Heimatfront-Trauma

Die Älteren unter euch werden sich sicherlich noch an die Stunde erinnern, bevor 9/11 geschah.

Mein Bruder und ich wohnten damals noch in Radebeul und wollten mit der Straßenbahn nach Dresden fahren – vermutlich zum Schaufensterbummeln oder sowas. Wir trafen meinen Ex-Mitschüler Jan, wir kamen ins Gespräch und verschoben unseren Schaufensterbummel, um uns bei Jan zuhause ein Online-Rollenspiel namens Anarchy Online vorführen zu lassen.

Das taten wir, doch plötzlich »A-oh!«-te ICQ und jemand meinte, wir sollten Nachrichten schauen: ein Flugzeug ist ins World Trade Center gekracht. Mein erster Gedanke: ins WTC Dresden. Es stellte sich schnell heraus, das dieser Gedanke falsch war.

Wir schauten und lasen nun also gefühlt stundenlang bei Jan im – zwischen 1998 bis 2001 leidlich erwachsener gewordenen – Jugendzimmer die Livebilder und Tickermeldungen und diverse englischsprachige News-Webseiten. Geschrei, Staub und Flammen, aber zu diesem Zeitpunkt noch keine Verschwörungstheorien. Evtl., weil wir nur Mainstreammedien verfolgten.

Leider erinnere ich mich nicht mehr daran, wie und wann wir Jans Wohnung verließen, doch am 12. September füllte ich eine 240min-Videokassette mit Impressionen der Fernsehlandschaft: Mehr Geschrei, Staub und Flammen und bereits die ersten US-Flaggen sowie subtile Veränderungen der versendeten Bilder. Der Polizist, der heroisch ins Nichts blickte beim Absperren des Tatortes, kratzte sich in der ursprünglich gesendeten Aufnahme irgendwann an der Nase.

Monate (evtl. Jahre?) später sah ich auf Youtube einen Film, der beweisen wollte, dass die Flugzeuge keine waren, sondern dass die Filmaufnahmen der Einschläge gefälscht seien und stattdessen Raketen in die Gebäude eingeschlagen waren. Andere glauben an ferngesteuerte Flugzeuge vollgestopft mit exhumierten Leichen, oder was weiß ich noch was. Dagegen waren meine scherzhaften Geschichtsfälschungen harmlos: zB wartete ich am Tag der Erstausstrahlung darauf, dass sich die NOD-Bruderschaft zum Anschlag bekennt.

Die Vergleiche zu Emmerichfilmen fielen ebenfalls leicht. Seine Filmbilder wurden von Experten der Sittengeschichte, Medienkunde und Soziologie als »von nun an nicht mehr möglich« eingeschätzt, während man in NYC den Staub zweier Wolkenkratzer zusammenfegte. Nie wieder würde sich eine Kinogängerin beeindrucken lassen wollen mit epischer Zerstörung menschengefüllter Immobilien.

Laut Peter Hahne schien »Das Ende der Spaßgesellschaft« erreicht, vielleicht sogar das Ende der Generation Mo-Mo-Monsterkill.

Ein klein wenig trifft das sogar zu: die Panik und Hexenjagd nach 9/11, 7/7 und dem Bombenanschlag in Madrid führte Hand-in-Hand mit der Panik und Hexenjagd nach Littleton, Erfurt und Meißen dazu, dass sich die Leute der Geekkultur öffneten, denn jeder Auffällige war verdächtig, aber auch jeder Unauffällige. Und wer niemandem mehr vertrauen kann, kann auch gleich jedem vertrauen, um die Nerven zu schonen.

Diese Anschläge läuteten interessantere Zeiten ein: Während in Afghanistan treibstoff-freeganende Dorfbewohner von Drohnenschlägen zerfetzt wurden, sampleten US-Musikproduzenten persische Klänge. Während Saddam Husseins Statue in den Straßenstaub kippte, konvertierten etliche Mitteleuropäerinnen zum Islam. Während geschreimäulige Talkshows durch gefällige Kochsendungen ersetzt wurden, verlor ich nachhaltig die Lust am Fernsehen und blies mir eine Internet-Filterblase auf.

Denn mein Menschenbild war medial einigermaßen gefestigt worden durch Kuwaitkrise, L.A. Riots, Walfangaufnahmen, Bohrinsel-Diskurs (#90sKids erinnern sich), diverse Schulmassaker, 9/11 inkl. Nachwirkungen und insgesamt durch den Blick in die jüngere Erdgeschichte – genauer gesagt die zurückliegenden sechstausend Jahre. Das Medium ist die Heimatfront.

Also misstraue ich dem scheinbar(?[?]) offenherzigen “Beim Begrüßen umarmen”-Reflex der jungen Menschen von heute. Ich interpretiere ihre Frisuren als Rückgriff auf Nazi-Ästhetik, obwohl sie im Stadtpark (bislang heimlich) kiffen, mit Gastarbeiterkindern befreundet sind und auf dem Stadtfest zu Klezmer abzugehen vermögen, aber auch zu Linksrock und Jungle/DnB. Ich halte ihre Firmen-Neugründungen, Dawandashops und CC-lizensierte Musik für Selbstausbeutung, obwohl sie merklich Spaß daran haben.

Und zu guter Letzt bin ich verwirrt davon, dass sie Consumer-Electronics benutzen, obwohl sie die Produktionsbedingungen kennen; so, wie ich damals die Taliban verwirrend fand, die mittels modernster Übertragungstechnologie die Dekadenz der Westlichen Welt anprangerten.

All dies lehrte mich aber auch, dass ich die Symptome meines medialen Shellshocks mindern *könnte*, indem ich auf Trigger verzichte: Einfach kein Fern mehr sehen, einfach keine Nachrichten verfolgen, einfach keine Geschichtsbücher mehr lesen – sondern raus gehen und den Pappeln beim Rascheln zuhören und währenddessen etwas schreiben. Wenn überhaupt.

Denn – noch eine Umdrehung weitergedacht – durch Ummünzung meiner Erinnerungen der in den Nachrichten der letzten vierundzwanzig Jahre gesehenen Schrecknisse in Texte oder Kunstwerke würde ich andere Menschen mit diesen Schrecken infizieren – ungefähr so, wie das Naomi Watts tun musste, um nicht vom Rachegeist ermordet zu werden. Soviel zum Thema Katharsistheorie.

Wer bis hierher gelesen hat, ahnt meine Entscheidung.

Trotzdem war ich lange nicht mehr bei Freunden, um mir beeindruckende Computerspiele zeigen zu lassen. Weil ich den Moment fürchte, in dem ein Chatprogrammfenster aufploppt und der Alptraum zur Realität wird.

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