Zehn Phrasen für Killerspielegegner

Diese Spiele verändern den Bezug Jugendlicher zur Realität grundlegend. Ihre Realität wird die Videowelt. Sie werden in einer Scheinwelt groß und ziehen sich diese Welt tagtäglich über Videospiele rein. Sie steigern sich in etwas rein und glauben, dass diese Spiele das eigentlicher Leben sind. Das ist gefährlich, denn daraus kann man sie nur schwer wieder zurückholen.

He da, immer langsam, Herr Speck! Sie verwenden ja gleich mehrere Phrasen.

1.
Diese Spiele verändern den Bezug Jugendlicher zur Realität grundlegend.

Woher wollen Sie wissen, dass sich die Einstellung dieser Vielspieler grundlegend ändert? Bastian B.s Sicht aufs ‘richtige Leben’ etwa dürfte für Durchschnittsbürger sogar ein wenig zu realistisch sein:

»Wozu soll ich arbeiten? Damit ich mich kaputtmaloche um mit 65 in den Ruhestand zugehen und 5 Jahre später abzukratzen? Warum soll ich mich noch anstrengen irgendetwas zu erreichen, wenn es letztendlich sowieso für’n Arsch ist weil ich früher oder später krepiere? Ich kann ein Haus bauen, Kinder bekommen und was weiss ich nicht alles. Aber wozu? Das Haus wird irgendwann abgerissen, und die Kinder sterben auch mal. Was hat denn das Leben bitte für einen Sinn? Keinen! Also muss man seinem Leben einen Sinn geben, und das mache ich nicht indem ich einem überbezahlten Chef im Arsch rumkrieche oder mich von Faschisten verarschen lasse die mir erzählen wollen wir leben in einer Volksherrschaft.«

Wie sieht denn die Realität aus, in der Sie leben? Gerade sie als Polizeigewerkschaftschef sollten wissen, dass aus den nichtigsten Gründen jährlich nicht nur auf Dorffesten hunderte Bierflaschen zu Schlagwaffen werden. Ich schreibe mal ein Wort hin, nur um auf den Zug aufzuspringen: Killeralkohol!

2.
Ihre Realität wird die Videowelt.

Unter Umständen. Doch dann liegt das nicht an den virtuellen Welten, in denen der Weg zu Erfolg und Ruhm vorgegeben ist, sondern an der für den Unrealisten einerseits erschreckend komplexen und andererseits einfach zusammenfassbaren Realität. Siehe oben. Ich glaube nicht, dass Bastian zum Amokläufer wurde, weil vor seiner Schule ein GTA-likes Killing-Spree-Item rotierte.

3.
Sie werden in einer Scheinwelt groß …

… in die sie im Gegensatz zu anderen Scheinwelten wenigstens nicht von Eltern und anderen Erziehern hineingedrängt wurden. Wir erinnern uns: »Meine Handlungen sind ein Resultat eurer Welt, eine Welt die mich nicht sein lassen will wie ich bin.«

4.
… und ziehen sich diese Welt tagtäglich über Videospiele rein.

Eine der schlimmsten Totschlag-Formulierungen überhaupt ist "reinziehen". Das klingt nach stumpfem Konsum, nach unmenschlichem Verhalten. Reinziehen ist für Menschen das, was "verschlingen" für Raubtiere ist. Die meisten Leute haben, wenn sie reinziehen hören oder aussprechen, das Klischeebild einer Kokserin vor sich, die sich harten Stoff durch die Nase jagt.

(Das andere, von Pädagogen und anderen Fachleuten gern verwendetes Sprachklischee ist übrigens "In Rambo-Manier". Welcher Teil denn, frage ich mich dann immer? Wenn Pädagogen "Rambo" sagen, meinen sie bestimmt nicht den John Rambo aus dem Original, der sich bei seinem Ex-Vorgesetzten ausheult, weil selbst er keinen Ausweg mehr sieht aus der Sackgasse, in die ihn Staatsmacht und Lebenslauf gedrängt haben.)

5.
Das ist gefährlich, …

Nein. Das ist nur gefährlich, sobald jemand Menschlichkeit und Leben aufgibt, weil er/sie zu faul ist, die Realität lebenswerter zu gestalten.

6.
… denn daraus kann man sie nur schwer wieder zurückholen.

Könnte stimmen. Jedenfalls, wenn man klugscheißend über die virtuellen Welten der Problemgruppe herfällt, ohne ihr echte Alternativen zu bieten. Und ich meine Echte Alternativen! – Sport statt Zocken? Ist das nicht reichlich unglaubwürdig, wo doch die meisten Sportarten ebenfalls auf Konkurrenzkampf bauen?

7.
Die lebensfeindliche Gewaltverherrlichung durch diese Spiele darf in Zukunft nicht mehr möglich sein. Die Diskussion darüber muss aufhören, statt dessen müssen Nägel mit Köpfen her.

Genau, Herr Speck! Lassen Sie uns Nägel mit Köpfen machen. Über die Wirksamkeit irgendwelcher Verbote diskutieren können wir auch noch, wenn sie durch sind und die Deutschen wieder ein Stückchen bevormundeter.

(Gibt es für Sie eigentlich auch lebensbejahende Gewaltverherrlichung?)

8.
Wir brauchen ein Strafmaß ähnlich dessen der Kinderpornografie, auf jeden Fall so hoch, dass keiner glauben kann, er werde sowieso nicht erwischt.

Wobei erwischt? Beim Spielen?

9.
Parallel zum Verbot Gewalt verherrlichender Spiele müssen wir den Kontakt zum Umfeld der Kinder und Jugendlichen verbessern.

Wohlgemerkt zum Umfeld, nicht zur Zielgruppe selbst. Warum so zurückhaltend? Vielleicht ja deshalb:

»Ein Großteil meiner Rache wird sich auf das Lehrpersonal richten, denn das sind Menschen die gegen meinen Willen in mein Leben eingegriffen haben, und geholfen haben mich dahin zu stellen, wo ich jetzt stehe; Auf dem Schlachtfeld!«

10.
Die Kinder sind zu oft sich selbst überlassen. Viele Eltern wissen gar nicht, was Sohn oder Tochter am Computer so treiben.

Manchmal ist es den zum S.A.A.R.T.-Lebenslauf erzogenen Eltern aber auch nur scheißegal, was ihr Nachwuchs treibt. (Nicht, dass die Kinder an diesem Zustand keine Schuld hätten.)

BONUS-Phrase
Wir haben in Emsdetten erkannt, dass ein solcher Vorfall nicht verhinderbar ist, auch mit 100.000 Polizisten nicht. Man kann einen solchen Gewaltakt aber im Vorfeld verhindern, wenn man versucht, auf diese Jugendlichen einzugehen.

Word! Nur darf es nicht beim Versuch allein bleiben. Vor allem aber müssen sich die Versucher Erwachsenen vorher gut überlegen, welche Alternative sie Problemkindern zu bieten haben: Eine lebenswerte Realität oder nur eine weitere Scheinwelt.

Quelle der Abschiedsbrief-Zitate: Telepolis

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