Puppendiebstahl (Hosenstall des Todes, 26.05.05)

Am Sonntag: Mein Bruder will wandern. Also steigen wir ins Auto und rasen über die Autobahn. Raus aus dem Elbtal und erstmal seinen Freund und dessen Freundin abholen. Da sie nicht wirklich Lust auf frische Luft und Blasen an den Füßen hat, bleibt ein Platz frei.

Die beiden sitzen vorn und fachsimpeln über BMW und Audi und ich schieße Fotos vom Erzgebirge. Unsere Suche nach einer für eine Wanderung (bzw. erstmal zum Parken) perfekten Stelle führt uns durchs Städtchen Berthelsdorf. Das liegt östlich von Glashütte und südwestlich von Liebstadt.

Am Ortseingang weisen eine Werbetafel und eine etwa drei Meter hohe Figur aus Strohballen auf die am 28. Mai stattfindende 550-Jahr-Feier der Kleinstadt hin.

Scharfer Stopp. Aussteigen. Wir versuchen aus einer Laune heraus, die Figur umzukippen, doch sie ist zu schwer. Und die Idee, eines der haltgebenden Seile an der Hängerkupplung zu befestigen und die PS zu nutzen, ist dann doch zu krass.

Also weiter. Aber nicht viel weiter, denn vor dem Gasthaus sitzt eine lebensgroße ‘männliche’ Puppe, mit blauer Kombi und kariertem Stoffhemd und Hut und sogar einer Brille; die 3D-Karikatur eines Schuhmachers.

Wir halten an, grinsend, steigen aus und ich fotografiere, wie sich Bruders Freund die Puppe auf den Schoß setzt.

Ach ja, fast vergessen: Trotz Mittagszeit und gutem Wetter ist weit und breit KEIN MENSCH zu sehen. Die Kleinstadt liegt still da, und wir sind anscheinend auch die einzigen Durchreisenden in dieser Stunde.

Deshalb wird die inzwischen gereifte, zweite dumme Idee dieses Tages in die Tat umgesetzt.

Ich steige hinten links ein, mein Bruder fährt das Auto in Position, sein Freund sprintet los, wirft die Puppe neben mich auf die Rückbank und springt auf den Beifahrersitz.

Dumm, dass der BMW nur zwei Türen hat und der Pappmachékopf zwischen zurückschnellendem Sitz und Türrahmen eingeklemmt wird. Diagnose: Schädelvollbruch.

Ein Mann (wir sehen ihn nicht mehr) schreit mit lauter, bösartig klingender Stimme “Ey!!” oder etwas in der Art, doch unser Fluchtwagen ist schnell; der BMW rast die Hauptstraße hinunter durch die Kleinstadt. Wir sind voll auf Adrenalin und lachen und lachen und lachen.

Irgendwo weit weg von Berthelsdorf setzen wir die Puppe richtig hin und schnallen sie sogar an. Der Kopf ist vorn und hinten eingedellt, die Brille zum Glück nur abgerissen und nicht zerbrochen und der Hut hängt lose an einem Faden.

Wir nennen den aus Flaschen, einem Eimer und anderem Krempel bestehenden Kerl “Holger”.

Zuhause angekommen, trage ich Holger hinauf in unsere Wohnung und setze ihn auf den in meinem Zimmer herumstehenden Liegestuhl.

So finden ihn dann auch am frühen Abend die Polizisten vor, die vorher erst bei uns (wir sind inzwischen bei Freunden und ahnen nichts Böses) und dann bei unseren aus der Tschechei zurückgekehrten Eltern geklingelt und geklopft haben.

Noch am gleichen Tag müssen wir drei uns auf der kaum hundert Meter von Zuhause entfernten Wache einfinden. Wegen einer Strafanzeige – Diebstahl.

Der Beamte grinst und wir erst recht. Was wir uns dabei gedacht haben? Tja… Nix. Reiner Blödsinn. Ein Telefonat nach Berthelsdorf klärt das weitere Vorgehen: Wir sollen Holger am Mittwoch, dem 25. Mai, abliefern und dann entscheidet der Kläger, ob er die Anzeige zurückzieht.

Bereits kurz nach der Rückkehr nach Hause (wir müssen Holger von der Wache heimtragen) operieren wir den Kopf; beulen ihn mit einem Ess-Stäbchen aus. Die Risse, die abgeplatzte Farbe und auch die abgerissene Brille bringen Bruder und Freund am Montag in Ordnung…

… während ich nach der Arbeit in einem Regionalbus einschlafe und erst in Dresden (mit offenem Mund, verdammt!) wieder aufgewache. Schwarz gefahren… Scheiße! Bis zur SLUB und zurück nach Hause löse ich jeweils einen Streifen meiner Viererkarte. Diesmal werde ich sogar kontrolliert. Doch genug off-topic!

