Nicht ganz unten

Kürzlich begann und endete der kurze Ausflug in die Erwerbstätigkeit am selben Tag, denn die Kombination aus “Teppichboden rausreißen” und meinem Blutdruck war die falsche. Das hätte ich natürlich ahnen können, doch wollte es halt mal probieren.

Immer wieder die Erkenntnis: Manche jobben solche Jobs täglich und grundlegen damit all die kleinen Alltäglichkeiten, die unsere Hochkultur ausmachen. Andere Menschen ordnen den Papierkram, der damit zusammenhängt bzw. sich daraus ergibt – Stundenzettel, Telefonate und Datenbankeinträge. Des einen Muskelkater ist der anderen Datensatz.

All dies kann ich wunderbar verdrängen, solange ich geistig tätig bin im Eigenauftrag und zum Beispiel alle Polanski-Filme schaue, um mein Film(theorie)wissen zu erweitern. Meine bestmögliche Ausrede ist, dass es Procrastiwork sei, und ein wenig glaube ich das auch noch immer selbst.

Doch immer, wenn’s mal “brenzlig” wird in Form von Amtsgängen, Bewerbungen etc., wird mir wieder mal für einige Zeit bewusst, dass ich mir meine monatliche Überweisung vom Staat ausschließlich mit Zettelkram und Heimbürokratie verdiene, während andere sich für viele Stunden ihres Monats körperlich abkämpfen.

Manchmal schulterzucke ich diese Erkenntnis weg mit »So bin ich eben.« – und manchmal überwiegt die (eingebildete? wohl kaum!) Fremd-Einschätzung, ich sei ein Sozialhängematte-schaukelndes, arbeitsscheues Gesindel, das mal besser ranklotzen sollte, um der Gesellschaft einen längst fälligen Dienst zu erweisen.

Könnte natürlich auch beides zutreffen oder etwas vollkommen anderes. Teppichböden herauszureißen zumindest ist keine stimmige Lösung, wie ich jetzt weiß. Wobei es konsequent wäre, mich wortwörtlich totzuarbeiten, nachdem ich jahrelang quasi das Gegenteil tat.

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Nachtrag, 12.08.’14: Eine Freundin, die diesen Text las, merkte an, dass sie sich erstens diese Mitleidstour seit etlichen Jahren in Variationen anhören darf, und zweitens, dass es »die Gesellschaft« nicht gibt: niemanden (außer mir [außer mich?]) interessiert mein Nichtstun, schon eher warten einige Menschen auf mein Tun.

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