kurzer Prosatext, in dem etwas ironisch, satirisch oder witzig kritisiert wird

Letzte-Minute-Slampoetrytext; abgetippt und vervollständigt, aber ziemlich nah an der handschriftlichen Erstfassung. Ein Text auch, auf den ich ein wenig stolz bin, denn die publikumsseitigen Lacher kamen an den Stellen, die ich dafür vorgesehen hatte. Alles bestens also. Gern wieder.

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Auf der Suche nach Themen, von denen es sich auf der Lesebühne auszuholen lohnt, hat es mich heute Nachmittag auf den Hauptbahnhof verschlagen. Kenner der Materie wissen, dass ich zuletzt in diesem Sinne im ElbePark unterwegs war und vermuten eine Fortsetzung. Ich will sehen, ob diese Vermutung richtig ist.

Zumindest hat sich der Dresdner Hauptbahnhof in ein vollwertiges Einkaufszentrum gewandelt. Das Klientel ist ein anderes, zugegeben: Bahnkunden.

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Zuerst zum Gebäude selbst: Hauptattraktion für mich ist die Dachbespannung samt der Metallkonstruktion, die das ganze hält. Gleich danach finde ich die Züge faszinierend genug, um mich von der Dachbespannung ablenken zu lassen. Die großen Uhren sind auch prima.

Wie erwähnt gibt es im Kaufparadies Bahnhof inzwischen nicht mehr nur Taubendreck und Fahrkarten, sondern sogar einen Biomarkt, der Sonntags geöffnet hat, so dass ich ihn mit meinem Alg2 unterstützen könnte.

Ich kaufe stattdesem ein Käse-Möhren-Brot von Marché sowie Gemüsesaft und Marzipan vom Rossmann. Nun weder Hunger noch Durst leiden müssend, setze ich mich in der Haupthalle auf die Treppe zur DB-Lounge und widme mich dem Text, der bis heute Abend stehen soll. Es ist dreiviertel Zwei.

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Rollkoffer sind das ganz große Ding im Jahre 2014. Wer etwas auf sich hält, zieht das Gepäck. Leider ist der Boden der Haupthalle blankpoliert und fugenlos; der Lärm vieler dutzend Plast-Rollen wäre ansonsten kaum auszuhalten und würde das dumme Gelächter der Jugendlichen übertönen.

Da wir in der Marktwirtschaft leben und daher jeder Hauptbahnhof ähnlich konsumorientiert ist wie ein Einkaufszentrum, steht in der Halle nicht etwa die Statue des Architekten, sondern ein enormer Stapel RitterSport-Tafeln.

Seltsamerweise gibt es hier ansonsten recht wenig Reklame: Die Deckenhöhe ist schlecht genutzt. Es gibt weiße Wände. Der Fußboden muss ebensowenig als Reklamefläche herhalten. So viele Chancen auf Stärkung des Markenbewusstseins liegen brach.

Andererseits ist es entlarvend genug, dass die Wartenden sich auf dem Sockel der Schokotafel-Säule ausruhen, um dann zum nächsten Bahnhof weiterzureisen, dessen Haupthalle das gleiche Monument zum Mittelpunkt hat.

Ich esse Marzipan und spüle den Matsch mit Gemüsesaft in den Magen. Wer noch weniger auf sich hält, schluckt eine Kombination aus Milchshake und Ditsch-Pizza.

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Es fällt mir schwer, irgendwas Berichtenswertes an den Menschen im Bahnhof zu bemerken.

Manche laufen, den Rollkoffer hinter sich oder an ihrer Seite, festen Schrittes zum Zug oder aus dem Bahnhof. Andere stehen wartend herum oder sitzen. Manche essen, andere trinken. Einige haben die Hand, die keinen Rollkoffer hält, in der Jackentasche. Fahrräder sind selten, Kinderwägen häufiger. Leider gibt es heute weder Dynamo-Hools noch Wave-Gothics.

Ein Alptraum für Menschen wie mich, die auf Merkwürdiges hingewiesen sind. Hilft demnach nur, genauer hinzuschauen.

Ein Rentner mit Rollkoffer zieht ein Taschentuch aus der Jacke und schneuzt sich. Naja. Die Stillende erwidert meinen Blick und ich wende mich ertappt ab, als sie ihre Augenbrauen fragend verzieht. Der Zopfträger mit dem roten Liegerad ist plötzlich verschwunden, als ich vom Notizbuch aufschaue; er hat nichts Auffälliges getan ansonsten.

Hatte ich bereits erwähnt, dass hier vieleviele Rollkoffer benutzt werden? Ja, ich hatte. Also: Wechsel der Beobachtungsposition! Eventuell passiert auf dem Bahnsteig irgendwas.

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Nein. Obwohl ich hoffe, dass der Longboard-Jugendliche auf die Gleise fällt. Auch laufen hier nirgends Polizisten mit Maschinenpistolen herum. Und der durchfahrende Güterzug ist graffitifrei. Langsam werde ich panisch. Sollte ich auf dem langweiligsten Bahnhof sein?

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In der Regionalbahn habe ich scheinbar Glück, denn der eine Typ neben der Tür redet nervig laut in die Freispreche seines Smartphones: “Wärste zum Maik rübergekommen, Mensch! Also ich meene das…” – Oh, er steigt eilig aus, nachdem er bemerkt hat, dass er hier rauswollte. :(

Ich fahre rüber zum Bahnhof Neustadt. Neben mir steht ein Fahrrad mit angeklebter Taschenlampe als Frontlicht. Wenigstens das gibt es zu berichten. Ein Trauerspiel. Marzipan und Saft sind inzwischen alle, das Brot muss noch bis morgen vorhalten.

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Dresden Mitte, ein nach der Renovierung reichlich gesichtsloser Haltepunk— Oh, Gottverdammt, das soll ein Slamtext werden und kein Vortrag im Erstsemester Außenarchitektur!

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Angekommen im Bahnhof Dresden Neustadt, der sofort potentielle Themen liefert wie ein Kipplaster: Rucksacktouristen, die sich schlechte Witze erzählen. Baustelle, die für Gedränge sorgt. Rollstuhlfahrer, der einbeinig die Treppe hochhoppst und sich dabei am Geländer festhält, während man den Rollstuhl hinter ihm herträgt. Zuletzt schmunzele ich über die hinter die Asianudelbude gequetschte Wartezone.

Und was ist das? Ein Typ sitzt dort mit Notizbuch auf dem Schoß!

Unter dem Vorwand, nach dem Busbahnsteig zu fragen, komme ich mit ihm ins Gespräch. Wir reden über Bahnhofs-Architektur und plötzlich lächelt er zufrieden und kritzelt zweidrei Stichpunkte in sein Notizbuch. Ehe er reagieren kann, habe ich es ihm entrissen und ihn umgestoßen. Das Klirren einer leeren Glasflasche echo’t durch die Ankunftshalle.

Erst an der Königsbrücker höre ich auf, zu rennen. Es ist jetzt Fünfzehn Uhr. Zeit genug, seine Notizen in Form zu bringen. Hoffentlich hat er mehr als ich.

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