Politische Meinungsbildung

In der Vergangenheit war ich auf weniger Demonstrationen als anderer Leute Tragetuchbabies. Ich habe Blogbeiträge und Essays darüber gelesen und unzählige “Passt auf euch auf!”-Tweets und saß wohlig warm unterm Dach überm Kopf am internetfähigen Personalcomputer.

Vergangenen Montag wollte ich’s jedoch wissen: Was ist dran an den PATRIOTISCHEN EUROPÄERN GEGEN DIE ISLAMISIERUNG DES ABENDLANDES? Lohnt es sich vielleicht doch, auf die Straße zu gehen als Werbung für eigene Interessen?

Zur Vorbereitung auf meine Exkursion las ich mich schlau in der Wikipedia über den historischen Kontext. Ich las von Stuttgart Einundzwanzig, dem Maiaufstand und den beiden Oktoberrevolutionen, vom 17. Juni 1953 und von der Reichskristallnacht.

Danach war ich besorgt, ob denn die friedliche Pegida-Demonstration etwa ausgerechnet an dem Tag, an dem ich meine Wohnung verlasse, irgendwie eskaliert. Dass Besorgte Bürger jemals ausschließlich für eine offene, tolerante Gesellschaft eintreten, schien zweifelhaft.

So etwa hatte ja die sogenannte Friedliche Revolution 1989 direkt zum Erstarken des Neofaschismus geführt: Brandsätze wurden auf Wohnblocks geworfen und Gaststudenten aus der Straßenbahn.

Ich steckte also vorsorglich Pflaster und Mullbinden ein. Dann fuhr ich mit der Linie Neun aus Prohlis hinaus und in die Altstadt hinein.

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Bereits diese Straßenbahnfahrt war beruhigend, denn was wirkt besänftigender auf die Stimmung aller als militaristische Funktionsbekleidung und Flaschenbier? – Genau: Deutschlandfahnen!

Damals, 1989, und damals, 1848, waren Deutschlandfahnen das Symbol der Einigkeit. Sie sagten Ja! zur Aufklärung und Nein! zu Parteibonzen und Königen.

Eine Flagge; schwarz wie Briketts, rot wie Rotwein und goldgelb wie synthetische Rohstoffe aus Deutschlands Chemiewerken. (Zudem lassen sich aus Schwarzrotgold alle hierzulande üblichen Hautfarben mischen inkl. die Hautfarbe der Kohlekumpel.)

Lange Rede, kurzer Sinn: am Otto-Dix-Center stiegen biertrinkende SGD-Hools in die Neun. Zuvor war ein älterer Herr zugestiegen, der eine aufgerollte Schlandfahne mit sich führte. Beides wurde von allen Mitreisenden sehr begrüßt. Schnell kam man ins Gespräch.

Der Hool neben mir hatte eine DDR-Flagge (in Aufnäherform) auf der Fliegerjacke, was besonders das Rentnerehepaar auf dem Viererplatz neben mir erfreut zur Kenntnis nahm. Wo die meisten Menschen sonst tagtäglich stumm Bus und Bahn fuhren, so nickte man sich heute zu oder plauderte über politisierte Smalltalkthemen.

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Da die Neun wegen Demo und Gegendemo umgeleitet wurde, stiegen die meisten Interessierten am Pirnaischen Platz aus. (An dessen Wohnhochhaus man übrigens mit guten Augen noch immer entziffern kann: “DER SOZIALISMUS SIEGT!”)

Ich hingegen stieg am Synagogen-Neubau aus und ging an Albertinum und Frauenkirche vorbei, um die Geschichtsträchtigkeit voll auszukosten.

Niemals sollen den Taliban diese Gebäude in die Hände fallen!

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Nun galt es, zu den Pegida vorzustoßen. Der Vollständigkeit halber wollte ich mir zuvor die Gegendemonstration “geben” – und musste nach ihr nicht lange suchen: der Fürstenzug war zum Schlossplatz hin mit Einsatzfahrzeugen dichtgemacht.

Aber, wie gesagt der Vollständigkeit halber, gelangte ich, den Schlossplatz vom Italienischen Dörfchen her umkreisend und nach kurzer Diskussion mit einer Einsatzkraft, dennoch ins Nopegida-Gedränge.

Studenten aus Schwaben und Spanien bevölkerten den Schlossplatz. Sie richteten ihre Pfiffe, Sprechchöre, Mittelfinger und Antifaflaggen in Richtung Theaterplatz.

Einer der mantra-artig wiederholten Reime war “Pegida-Rassistenpack, wir haben euch zum Kotzen satt!” Man nötigte mich dazu, mitzuschreien. Innerlich angewidert brüllte ich mit all den wie die Streichhölzer zusammengedrängten Extremisten z.B. “ALTERTA! ALERTA! ANTIFACISTA!”, wenn die Reihe eben gerade wieder an diesem Slogan war.

Furchtbar laut war es, aber hauptsächlich furchtbar eng; wofür ich die Schuld jedoch keinesfalls bei der Einsatzleitung suchen möchte. Die hatte mit Sicherheit keine andere Lösung gefunden, als Nopegida auf dem viel zu kleinen Schlossplatz mit Einsatzfahrzeugen zu umstellen und den Platz für nachzügelnde Extremisten zu sperren.

