Traumsuche nach dem unbewohnten Kaditz

Zum vollwertig ruinenlustigen Essay ausformulierter Offenbühnetext zum November-Ausklang; in Betaversion vorgetragen am 30.11.’14 im Stadtteilhaus Dresden Neustadt.

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Der Höhepunkt meiner Kindheit war das Dach einer Wohnhausruine.

Wir waren dort eingestiegen und hatten jedes Stockwerk des Gebäudes erkundet. Ganz offensichtlich waren wir nicht die ersten: unter unseren Schuhen knirschten Splitter und knarrzten Dielen.

Trotzdem waren wir gerade einmal so vorsichtig, wie es Kinder an der Grenze zur Jugend halt sind. Das reichte aus: niemand brach durch morsches Holz oder zerschnitt sich mit Glas.

Der Ausblick, als wir durch die Dachluke hinaus aufs Dach geklettert waren? Gut genug. Nichts besonderes. Bis nach Oberwartha hinüber über die Autobahn Ah-Vier hinweg. Guckten wir steil hinab ins Grundstück, sahen wir Elektroschrott, Fliesenscherben und Gestrüpp.

Die Ruine war unrettbar abgeliebt. Wohl teilweise ausgebrannt, aber das ist eine Vermutung und keine Erinnerung. Das Gebäude stand jedenfalls im Weg, denn bald würde hier der ElbePark entstehen.

Wir, die Kinder aus dem nahen Radebeul, wollten nicht kokeln, sondern erkunden und Abenteuer erleben. Nicht immer bloß bei Serkowitz im ausgetrockneten Lößnitzbach herumstromern oder am Heidefriedhof mit dem Fahrrad über wurzelverformten Asphalt springen.

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Meine Jugend verbrachte ich teilweise im ElbePark. Ich las die Rückentexte von DVDhüllen und hörte all jene CDs zur Probe, die ich mir größtenteils eh nicht leisten konnste. Das Haus war da längst abgerissen, der Schrott recycled und die Disteln kompostiert.

Bevor die Autobahnabfahrt zum ElbePark hin optimiert wurde, konnten wir von Radebeul – durch die Siedlung, an der “Knacke” vorbei – unter der Autobahn durchlaufen auf das Niemandsland zwischen Wohnhausruine und Autobahnböschung.

An der Böschung stand ein Wartburg ohne Nummernschilder, der bei jedem Besuch kaputter war und nach jedem Besuch ebenfalls. Wer sich’s getraute, stieg ein. Es stank. Nahebei lagen Lackdosen, Verdünnungsmittelflaschen und Autobatterien herum, deren Inhalte wir zur giftigsten Chemikalie der Welt verrührten.

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Kurzer Zeitsprung ins Jahr 2014. Ich wohne in einem Plattenbau mit Blick zum Dresdner Fernsehturm. Der wiederum erinnert mich daran, dass ich damals in Radebeul noch auf einem anderen Dach saß. Also, auf dem Dach des Hauses, in dem ich aufgewachsen war. Dass ich dort saß mit einem Schulfreund und wir mussten bloß kurz warten, bis der riesige AWD-Schornstein umstürzte: vom Fortschritt gefällt mittels kontrollierter Sprengung.

Dort war ich nie hinaufgeklettert, teils aus Höhenangst und teils aus Schiss vorm Geschnapptwerden. Für Hausdächer reichte mein Mumm offenbar sowie jetzt für eine Wohnung im vierten Stock. Und fürs Herumklettern in verfallenden Gebäuden, wenn es sich denn mal anbietet. Ich will nicht als Hausfriedensbrecher gelten und betrete daher Ruinen regulär durch angelehnte Türen, maximal vielleicht mal ein Fenster.

(Zugegeben: in den letzten Jahren habe ich das nicht mehr getan trotz Digitalkamera sowie dem Wissen, dass es die UrbEx-Szene gibt, die kindliche Ruinenlust in ein Fotojournalismus-Subgenre hinübergerettet hat. Zu wenig lohnende Ziele. Vieles wurde planiert oder modernisiert.)

