonderlich beliebt sind.

Es ist nicht ersichtlich, warum die persönlichen Vorlieben einiger Politiker darüber entscheiden sollen, welche Informationen altersgerecht oder gut für die Gesellschaft sind.

Es ist nicht ersichtlich, warum Kindern und Jugendlichen dermaßen viel vorenthalten werden soll, dass sie – falls ihre Erziehungsberechtigten und ihr Umfeld sich an bestehende Gesetze halten – der Eintritt ins ‘Erwachsensein’ in einen Schockzustand versetzen wird.

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(via wwwut / Oeffinger Freidenker)

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