Blase

Da sollte es einen Vortrag im linken Kulturzentrum geben über Kulturelle Aneignung. Die bloggende Ethnologin, die da vortragen sollte, war von der langen Fahrt ziemlich durch und hatte überhaupt schlecht geschlafen wegen einiger Nachrichtenmeldungen aus ihrem Heimatland, und nun blickte sie fünf Minuten vor Beginn der Veranstaltung in die Runde und wurde von allem getriggert: junge Weiße waren bedeckt mit Tätowierungen und behaart mit Dreadlocks und einige hatten Nasenringe und all das wurde abgerundet von Kaffee und Tabak und einem kitschigen indischen Wandvorhang. Alles war ihr zuviel und sie brach den Vortrag ab, bevor er begann.

Am kommenden Tag lief das Soziale Web heiss mit Rede und Gegenrede, hämischen Bemerkungen, Metadiskussionen vom Feinsten, schiefen Vergleichen, Witzen, Wortspielen. Selbstredend tasteten sich die meisten A-Blogger Deutschlands auf dieses Gebiet vor, um mal wieder ein Politikum zu haben, welches für ‘ne Glosse gut ist oder ein Podcast oder einen Leitartikel. Alles das fand teilweise auf einem Textniveau statt, das durch seine Verstiegenheit beeindruckte, anstatt zumindest den doch eigentlich erklärend gemeinten Blogpost der getriggerten Vortragenden zu adeln.

Früher (und weg vom konkreten Beispiel) hätte ich vermutlich ebenfalls einen langen Blogtext zum Aufregerthema des Tages geschrieben. Zumindest hätte ich jedoch in den unvermeidlichen Blogkommentaren mitgemischt wie all die anderen Empörungs-Mitläufer. Oh!, diese Freude, zum Beispiel einen Leitartikel zu zerpflücken oder ein Interview zynisch zu kommentieren oder eine dpa-Meldung mit dem bislang angehäuften Erfahrungsschatz abzugleichen.

Da das rückblickend nie etwas gebracht hat (im Sinne von: meine Beiträge trugen nichts zur festgefahrenen Diskussion bei, die Themen nahmen überhand, die Frontenverläufe änderten sich wöchentlich und mein sowieso nicht sehr schönes Menschenbild zerbröselte)… Also: Da das absätzeweise Mitreden nichts gebracht hat, sprang ich zwar recht spät auf den Microblogging-Zug auf, aber fuhr seitdem mit Twitter umso besser. Hier gab es eine Filterblase aus anderen gebrannten Blogdiskussions-Kindern, die sich nun absichtlich auf Filmkritiken und Kindheitserinnerungen beschränkten, doch die Blase war immerhin durchlässig genug, um nachvollziehbare Elemente zu übernehmen und vereinzelte längere Texte mitzubekommen.

So zum Beispiel wissen wir seit vielen Jahren, dass die Begriffe ‘Neger’, ‘Mongo’ und ‘Spasti’ nicht klargehen und ebenfalls so ungefähr, was es mit Triggerwarnungen auf sich hat. Das eine mal betrieb ich sogar eigens Internetrecherche, um herauszufinden, was es mit diesem Wellenform-Tshirt-Motiv auf sich hat und mit Hipstern ganz allgemein.

Größtenteils war Twitter trotz allem eine Flucht in die Unpolitik nach dem Motto: weil ich die Menschen liebe, halte ich mich von ihnen fern. Deshalb die Wortspiele. Deshalb die Sarkasmen und Antiwitze und die Retweets alberner Einfälle wildfremder Menschen.

Währenddessen wurden anderswo Stimmen laut, die grummelten: “Online bewirken wir zu wenig. Unsere Kommentare werden oft genug nicht einmal mehr freigeschaltet. Wieso verschweigen uns die Mainstreammedien und homosexuellen Anzugträger, die die Welt beherrschen? Wie können wir die unsere Theorien, Freien Asoziationen und Zwangsstörungen medienwirksamer in die Welt hinaustragen?” Endlich kam ihnen der grandiose Einfall, ein theoretisch gutes Konzept (Demonstrationsfreiheit) in eine Selbstparodie zu verwandeln und damit Passanten zu beschallen. (Oder sollte ich lieber ‘Schlafschafe’ sagen?)

Dies wiederum bewirkte, dass eines Nachts, als ich im Spätshop eine Kollemate kaufte, um sie vor Ort leerzutrinken während der angefangenen Unterhaltung über irgend ein unverfängliches, aber politnahes Thema, sich ein älterer Herr als “Grundgesetzkritiker” und also demzufolge vulgo “Reichsdeutscher” entpuppte. Die nächsten Sekunden waren eine außerkörperliche Erfahrung, denn all die alten Reflexe kehrten zurück.

Mein altes Ich stieg darauf ein und fragte nach Alternativen zum Grundgesetzestext, “falls es denn wirklich ungültig sein sollte” und der Reichsdeutsche wusste sagte, dass es ein Repressionsinstrument der US-Banker sei und so weiter und letztendlich brach er(!) das Gespräch ab mit einem abwinkendem “Dich habense ja auch schon umgedreht!”

Er blockte mich offline und mein Körper schnappte nach Luft.

Plötzlich war ich wieder in mir zurück und flüchtete stolpernd / stolperte flüchtend aus dem Spätshop, wobei ich größtenteils versehentlich einen mir entgegenkommenden Dreadlockspast anrempelte und einem dieser Fleischtunnelkunden meine Mate aufs JoyDivision-Shirt schwepperte, kurz bevor dessen Siebdruck den dazugehörigen Ohrwurm triggerte, den ich erst zuhause losbekam mit “Voodoo People” von The Prodigy.

Noch immer hilflos-wütend startete ich den Computer, und alle Wut fiel von mir ab: Jemand aus der Filterblase hatte doch tatsächlich solch ein Minensuchboot ersteigert, das wir uns vor Monaten witzelnd als Fluchtfahrzeug ausgesucht hatten, nachdem jemand mal mit Tweets über Jacques-Yves Cousteau sowie den einen Wes-Anderson-Film loslegte. Schnell war das Geld zusammengekratzt, denn einige aus der Filterblase verdienten in ihrem Offline-Leben weitaus mehr, als ich das je vermutet hätte beim Anblick ihrer Twitter-Namen.

Unser Plan ist lange genug Halbwitz und Theorie gewesen: Jetzt kreuzen wir die Weltmeere und schreiben sogar wieder Blogbeiträge; nur eben zu Themen, die weniger ausgekaut sind, als dieses verkrampfte Politgeblogge. Wir schauen Filme und schreiben natürlich auch darüber. Wir freuen uns sogar darauf, mal für zwei Wochen ohne Internet auskommen zu können, denn in dieser Zeit sortieren wir Fotos und Gedanken. Ab und zu geht es mit dem Beiboot flussaufwärts ins Landesinnere. Unsere Kosten decken wir mit App-Verkäufen, Clickcents und Vorträgen. Selbstredend haben wir ein Tumblr.

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