Schreibflussfahrt

Nach meinem desaströsen Offenbühnebeitrag radelten wir am Elberadweg heim und unterhielten uns dabei über meinen desaströsen Offenbühnebeitrag.

“Das war schlimm”, sagte sie. “Du hast nicht gepackt irgend etwas Neues aus dem totgerittenen Themenkomplex Reichsbürger/Pegidisten/Refugees zu destillieren. Die ganze Zeit über dachte ich: ‘Komm zum Punkt! Fang endlich an, zum Punkt zu kommen!’ Und dein Vortragsstil war fürchterlich unbeholfen.”

Ich nickte. “Fürchterlich, klar. Ich wusste vorher, dass ich es nicht packe, vor aller Augen aus Notizen einen zusammenhängenden, runden Text zu liefern.“

“Wenn du’s vorher wusstest, wieso hast du’s dennoch versucht?”

Erster Grund: Ich tat es, um mich fürs Aufschieben zu bestrafen und dennoch Bühnenpräsenz zu zeigen. Ich kenne meinen Freisprechstil und vergeigte in Schule und Studium so ziemlich jeden stichpunktebasierten Vortrag wie im Schlaf. Bestenfalls wäre es dieses Mal besser gelaufen als gedacht und ich hätte sozusagen eine neue Fähigkeit freigespielt.

Zweiter Grund: Das Dresdner Offenebühnepublikum ist sehr geduldig. Es beklatscht selbst noch den fremdscham-induzierendsten Auftritt in der Hoffnung, dass die darauffolgende Singersongwriterin ihr Handwerk beherrscht. Was also liegt näher, als allen ebenfalls mal mindestens genauso die Nerven zu strapazieren wie es das meine hassliebsten Alleinunterhalter taten und tun?

“Du meinst beispielsweise wie Andy Kaufman?”, fragte sie und ich sagte “Ja, jein, also…” und währenddessen unterquerten wir die Waldschlösschenbrücke.

Also klar, eher ja. Kaufman hätte es besser gekonnt und hat es stattdessen darauf angelegt, das Publikum zu entnerven. Während ich meine Texte eben lieber am Computer in Form bringe. Mit Drei-Akt-Struktur, Callbacks und allem Drum und Dran.

Aber ich weiß auch nicht genau, ob sich Kaufman Selbstbestätigung daraus zog oder Selbstbestrafung. Mag sein beides. Fremdscham ist jedenfalls eine mächtige Droge und witzigerweise kann man sich ja auch während der eigenen Bühnenpräsenz für sich fremdschämen.

Vor allem habe ich noch immer nicht herausgefunden, ob es besser ist, den Privatwitz eines absichtlich schlechten Auftrittes öffentlich zu machen oder doch lieber das Publikum im Glauben zu lassen, man sei ein unironisch-peinlicher Act.

Humor ist komplex, ich sollte wohl endlich mal diesen Aufsatz von Freud darüber lesen.

Wir wurden langsamer, hielten, stiegen ab, schoben übers grobe Kopfsteinpflaster. Der Weg von der Waldschlösschenbrücke bis hierher war unglaubwürdig kurz gewesen aufgrund einiger weggefallener Absätze, und dieser Teil des Radweges war berühmtberüchtigt horribel. Ein Jogger mit Stirnlampe kam uns entgegen.

Wie nebenbei spuckte sie ihren Kaugummi die Böschung hinab ins Elbhochwasser. “Wieso fahren wir eigentlich Rad während unseres imaginären Gespräches? Benutzt du mich und den Kaugummi als dramaturgische Mittel?”

Ich fühlte mich ertappt, hatte keine brauchbare Antwort. Hätte ich all das weglassen sollen? Aber dann wäre das hier nur ein Monolog über Bühnenpräsenz, also wiederum nur Gelaber und Nabelschau und schlecht versteckte Therapiesitzung.

Also musste ich Zeit schinden, während ich versuchte, mich aus dem absichtlich betretenen Sumpf zu ziehen und diesen Offenbühnebeitrag zu einem befriedigenden Abschluss zu bringen.

“Und was meintest du vorhin mit “heim”? Heim zu wem?” Ein skeptischer Seitenblick von ihr, während unsere Fahrräder klimperten und klapperten.

“Na, jeweils zu uns. Am Körnerplatz biege ich aufs Blaue Wunder ab und du fährst die Grundstraße hoch. Was dachtest du?” Meine Stimme blieb neutralstmöglich, während ich im Geschriebenen herumscrollte, um ein schussbereites Tschechowgewehr zu finden.

“Du könntest mich übrigens genausogut fragen, wieso du eine namenlose “sie” bist”, lieferte ich ihr nach einigem Nachdenken pseudoversehentlich eine Steilvorlage.

“Nun, ich schätze mal, weil du mit einem ‘er’ während der gesamten Radfahrt über Pegida, Refugeekritiker und Reichsbürger abgelästert hättest. Schließlich treibst du dich zu Recherchezwecken in diversen einschlägigen Facebookgruppen herum und besprichst die Fundstücke mit den männlichen Mitinsassen deiner Filterblase.”

“Zugegeben, ja.”

“Und dann hättest du nichts von dieser Radfahrt als einen weiteren Haufen Tweets und halbgare lustige Einfälle und unzusammenhängende Notizen. Und dann ist ein weiterer Monat ‘rum und es naht dein längst zugesagter Offenbühneauftritt, für den du dir aber wieder nichts Handfestes vorbereitet hast, weil du sicher warst, du sei’st derart tief im Thema drin und hättest so viele lustige Einfälle, dass daraus problemlos ein zusammenhängender, runder Text wird, sobald du vor Menschen stehst. Kurzum: unser Gespräch hilft dir einigermaßen, dich für heute aus dem Sumpf zu ziehen.”

“Das stimmt schon, hm… Schlimmstenfalls ist das Ergebnis auf einem anderen Level nervig, was ich ja wiederum stets mit einpreise. Also, ich meine, dass mein Text allzu verwirrend ist. Und schon ist’s wieder Konzeptkunst und geht klar. Oder?”

“Mag sein. Kommt darauf an, was du erreichen willst. Willst du politische Satire mit lustigen Twists liefern, willst du zu den Bekehrten predigen? Oder steht dir der Sinn eher nach publikumsverärgernder Anti-Comedy? Für Letzteres haben die Leute hier vermutlich ein zu dickes Fell oder aber sind zu lieb, oder zu unbedarft.”

“Hm. So gesehen…”

“Und was würdest du letzten Endes erreichen wollen? Was wäre dein größtmöglicher Erfolg? Eine nervöse Abmoderation? Oder dass dir jemand ein Weinglas an den Kopf wirft?”

“Kein Plan ehrlich gesagt.”

“Das weiß ich.” Sie stieg auf ihr Fahrrad und ich auf meins und wir unterhielten uns noch bis zum Körnerplatz und dort bis zum Sonnenaufgang über Slamtextedramaturgie.

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