Der Traum war seltsam genug, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Er gipfelte darin, dass Pierre versucht hatte, eine Möwe, die mit ledernem Geschirr an einem hölzernen Wägelchen befestigt war, auf dem eine Ente saß, am Davonfliegen zu hindern.

Woraus auch immer dieser vom Unterbewusstsein zusammengestrickte Traum handeln mochte; worauf auch immer er hinwies… Letztendlich hatte er Pierre geweckt. Und nun lag er wach, starrte zur Zimmerdecke und dachte nach.

Zuerst natürlich darüber, was zum fucking Geier ihm dieses Traumbild sagen wollte. Aber nachdem ihm klar wurde, dass dies beim besten Willen zu nichts führen würde, schwenkten seine Gedanken auf eine andere Thematik um.

Und gut eine Viertelstunde später stand er auf, zog sich ein wenig mehr an, fuhr den Laptop hoch und sog sich folgende Absätze aus den Fingern:

Wir leben in einer Zeit, in der Terroristen und andere Bekloppte keine Waffen mehr bei einschlägig bekannten Großhändlern kaufen müssen, um Unheil anzurichten, sondern sich mit Putzmitteln, Dünger und (last, but not least) Kugellagerkugeln zum Schrottpreis zufriedengeben.

Eine flüchtig hingeworfene Bemerkung am Flughafen-Check-In oder auf dem Bahnsteig, eine versehentlich am Taxistand vergessene Tasche, ein unvorteilhaft geparkter Kleinbus… Dies alles und noch viel mehr alarmiert inzwischen regelmäßig Staatsmacht und privates Sicherheitspersonal.

Denn Kameraaugen, Sicherheitspersonal und Spracherkennungssoftware kennen keine Ironie; dürfen auch keine kennen. Eben, weil Terroristen nicht nur auf Bombenbau und Pässefälschen, sondern auch auf schützende Ironie und Pseudo-Vergesslichkeit getrimmt werden.

(Und darauf, nicht etwa Sekundenbruchteile vor einem Selbstmordanschlag laut "Lobet den Herren!" oder so zu rufen. Könnte ja sein, dass der Zündmechanismus des Sprengstoffgürtels versagt. Und dann steht man dumm da; mitten auf einem Marktplatz voller Ungläubiger, den nutzlos gewordenen Carrera-Rennbahn-Drücker noch in der Faust.)

Aber hey: Irgendwann ist Schluss mit der Scheiße! Spätestens, wenn selbst die hardcoresten Staats- und Systemfeinde öffentliche Nahverkehrsmittel meiden. Aus Angst, selbst zum Opfer eines Anschlags zu werden; als Leiche von vielen zu enden, statt als Märtyrer.

Das wird ein Zustand sein, den Geschichtsschreiber vielleicht als kalten Terror bezeichnen werden; die Parodie auf einen Fluggast, der rein vorsorglich eine Bombe mit an Bord nimmt, weil dadurch die statistische Wahrscheinlichkeit für einen zweiten Sprengsatz im Flugzeug auf NullKommaIrgendwas sinkt.

Pierre las die Zeilen und war zufrieden. Zwar enthielten sie kein Wort über seine eigenen, ganz persönlichen Ängste vor diversen Krebs-Unterarten und anderen gesundheitlich bedingten Lebenszeitverkürzern (ganz zu schweigen von "the clima"), aber zumindest war nun mal wieder einer dieser längeren, nur halb durchdachten Beiträge im Kasten; die das Markenzeichen seines Weblogs waren.

Er schloss das Schreibprogramm, kopierte das Ergebnis auf eine Speicherkarte und ging wieder schlafen. Und hegte die Hoffnung, vielleicht doch noch herauszufinden, was zum fucking Geier es mit Möwe und Ente auf sich hatte.

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