Durch das Gedränge war Nopegida auf Dauer langweilig. Man sah nicht einmal, wogegen man laut Antifa sein soll. Und wo war die kulturelle Vielfalt, für die man hier einzustehen vorgab? War ich *dafür* extra nochmal in die Innenstadt gefahren?

Abgesehen davon: Haben die denn so gar keine Ahnung davon, dass die Patriotischen Europäer auch deren Leben schützen möchten? Was wissen die Kids hier schon vom islamischen Extremismus? Ruckzuck hätten IS-Truppen all diese Truthahnnacken hier enthauptet!

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Ich ließ also endlich Nopegida hinter mir und ging ums Italienische Dörfchen herum hinüber auf den Theaterplatz, wo man mich freundlich begrüßte und mir mehrere Liedtexte überreichte, die ich vorerst im Tragebeutel verstaute.

Am ersten Infostand deckte ich mich mit Aufklebern und Flyern für den kommenden CSD ein. Wegen des stürmischen Wetters verzichtete ich auf den regenbogenfarbenen Heliumballon. Dafür ergatterte ich das letzte Plakat mit dem Motiv “Von islamischen Extremisten hingerichtetes homosexuelles Pärchen”.

“Selbstverständlich sind wir Patrioten!”

Die Rednerin sah ich nicht vor lauter Publikum, doch ihre Stimme hallte lautsprecherverstärkt über den Theaterplatz.

“Unsere Verfassung ist eine der fortschrittlichsten der Erde! Wir Deutschen sind stolz auf das Grundgesetz!”

Applaus brandete auf, Hurrarufe sogar. Deutschland- und Europafahnen flatterten fotogen über den Köpfen der Menge.

“Wir lehnen mittelalterliche Rechtssprechung ab! Wir sind aufgeklärte Menschen und akzeptieren jeglichen Glauben und alle Konfessionen, …”

Hier tat sie eine bedeutungsschwere Pause.

“…, solange sie nicht die Würde des Menschen verletzen! Deshalb erteilen wir jeglicher Form von Xenophobie und Eiferertum eine Absage!

All jene hier, die bereits wütend werden, wenn im Arbeitsamt ein ungewöhnlicher Familienname aufgerufen wird, lade ich recht herzlich zur im Anschluss stattfindenden Podiumsdiskussion in der Motorenhalle des RiesaEfau ein!”

Nun senkte die Rednerin ihre Stimme, wirkte fast nachdenklich.

“Pegida ist eine junge Interessengemeinschaft. Deshalb sind wir, anders als man uns vorwirft, stets offen für Verbesserungsvorschläge und Kritik.

So zum Beispiel haben wir jene Demonstrationsteilnehmerinnen und -teilnehmer gerügt, die heute unter “Wir sind das Volk!”-Rufen ein mit Glühbirnen umrahmtes, schwarzrotgoldenes Kruzifix hier auf den Theaterplatz getragen haben.

Sie haben sich entschuldigt und versprochen, dass so etwas nie wieder vorkommt. Einen großen Applaus dennoch, weil sie trotz allem großes handwerkliches Geschick bewiesen haben!”

Die Menge tobte.

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Währenddessen war mir eine kopftuchtragende Frau aufgefallen, die nach Kräppelchen für ihre drei Kinder anstand. Ich nutzte die Gunst der Stunde, um mir die Meinung zu Pegida einzuholen von einer zum Islam konvertierten (wie sich herausstellte) Dresdnerin, die ich hier peinlicherweise gar nicht erwartet hätte.

“Wieso ist ihnen denn das peinlich?” – “Nun ja…” – Gut, ich verstehe natürlich ihre Verwunderung. Als das mit Pegida anfing, hatte ich durchaus Bedenken, ob das nicht etwa ein Deckmantel für stumpfe Fremdenfeinde und militante Atheisten sei. Aber schauen Sie sich doch mal um!”

Ich tat es. Eben wirbelte ein CSD-Ballon in den Abendhimmel und die Menschen sangen “Hava Nagila”. Die Frau kaufte währenddessen Kräppel und verteilte das Gebäck an ihre Kinder. Anschließend wandte sie sich wieder mir zu:

“Als mir klar wurde, dass es den Patriotischen Europäern eben einzig darum geht, unsere Demokratie vor Fundamentalisten zu schützen, da war ich beruhigt.

Würde hier eine Neiddebatte verschleiert …”

(Wir beide mussten lächeln wegen dieses unbeabsichtigten Wortspiels.)

“… wäre ich bestimmt nicht hier. Erst recht nicht mit Kindern.”

Ich bedankte mich bei ihr und drehte eine abschließende Runde über den Theaterplatz, bevor ich in die SLUB fuhr, um das Erlebte zu verbloggen.

In der Tat: die hierhergeströmten Menschen entstammten allen Schichten der Bevölkerung. Mochte sein, dass sogar neugierige Antifas hier herumliefen, die hoffentlich etwas Klügeres tun, als in ihren Blogs eine Sternstunde der Demokratie zum Vorabend des nächsten Weltkrieges umzudichten.

Die einzige Bevölkerungsgruppe, die ich weder bei Pegida noch auf der Gegendemo entdecken konnte, war übrigens die der chinesischen Studenten. Man könnte fast meinen, die verhalten sich absichtlich ruhig, während ihre Elterngeneration weltweit im großen Stil Ländereien aufkauft.

Just saying.

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