Eine ehemalige Lehrerin, geboren am 14. April 1908 (Hosenstall des Todes, 24.05.05)

…, die erzählt mir heute, dass nach der Befreiung Dresdens durch die Rote Armee die russischen Soldaten drei Mal bei ihr im Haus waren.

Einer hat ihr den Lauf seiner Maschinenpistole an den Hals gepresst und (wegen ihrer schwarzen Haare) gefragt: “Du Jude?” Dann hat er sie gezwungen, eine randvoll mit Wein gefüllte Blumenvase leerzutrinken…

Die Vase hat sie mir gezeigt; sie steht in ihrem Zimmer auf einer uralten Kommode und ist aus (Was sonst?) Meissner Porzellan.

Die 97jährige stammt aus einem feinen Elternhaus; findet Russisch zwar eine “schreckliche Sprache”, kann dafür jedoch noch immer fließend Englisch und Französisch sprechen.

Zweiteres beweist sie, indem sie “Wollen Sie mit mir franzöisch sprechen?” in eben dieser Sprache sagt und mir erklärt: “Wenn Chirac hier herkäme, würde ich ihn das fragen.”

Sie bewundert übrigens nicht nur Jaques Chirac, sondern auch Wladimir Putin. Der kann reiten wie ein Cowboy und macht auch sonst was her. Besonders beeindruckt ist sie immer, wenn er durch die Tür seines Amtszimmers auf die Reporter zugeht. “So souverän.”

Schade findet sie, dass sich im ganzen Seniorenzentrum kein gleichaltriger (und geistig reger) Gesprächspartner auftreiben lässt.

Irgendwie gruselig, die Vostellung, dass man in siebzig, achtzig Jahren vielleicht der Einzige im Umkreis von etlichen Kilometern sein könnte, der sich noch an die deutsche Erstausstrahlung der Simpsons erinnert… Bzw., der auch noch davon zu berichten vermag.

Später, nach etlichen Themawechseln, verrät sie mir, dass sie abends immer mit fernsieht… Mit abgestelltem Ton. – “In der Fernsehzeitung steht ja meist eine Zusammenfassung. Mehr brauche ich nicht zu wissen.”

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