Ein Glücksfall für das deutsche Kino!

Nach dem Geldjob treffe ich mich mit zwei Arbeitskolleginnen abends vor dem Programmkino. Es läuft der neue Film des Regisseurs, der es wie kein zweiter versteht, das Lebensgefühl unserer Generation wiederzugeben.

Wir kaufen Karten und Rotwein bzw. Matesprudel und betreten den Saal. Währenddessen läuft Reklame für weitere Filme, die das Lebensgefühl unserer Generation wiedergeben, aber auch für Eiskrem und das Stadtmagazin. Endlich beginnt der neue Film des Regisseurs, der es wie kein zweiter versteht, das Lebensgefühl unserer Generation wiederzugeben.

Wir lachen und trauern mit den Hauptfiguren und trinken dabei Wein bzw. Matesprudel. Denn dort auf der Leinwand… Das sind ja wir! Unsere Wünsche und Träume, unsere Resignation und die Lächerlichkeit unseres Alltagstrottes hat dieser Meisterregisseur fiktionalisiert.

Nur halt eben nicht wirklich fiktionalisiert, denn alles ist so wahrhaftig und echt. Musikauswahl und Casting sind perfekt; und mindestens die Hälfte des Büroalltages auf der Leinwand fand heute statt in unserem Bürogebäude und auf dessen Parkplatz, vor allem aber in der Raucherecke.

Haargenau die gleichen Gespräche. Über Wetter, Masern, das Fitness-Studio und über die an Brustkrebs erkrankte Kollegin, die neben mir sitzt. Zwar fühle ich mich unwohl wegen dieser Parallele, doch sie hatte uns den Film gestern vorgeschlagen und wusste also vermutlich, dass nun auf der Leinwand eine Schauspielerin so tut, als würde sie tapfer ihr Schicksal ertragen, während die Belegschaft tuschelt.

Die bewegendste Szene ist die nach dem Kinobesuch, als sich die Protagonistinnen darüber unterhalten, wie realistisch der Film war, den sie sich angeschaut haben. Und wie recht doch der Regisseur hat: sie werden das Kino verlassen – und weitermachen wie bisher. Und sie werden noch viele andere Filme schauen, die das Lebensgefühl ihrer Generation wiedergeben.

Etliche dieser Filme werden keine Programmkinofilme sein, sondern effektlastige Wunschphantasien: Schauspieler werden Statisten, Stuntleute und Computergrafiken zur Hölle schicken und dabei zitierenswerte Einzeiler aufsagen. Sie werden von Untoten zerfleischt werden oder als Vampir durch die Clubs ziehen. Einige werden im Weltall erfrieren. Andere werden einen Pakt mit dem Teufel eingehen, damit ihr Brustkrebs verschwindet.

All dies legt der Regisseur, der es wie kein zweiter versteht, das Lebensgefühl unserer Generation wiederzugeben, seinen Leinwandfiguren in den Mund. Er kennt uns nämlich besser, als uns unsere Eltern kennen bzw. wir unsere Eltern – jedenfalls meint dies der Filmkritiker im Stadtmagazin.

Der Film endet daher auch offen, denn dies entspricht der Wahrheit. Die Handlung klingt im Bürogebäude aus. Mit einer Paketlieferung voller Sitzbälle für die Belegschaft und mit der zeitgleichen Ankunft eines neuen Praktikanten, der in der letzten Einstellung des Films seinen Berlinale-Jutebeutel auf den Schreibtisch legt.

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