Radebeul—München und zurück (Hosenstall des Todes, 11.04.05)

Eindrücke von der Reise am Wochenende, im Nachhinein aufgeschrieben.

Es gibt irgendwo in Thüringen nahe der Bahnstrecke ein ‘Lehrstellwerk’. Was zum Geier?!

Genauso seltsam liest sich das Wort RUFBUS, dass in Großbuchstaben an einem der Bahnhöfe steht.

Wunderliche Durchsage: “Ab heute bedient Sie wieder ein freundlicher Mitarbeiter des Bahnundsoweiter.” — Der letzte war wohl nicht so freundlich.

Die Digitalkamera (PowerShot A510, 3,2 Mega-Pixels) versagt, wenn’s um Fotos innerhalb der Bahn oder im nächtlichen München geht. Das Licht ist gelblich, die Aufnahmen griesig und/oder verwackelt. Ein Stativ wäre angebracht gewesen, doch ich bin ja nicht geschäftlich hier. Zurück in Radebeul werd ich viele der Aufnahmen löschen. Zum Glück hab ich mir ‘ne Digitalis zugelegt. Hundert sinnlose Fotos auf Film, das würde dicke ins Geld gehen.

In Hof steigen einige bayrische Jugendliche zu, die sich über ? unterhalten. Es dauert einige Zeit, bis uns deren ‘Sprache’ nicht mehr stört und belustigt. Ich muss an den Gag aus Switch! mit Hackl-Schorsch denken und grinse blöde, krieg mich aber irgendwie wieder ein.

Ich verstehe die Bayern, wenn ich gut zuhöre, doch dieser Slang ist klingt so scheisse wie unsor Säggsch. Das Gute: Man kann so ein bayrisches Gespräch einfach ‘überhören’ wie die Unterhaltung der beiden (weiß?-)russischen Pärchen neben uns. Oder Fahrstuhlmusik.

Umweg über Regensburg, wegen dem verdammten Regionalexpress, mit dem wir (dank des auf solche Züge beschränkten Wochenendtickets) durch die Republik schuckeln. Wie geil: Plötzlich sitzen wir entgegen der Fahrtrichtung. Langsam wird’s dunkel.

In München, halb zwölf(?) rum nachts. Es regnet und wir eilen zum PKW der wartenden Arbeitgeberin meiner Freundin. Die Fahrt zum Wohnheim(?) ist lang und verwirrend, zu Fuß wären wir wahrscheinlich schneller gewesen, wie wir später feststellen.

Das Wohnheim befindet sich direkt neben einer der In-Kneipen und ist das ekligste Doppelzimmer, das man für 80 Eusen pro Monat kriegen kann in der Stadt. Das Klo im Gang ist versifft, die Dusche irgendwo im Keller des Gebäudes und die Betten fleckig von Ichwillsnichtwissen; der Abfluss des Waschbeckens ist mit Reis verstopft, das Eisfach des Uralt-Kühlschranks dick mit weißer Pracht gefüllt. Wir schlafen auf dem Klapp-Sofa, mit Pullovern als Kissen!

Am Sonntag (10.04.05) erkunden wir die Innenstadt. Historisch schistorisch, kein Geschäft ist geöffnet und das ist Moppelkotze. Typisch für eine Touristenstadt: Asiaten mit Fotoapparaten. In einem Bahnhofs-Shop verkaufen sie Paulaner (oder Erdinger?-) Baseball-Caps mit dem Schriftzug auf chinesisch.

München ist Leipzig auf bayrisch plus haufenweise übergroßer und überschätzter Sehenswürdigkeiten. Es gibt, wie auch in jeder anderen Großstadt, genug dreckige Ecken. Was haben die wohl mit dem Geld aus dem Solidaritätszuschlags-Säckel angestellt? Wahrscheinlich noch ‘ne Kirche gebaut, haha. Alle Fahnen hängen auf Halbmast wegen dem toten Papst.

Drei Bretzn/Bretzeln für einen Euro. Ich hol sechs Stück. (Und werd kurz vor Riesa die letzte gegessen haben.)

