Selbstschreibender Blogbeitrag

Es ist Silvesternacht. Allewelt ist stockbesoffen, denn dank modernster technischer Errungenschaften muss niemand mehr zugunsten des Freundeskreises nüchtern bleiben. Man summt mit Elektroantrieb selbstfahrend durch die Stadt und bezahlt die Kinderbetreuung, nachdem der Rausch verklungen ist.

Die Flasche kreist durch die Familienkutsche oder bleibt am Mann im Einsitzer. Selbstredend sind alle angeschnallt, sonst verweigert die StVO-gespeiste Elektronik den Insassen die Heimfahrt. Niemand achtet auf die Straße, stattdessen prostet man anderen Fahrzeuginsassen zu, und die Polizei kann sich auf Stress außerhalb der Fahrwege konzentrieren.

Raketen und Böller dürfen seit einiger Zeit nur noch auf gesonderten Flächen benutzt werden; abseits der Straßen. Die Putzroboter der Stadtreinigung wären sonst in der Silvesternacht überlastet. Hohe Bußgelder drohen und die Drohung wirkt.

Am vierten Januar ist das Neujahrswochenende vorbei und die unzähligen selbstfahrenden PKWs befördern Pendler_innen und Schulkinder. Die Fahrzeuge sind bequemer als die bei Wenigverdienern benutzten Lasten-/Fahrräder, Longboards usw., die sich die Ex-Gehwege teilen. Und sie sind dank erneuerbarer Energien beinahe genauso sauber wie körperkraftgetriebene Fortbewegungsmittel, wie die Hersteller gern betonen.

Zum Autobesitzen braucht es keinen Führerschein mehr, sondern einzig Geld für die Fahrzeughaltung. Die Preise sind niedrig, der Trend geht zum Viertauto. Dieses ist üblicherweise ein- oder zweisitzig, mit Dinosaurier- oder Elfenmotiven bedruckt und festprogrammiertem Schulweg von Zuhause ins Schul-Parkdeck und am Nachmittag zurück, und es ist alarmgesichert zum Schutz gegen Streiche. Der Schülerlotse überwacht während der Unterrichtszeiten die Kameramonitore des Parkdecks.

Auch Kritiker des städtischen Individualstverkehrs müssen zugeben, dass die Städte grünflächiger sind und die Luft beinahe Kurortqualität hat. Das Gewimmel auf den Straßen gleicht einem Ameisenhaufen. Dieses Bild drängt sich auf, da die Fahrzeuge keineswegs intelligent sind, sondern sich anhand Sendemasten, RFID-Chips und Sensoren durchs Straßennetz tasten.

Um Fehlerquellen auszuschalten, wurden Nicht-Autobenutzende an den Rand gedrängt. (“Buchstäblich an den Fahrbahnrand”, wie die Sprecherin des Dresdner ADFC meint.) Zudem lässt das Berufspendeln im computergesteuerten Fahrzeug laut einer Studie das Gefühl entstehen, quasi Teil einer gutgeschmierten Maschine zu sein. Dies wiederum befördert Depressionen, Suchtverhalten und Gelenkprobleme.

Inzwischen sind Laserpointer verboten und die Fahrzeugelektronik reagiert blitzschnell auf die wenigen Sonderfälle, welche sich nicht von Putzrobots ab(ge)wehren lassen. Aber auch so käme niemand mit nur ansatzweise Selbstbeherrschung auf die Idee, den Straßenverkehr zu stören. Jedoch: die bereits erwähnten Kritiker der Elektromobilität versuchen, das Stadtbild zurückzuerobern durch lustige und/oder nachdenklichmachende Aktionen.

StreetArt hat einen zweiten Boom erlebt durch elektronisch getriggerte Interaktion mit dem vorbeifahrenden Fahrzeuginneren. Und es gibt Nachtskaten und Fahrraddemos, welche natürlich zeitiggenug angekündigt werden müssen.

(Übrigens: Fahrraddemonstranten lassen sich personenbezogener beschimpfen, seitdem man nicht gleichzeitig auf die Fahrbahn achten muss.)

Im Socialweb gibt es etliche nostalgiebefeuerte Diskussionsgruppen, in denen man sich z.B. über die Haptik von Verbrennungsmotoren unterhält oder über den Geruch eines Mofas. Aber vor allem spricht man hier über die Anfangszeit der damals als “intelligenten Fahrzeuge” bezeichnete Fortbewegungs-Revolution. Die wird inzwischen gern mit der Erfindung des Buchdrucks verglichen, was die Emanzipation der Menschheit angeht.

Man berichtet, teils nostalgieverklärt und teilweise ehrlich erschrocken, über die Übergangszeit vor dem derzeitigen Idealzustand:

Von der Zeit der konkurrierenden Leitsysteme und deren Anfälligkeit für Viren oder Glitches – damals, als das Kind »fast zwei Stunden« im auf Parkplatzsuche um die Grundschule kreisenden Smart (»Ausgerechnet Smart!!!«) gefangensaß und bereits hörspielhörend weggeschlummert war.

Oder – »Hattet ihr das auch?« – die Urlaubsfahrt ins falsche Bergdorf, weil die Rechtschreibprüfung das ‘h’ weggeschluckt hatte. Oder der radelnde Rentner, dem sein Einkauf vom Gepäckträger gekippt war, woraufhin der SUV vollbremste und gurtstraffheitsbedingt ein Schlüsselbein zu Bruch ging.

Oder – apropos programmierte Reflexe – von dem einen Mal, als sich das Fahrzeug aus versicherungstechnischen Gründen dagegen entschieden hatte, auf ein Rehkitz Rücksicht zu nehmen und dann war im Urlaub das Geheule groß. (Andererseits: Die Option, in den Gegenverkehr oder Straßengraben auszuweichen, hätte mit Sicherheit den Insassen mehr als nur ein Schlüsselbein gebrochen.)

Gefühlt jeder vierte Beitrag handelt von Laserpointern, Werbegeschenk-Luftballons, Taubenschwärmen oder von einer Auslandsreise mit Sendenetzproblemen oder ähnlichen (rückblickend) Albernheiten, die sich dank jeweils hunderter Codezeilen und dutzender Gesetze und Verordnungen inzwischen haben beheben lassen.

Kurz gesagt: Die wenigsten wünschen sich tatsächlich die alte Zeit zurück. Höchstens in Form eines Erlebnisgutscheins, womit man mal einen Verbrennungsmotor ausreizen kann auf der Analogfahrt über ehemalige Rollfelder oder auf brandenburgischen Dorfstraßen. Aber stocknüchtern bitte!

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