Antiamerikanische Umtriebe

Sieht ganz so aus, als hätte die Mixtur aus Trump-Präsidentschaft, Podcasts und Twitter dazu geführt, dass ich mich auf meine Mitmachnetz-Wurzeln besinne: Weg von den Spaßtweets und hin zum Online-Linksextremismus in Form von Drunterkommentaren und pazifistischen Allgemeinplätzen!

Nun jedoch mit manchmal knapperen Satzbauten. Aber größtenteils dennoch auf Twitter. Sehr zum Leidwesen der auf Fäkalhumor geeichten Follower_innen.

Neulich beispielsweise ging der Krieg “des Westens” mit Syrien in eine heiße Phase über. Sofort bekamen nicht bloß Hurrapatrioten einen dicken Hals, als selbsternannte Linke ausgerechnet gegen die Luftschläge der Alliierten protestierten.

RT Julian Reichelt:
Man kann Trump jetzt für komplett verrückt erklären. Man kann aber auch argumentieren, dass US-Geheimdienste jetzt gute Chance haben zu erkunden, welche Maßnahmen Russland nun trifft und wie mögliche Reaktion auf Syrien-Angriff aussehen könnte. Es ist auf jeden Fall höchst unwahrscheinlich (bei Trump aber möglich), dass solch ein Tweet nicht mit Intelligence und Pentagon abgestimmt war.

Wir erleben die Kuba Krise des Social-Media-Zeitalters. Ich halte es für durchaus möglich, dass Russland und USA zum ersten Mal seit langer Zeit die Alarmbereitschaft ihrer Nuklearstreitkräfte erhöhen.

Bei aller Gefahr, die von dieser Lage ausgeht, darf man aber nicht vergessen, dass Chemiewaffen-Einsatz nicht ohne Konsequenzen bleiben darf und Trump nur umsetzt, was Obama mit seiner „roten Linie“ angekündigt hat.

Solch eine Steilvorlage konnte ich mir nicht entgehen lassen.

Denn zuerst einmal ein Funfact: Trump hat noch nie einen Tweet mit Irgendwem abgestimmt! Bestenfalls gibt es für seinen Account zusätzliche Ghostwriter, da die Wortmeldungen manchmal seltsam unaufgeregt und wohlformuliert wirken oder aber der 100% pure Trumpstyle wie mit Milchpulver verschnitten ist.

Vermutung hierzu: irgendein Praktikant hat das Post-It mit den Logindaten gefunden.

Reichelts zusammenfassendes “Wir erleben die Kuba Krise des Social-Media-Zeitalters” lässt mich annehmen, dass er längst den Keller voller Vorräte hat und alle Fenster abgeklebt – und lbnl hat er Pfeil&Bogen gekauft, um nach dem Atomkrieg loszuziehen und anderen Überlebenden das Toilettenpapier abzujagen.

“Gute Chance haben zu erkunden, welche Maßnahmen Russland nun trifft” ist hingegen sehr euphemistisch formuliert: CIA und Co. steckten seit den 1940erjahren zig Milliarden US-Dollar in Planspiele und Intelligence und können jetzt dennoch nur abwarten, wie unser Jahrzehnt endet, denn ihr Commander-in-Chief agiert sprunghaft und merklich neben der Spur.

[Im Originaltweet schrieb ich ‘geisteskrank’ und entschuldige mich an dieser Stelle dafür, nicht nur hinsichtlich aktueller CSU-Gesetzesvorstöße.]

Gleichauf gruseliger- und vorhersehbarerweise waren trotz der in den letzten Jahrzehnten gelinde gesagt negativen Konsequenzen US-amerikanischer Interventionen etliche gerngehörte Stimmen sofort kriegsbefürwortend. Sie geißelten den Antiamerikanismus.

RT Hanning ‘@hanvoi’ Voigts:
Jetzt sind wieder alle gegen Bomben auf Syrien. Dass Russland seit 2015 für Assad bombt, war und ist lange nicht so viel Thema. Dieser Doppelstandard ist wirklich so entlarvend.

tl;dr: »Jetzt sind alle wieder gegen Bomben.«

Spaß beiseite: das Problem heisst Antiamerikanismus! Nach einhelliger Expertenmeinung ist das nämlich die Einstiegsdroge zum Antisemitismus.

Dass die USA nicht erst seit der Wahl eines unfitten, ethisch-moralisch korrupten Präsidenten die Werte und Ziele der Aufklärung in den Schmutz ziehen, wird bei aller Kritik an einzelnen Entscheidungen des Präsidenten hingenommen.

RT Virgil Texas:
some two and a half centuries of constitutional democracy have culminated in a literal senile man surrounded by bloodthirsty sycophants with the untrammeled prerogative to make war. gg no re

Die propagierte Freedom of Choice führt nun unter anderem natürlich auch dazu, sich nach Alternativen umzusehen. Nur logisch, dass mancheiner dem Putin mehr Staatsmannbarkeit zutraut und also auf Friedensdemos “die Nähe zum Kreml sucht”, zu diesem selbst-sich-am-nächsten-seienden Nationalen Sozialismus. Weil: Ist es wirklich antiamerikanisch, aufs siegessicherste Team zu setzen, oder nur die konsequent verzerrt weitergedachte amerikanische Unabhängigkeit?