Tränen beim Abschied, ich bleibe so cool es geht. Ist ja nur’n halbes Jahr, verdammt. Und das Zimmer is’ ja nur vorläufig. Wenn ihre Arbeit genauso scheiße ist wie die Unterkunft, hol ich Margit dort raus. Wir steigen gemeinsam ein, Umarmung, Küsse, sie steigt aus und klopft an die Scheibe und dann geht sie. Auf dem ‘Heimweg’ verläuft sie sich und kreuzt zwei Mal den Virtualienmarkt. (Oder heisst des Viktuarienmarkt? Sah jedenfalls ziemlich abgefuckt aus. Wie ein stillgelegter Rummelplatz ohne Attraktionen.)

14:44 Uhr gehts los. Heimwärts. Mit mir im Zug bis kurz vor Hof sind eine Gruppe Jugendliche, die reden wie eine Mischung aus Michael Mittermeier und Playboy Fifty-One und Aggro-Berlin zitieren, sich unter anderem als Voll-Honk und Arschficker beschimpfen und über Eko Fresh herziehen. Beim Bahn-Servicemitarbeiter bestellen sie Döner, was alle im Abteil lustig finden. Ich versuche zu lesen und schreib ab und zu eine Notiz ins graue Ringbüchlein.

In einem nachdenklicheren Moment ihrer Unterhaltung geht’s nicht um ‘die Zigeunerfotze’, sondern um Gewalt in der Familie. Einer erzählt: “Mein Vater hat mir sogar mal ‘ne Schelle gegeben, weil ihm’n Poster [in meinem Zimmer] nich’ gepasst hat.” Und nach einem Moment relativer Stille meint er nur: “Bin froh, dass er tot is’.” — Als sie aussteigen, lassen sie etliche leere Bierflaschen stehen.

Alberne Durchsage: “Wir erreichen in wenigen Minuten den Bahnhof Hof Hauptbahnhof.”

Als der Zug ein anderes Mal hält, tritt das langsame Quietschen der Bremsen eine Erinnerung los an den Soundtrack zu Spiel mir das Lied vom Tod.

Ich laufe herum, um wieder Arsch und Beine wieder mit Blut zu füllen. Die Sitze sind einfach scheisse entworfen. Tötet den Designer!

Ach ja, Designer: In München konnte man den Namens-Schriftzug im Schaufenster eines solchen Designer-Büros nicht entziffern, weil der’s übertrieben hatte. Negativ-Reklame vom Feinsten.

Ich bin so gelangweilt, dass ich mich (zum ersten Mal überhaupt) über die Musik aus den Kopfhörern eines einige Sitze entfernten Mitreisenden freue; nicke im Takt der Snare mit. Hip-Hop ohne Namen und Text, nur Ts–Ts-Tss-Ksch, weil die tieferen Töne nicht nach aussen gelangen. Leider steigt der Typ mit den Kopfhörern in Gera aus.

Endlich sagt wieder eine sächsische Stimme die nächsten Bahnhöfe an.

‘ne halbe Stunde vor Leipzig noch ein Lichtblick: Zwei Briten unterhalten sich. Auf britisch natürlich, doch darum gehts nicht. Der eine erzählt seinem Kumpel, dass der Sohn seiner Arbeitskollegin ertrunken wäre beim Schwimmen in Marokko. Am Vortag hätte der noch ne Postkarte an sie geschrieben mit den Standardfloskeln, am nächsten Tag war er tot und drei Tage später wurde er an Land gespült. Tückische Strömungen und so. Die Frau hätte jede Menge Papierkram abhandeln müssen, um ihren Sohn überhaupt einfliegen lassen zu können. Und nun muss sie unter Aufsicht eines Gerichtsmediziners in den angelieferten Sarg schauen, um die Identität des Toten sicherzustellen. Schweigsame Momente. Minuten später reden die Briten über polnische Mädchen, Zungenküsse und Haarschnitte.

Ich lese immer abwechselnd in drei Büchern: In Feuer und Stein (bis Seite 198), in Buckaroo Banzai von Earl Mac Rauch (bis Seite 72) und in Helge Schneiders Der Scheich mit der Hundehaarallergie (die letzten 70 oder so Seiten). Naja, die Fahrt dauert ja auch etwa 8 Stunden und 40 Minuten.

This entry was posted in Artikel-Grabbeltisch, Hosenstall des Todes. Bookmark the permalink. Both comments and trackbacks are currently closed.
  • Gruselgrotte (Symbolbild)
  • Pages

  • Archives

  • Categories

  • Impressario

    P.V., Lübbenauer17,DD p_willscheckETTyahooDOTde