Ich berichte am Abend meiner Freundin von unserem ‘Streich’ und maile ihr Fotos. Auch sie (wie auch die Freundinnen meiner ‘Komplizen’) findet es nicht zum lachen.

Der Diebstahl einer lebensgroßen Puppe ist wohl etwas, an dem nur kindische Jungs etwas lustig finden. Gut, dass wir Holger nicht aus dem Auto geworfen haben. Oder an einer Brücke ‘erhängt’. Da wären wir drei jetzt sicher wieder solo.

Mittwoch geht es gleich los, als ich gegen siebzehn Uhr von Eurojob und Amt für Arbeit und Soziales (wegen der Saisonarbeit bei München, aber das ist ein anderes Thema) nach Hause komme.

Mutter ist total aufgedreht und regt sich über unsere müde Scherze auf und wirft uns regelrecht raus. In der Eile vergesse ich mein Portemonnaie in der Jacke im Rucksack in unserer Wohnung.

In einem Penny-Markt kaufen wir Eierlikör und Müsliriegel. Die Riegel für unterwegs, den Likör als (ziemlich armselige) Wiedergutmachung: Nur etwa fünf Euro kostet eine Flasche dieses guten Tropfens.

Dann der Schicksalsschlag: Der Tank ist fast leer und natürlich tankt Bruderherz. Für fünfundzwanzig Euro… Dumm nur, dass die beiden vorn kaum noch und ich kein Bargeld dabei habe(n) und die Tankstelle keine Sparkassen-Karten akzeptiert.

Wir schauen meinem Bruder nach, der zum Geldautomaten fährt. Von Kleingeld kaufen wir ihm inzwischen einen Duftanhänger für den Rückspiegel. Das Motiv: Ein halbnackter Kerl, der mit hinter dem Kopf verschränkten Armen und aufgeknöpfter Jeans im Wasser steht.

Er kommt wieder und zieht eine Fresse und sagt, er kann nichts abheben, weil die fucking Telefonrechnung bereits abgebucht wurde und darum das Konto überzogen ist. Er selbst kann nicht überziehen, nur Rechnungen können das. Scheiße war’s.

Nun fahren sie zu zweit zum Automaten und ich bleibe zurück als atmender Pfand.

Der Freund hebt alles Restgeld ab, bezahlt die bereits wieder ‘angerissene’ Tankfüllung und wir fahren weiter… Mit dem penetrant ‘duftenden’, peinlichen Ding am Rückspiegel. Etliche falsche Abzweige und eine Kehrtwende später kommen wir, etwa Viertel nach Sieben, in Berthelsdorf an.

Wie zum Hohn sitzen und stehen inzwischen zahlreiche Puppen am Straßenrand, die wohl das jeweilige Gewerbe im Gebäude dahinter illustrieren sollen. So ist (oder war) etwa der vordere Teil der Gaststätte – Holgers Standort – eine Schusterei.

Heute ist viel los am Tatort. Scheinbar alle wichtigen und weniger wichtigen Einwohner haben sich hier versammelt. Ein Junge mit Nagezähnen weist uns ein und von einem nahen Heuwagen aus schauen weitere Kinder und Jugendliche der Rückgabe zu.

Und das Schlimmste: Alle sind nett. Wir fühlen uns kurzzeitig richtig schlecht. Wir murmeln Entschuldigungen, setzen Holger zurück auf seinen Platz und übereichen einer Frau den Likör.

Ein Typ Anfang Vierzig, mit blondierten Haaren, der einen Fußball mit sich herum- und einen Trainingsanzug trägt, meint zu unserem ‘Geschenk’ in etwa: “Hättet ihr lieber ‘nen Bierkasten mitgebracht.”

Die peinliche Szene dauert nicht lange. Nach gut zehn Minuten verabschieden wir uns und steigen in den Wagen. Nur weg hier…

Am Stadtrand parken wir, um erst einmal durchzuatmen. Bruder telefoniert und Freund geht pinkeln und ich fotografiere den (zweiten), ebenfalls durch eine Eimer-Flaschen-Pappmaché-Puppe ‘verschönerten’ Ortseingang.

Da hält ein weißer Kleintransporter Marke Hundefänger neben unserem mit toten Insekten beschmierten BMW und der Fahrer fragt, ob wir uns “schon die nächste [Puppe] ausgucken” und was wir “gelöhnt” hätten… Nun aber wirklich los!

X-mal verfahren wir uns auf der Suche nach dem Weg nach Bannewitz und Dresden; Schlottwitz und Glashütte durchqueren wir mehrmals und beinahe führt uns unser Weg erneut durch Berthelsdorf. Argh!

Am Waldrand, laut einem Wegweiser Einskommafünf Kilometer entfernt von Schlottwitz, steht ein Eiswagen von Family Frost und wir kaufen Eis… Wenigstens noch etwas Cooles zum Abschluss der Reise.

Trotzdem: Verbrechen lohnt sich nicht!

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