Die bei diesen urbanen Expeditionen gesammelten Eindrücke geistern noch lange danach im Unterbewusstsein herum – in Form schlechter Träume voll mit schimmelnden Tapeten und verkohlten Dachstühlen. All die Sorgen, die ich nie hatte in echten Ruinen, sind fester Bestandteil der Traumhäuser: auf üble Wesen stoßen, mich verlaufen, umknicken, durch den Boden krachen, meiner Spiegelreflex- beraubt im Dreck liegen.

Bin ich wieder wach, so ärgere ich mich über die lächerliche Besorgte-Eltern-Forderung, verbliebene Ruinen zumauern zu lassen, damit nicht ähnliche Unglücke geschehen können wie vor einigen Jahren in Mickten, wo ein herumkletterndes Mädchen durchs bemooste Oberlicht des alten Schwimmbades in ihren Tod gestürzt ist.

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Im Plattenbau sitzend, versuche ich mir außerdem vorzustellen, wie es diesem Plattenbau jemals möglich wäre, als Ruine etwas herzumachen. Holzbasierte Altbauten verrotten. Dieser Quader hingegen wird für eine kleine Ewigkeit rechtwinklig-öde bleiben, bis das Stahl im Stahlbeton verrostet ist und das gesamte Konstrukt feinsäuberlich zusammenknickt.

Schon klar: die Wohnbauserie Siebzig wird Sprayer anziehen oder könnte mit Pflanzenerde befüllt werden und dann mal sehen.

Doch selbst die strikten Kasernen in Übigau verfallen abwechslungsreicher als es eine Platte kann. Hier gibt es weder Kachelöfen noch blaue Türen, geschweige denn vermoderbare Fußböden, durch die man anschließend vom Dachgeschoss bis in den Keller durchspucken kann.

(Wer auch sollte solch ein Gebäude zerrütten, außer Raketenbeschuss oder eine Gasexplosion? Was sollte hier brennen? Ikea-Möbel und Flachbildschirme?)

Meine heimliche Hoffnung ist, dass spätestens die Kinder meiner Kinder beim Erkunden verfallender Häuser knapp an einer Blutvergiftung vorbeischrammen.

Schließlich entstanden nicht nur in Dresden einige Fertighaussiedlungen von billichbillich bis hightech. Und nicht jedes dieser architektonischen Produkte altert in Würde, trotz Rauchmelder und der momentanen Kreditwürdigkeit ihrer Bewohner.

Schaut euch bloß mal an, wie algenbewachsen die kürzlich noch weißen Außenwände vieler Jahrtausendwende-Neubauten bereits sind! Oder nehmt die Einkaufszentren: beeindruckende zukünftige Ruinen. Zumindest aber riesige verwunschene Schlösser, da sich Verkaufsflächen dort schlecht mit Wohnungen auffüllen ließen. Wer möchte schon gern vierhundert Quadratmeter fensterlose Wohnfläche?

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In vielen Landschaftsgärten errichtete man künstliche Ruinen. Das ist es nicht, was mir vorschwebt. Verfall braucht Vorgeschichte. Abrisshäuser voll mit Fetzen der Vergangenheit sind die einziggültigen. Vergilbte Mustertapeten und so. Umgekippte Schaufensterpuppen. Franchiserestaurants voller Spinnenweben.

Werden meine Enkel in den Ruinen des Spätkapitalismus spielen können – in seinen Hotels und Einkaufszentren und Multiplexen? Werde ich erleben, wie in den Dachrinnen der Fertighäuser Birken wachsen und auf Supermarktparkplätzen Disteln? Welchen Geruch werden Nullenergiehäuser haben, durch deren zerbrochene Scheiben der Wind weht? Und: Wird man auf Dächern voller Solarzellen bequem genug stehen können, um den Mond zu betrachten?

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