[»I’m learning Chinese now!«, says Wernher von Braun.]

Sogar der Kopf einer moralisch ehemals wohl mal klargegangenen deutschen Oppositionspartei schlägt bei blinder pro-amerikanischer Fahnentreue nicht auf den Tisch, sondern klopft defensive Sprüche.

RT Cem Özdemir:
Schon spannend, wie sich manche jetzt vor allem über die Luftschläge des Westens in #Syrien empören. Diese Empörung hätten wir auch gebraucht, als #AssadPutin – unterstützt durch den #Iran – Blutbad um Blutbad angerichtet haben. Wo wart ihr bei den Demos? #Syrienkonflikt

Seine Wortwahl der “Luftschläge des Westens” ist als Appell an Zusammenhalt schon spannend für all jene, die sich bereits durch eine Handvoll der batshitcrazy Trump-Tweets und Macron-Aussagen gequält haben. Und die wissen, wie stark der militärindustrielle Komplex weltweit die Fäden zieht bei der politischen Entscheidungsfindung.

Spannend zudem, dass im Jahre Des Herrn 2018 für Cem Özdemir sogenannte ‘gesicherte Erkenntnisse seitens der US-Militärführung’ als Startschuss gut genug sind, obwohl sich die daraus resultierenden Interventionen rückblickend stets als Clusterfucks ungeahnten Ausmaßes (inklusive gut gefüllter Massen- und Milliardengräber) herausgestellt haben.

Man sollte meinen, Özdemir kann das “Grüne Kriegstreiber”-Mem nicht mehr hören. Naja.

Nebenschauplatz hiervon: ein führender bundesdeutscher Politiker behauptet indirekt, dass der Bürger durchs (hoffentlich angemeldete und friedlich verlaufende) Demonstrierengehen die allseitige Kriegstreiberei stoppen könne. *Wir* hätten nur gemeinsam rechtzeitig lustige Sprüche gegen Assad und Putin auf Pappkartons zu schreiben brauchen und in Syrien wären Frieden und Wohlstand ausgebrochen.

Wie gut friedlicher Protest wirkt, sieht man beispielsweise an der Anti-Atomkraft-Bewegung oder an Demonstrationen pro Klimaschutz. Unsere Kinder bekommen all diese Müllcontainerbrände mit Gönnergeste weitergereicht – und obendrauf noch etliche nach circa vier Minuten Bedenkzeit beschlossene immerwährende Stellvertreterkriege. Hätten die ungeborenen Enkel mal lieber gleich mitdemonstrieren sollen, amirite?

Zurück zum Thema: Das Problem heisst auch für Özdemir letzten Endes Antiamerikanismus. Unausgewogen starker Protest zugunsten “#AssadPutin” ist Verrat am wilden “Westen”. So, als bestünde kein Unterschied zwischen den Missetaten von nach Gutdünken handelnden Despoten und den langfristig todbringenden Hals-über-Kopf-Entscheidungen demokratisch gewählter Volksvertreter.

[Nur kurz sei übrigens auf den woken Hashtag #AssadPutin hingewiesen, den ich mir in allen Konsequenzen zu zerpflücken nicht zutraue. Deutsche Handels-/Interessen sind mit denen Russlands oder sogar Syriens jedenfalls eng genug verwoben für vergleichbare ad-hominem gehende Hashtags wie etwa #PutinMerkel. Es ist komplex. Oh dear!]

Die eingeforderte, weil ‘fehlende’, Empörung erscheint in dieser Argumentation zudem als Schattenwährung, mit der sich selbst viele hundert Kilometer vom Ort einer Demonstration handelnde Weltpolitiker und Waffenhändler umstimmen bzw. bestechen lassen. Als ob *wir* gewisse Politiker und Parteien nicht gerade deshalb demokratisch gewählt haben, um nicht wegen jeder Selbstverständlichkeit mit Transparenten durch Berlin laufen zu müssen.

Wer Großdemonstration als Beweis dafür benötigt, dass “das Volk” Frieden will, der ist ein schlechter Politiker bzw. Mitmensch. Die meisten Menschen weltweit wollen wohlgenährt im eigenen Grundstück sitzen, Musik hören und alt werden. Das sollte das Ziel jeglicher Politik sein. So manche in diesem Jahrzehnt volksvertretend getroffene Entscheidung wird indes noch unsere Urenkel bis in ihre Alpträume verfolgen.

PS: Die verzerrte und verkürzte Verwendung von ‘Demokratie’ und ‘Despotismus’ und auch die seltsame Ausklammerung Russlands aus “dem Westen” bitte ich zu entschuldigen. Wie “westlich” geht es denn zB in St. Petersburg oder Dubai zu oder in einem chinesischen Werk für Industrieroboter? Wie postkolonial o.ä. ist das Narrativ vom “Westen” als Kulturkreis? Dies alles dürfen gern andere ausführlich beharken. Und sie taten es sicherlich längst.

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