Löschpapier

Das #NetzDG (nur echt mit Hashtag!) könnte in konsequenter Umsetzung dazu führen, dass jahrzehntealte Online-Existenzen ausgelöscht werden. Viele ellenlange Facebook-Rants, damals direkt ins Eingabefeld geschrieben und mehrfach bearbeitet wg. übersehenen Schusselfehlern, existieren bereits jetzt nur noch als Screenshot, nachdem irgendwer (idealerweise berechtigt) am Inhalt Anstoß nahm.

Von kompletten Netzforen und Blogkommentarsträngen mal abgesehen, die spannend zu lesen waren trotz und gerade wegen des Gezänkes darinnen. Denn es hat ja auch irgendwie Spaß gemacht, die eigene Weltsicht zu festigen, indem man im Schmutz wühlt oder selbst unfundiertes Zeugs verbreitet. (Highlight war für mich die heiße Phase der Netzpolitik, als es plötzlich Abgeordnetenwatch gab und man deutsche Top-Politiker*innen rösten konnte – bzw. “trollen” laut aufgeweichter Definition des Mitmachweb.)

Scheinwissenschaftliche Statistikspielereien und viertelwahre Fließtexte wider Zuwanderung, den Überwachungsstaat, Genfood und lbnl die Waldschlösschenbrücke werden auf Facebook oder Twitter inzwischen oft genug in den selben Topf geworfen wie Vergewaltigungsdrohungen und Mordfantasiewitzchen. Sie werden geblockt und gemeldet. Was gut wäre, wenn es nicht schlecht wäre. Das ist nämlich, um einen Popkultur-Vergleich zu bemühen, als würden sämtliche Weinstein-produzierte Filme verboten.

Wiederum: Es gilt das Hausrecht! Selbst schuld, wer für die Verbreitung ‘unliebsamer Meinungen’ auf enorme Socialwebseiten vertraut, die inzwischen nun wirklich kein Geheimwissen mehr sind. Denn dadurch ist Empörung vorprogrammiert.

Meinungsfreies Selbsthosting ist okay, wenn man denn eine wahrhaft unliebsame Idee verbreiten möchte. Aber genausowenig, wie ich gezwungen bin, Weinsteinproduktionen im Filmregal stehen zu haben, bin ich gezwungen, eklige Kommentare unter einem Blogartikel ungelöscht zu lassen.

Apropos: die fehlende bzw. erschwerte Möglichkeit des Backups des eigenen Socialweb-Accounts ist eine Zumutung. Schrottige Historyfunktionen inkl. Endlosscrolling tun ihr Übriges, um nun den Bannhammer des #NetzDG fürchten zu müssen.

Wer seit fast zwei Jahrzehnten im Internet auftritt, hat auf jeden Fall irgendwelche unschönen Aussagen verbreitet, denn das gehört zum Erwachsenwerden. Aber wer will schon ständig Seiten aus dem Tagebuch gerissen bekommen, weil Formulierungen jung und/oder dumm waren? Wenn man denn überhaupt noch weiß, was man da Anno 2009 spätnachts ins Internet abgelassen hat. Vor allem als, nun, sagen wir mal: als Mensch mit starker Meinung – oder als ehemaliger Edgelord.

This entry was posted in hierzulande. Bookmark the permalink. Both comments and trackbacks are currently closed.
  • Gruselgrotte (Symbolbild)
  • Pages

  • Archives

  • Categories

  • Impressario

    P.V., Lübbenauer17,DD p_willscheckETTyahooDOTde