Zurück zur Einzelle

Guten Abend, Leute!

Wenn ich mich hier heute umblicke, sehe ich eine Menge engagierte Menschen. Einige von euch haben die Aufbruchsstimmung der Wendezeit noch gut in Erinnerung, andere sind so jung, dass ihnen die Melodie zu John Lennons »Imagine« nichts sagt – und einige von euch haben Kleinkinder dabei, in Tragetüchern schlummernd oder bereits auf eigenen Beinen stehend.

Alt und jung, »für den Frieden« versammelt, weil dies so der Brauch ist in einer lebendigen Demokratie. – Dabei hat jede und jeder von uns ein eigenes Feindbild, eine eigene Weltsicht.

Ob es nun Genderdebatte, Imperialismus, Antideutschtum, Rassismus, Schulmedizin, Chemtrails, Orbs, fluoridhaltige Zahncréme, Elektrosmog und nicht zuletzt auch die Bilderberger sind, für oder gegen die wir uns einsetzen…

Oder schaut in unser »Szeneviertel« Dresden Neustadt: plötzlich wird die Königsbrücker Straße “Köni” abgekürzt. Restaurants eröffnen, obwohl andere schließen. Longboards und sogar Einräder rollen die Straßen entlang, Fahrräder dafür auf den Gehwegen. Die Ampeln bleiben auch außerhalb der Schulwegezeiten angeschaltet.

Und so weiter und so fort. Diese Dinge machen viele von euch aus gutem Grund stutzig. Nun blickt in die Runde und überlegt, für welchen Weg zum Frieden und welche Art Frieden sich unsere Mit-Mahnwachenden einsetzen!

Wie leben die wohl? Vertraut ihr denen? Wisst ihr wirklich so genau, wer hier und für welchen Zweck Fotos macht oder die Redebeiträge mitschneidet? Wir sind nicht vorsichtig genug und diese Mahnwache ist der Beweis.

Denn wir sollten wohl inzwischen eines wissen: dass es ein leichtes ist für Unternehmen oder andere Interessengruppen, hier Unfrieden zu stiften mit hahnebüchenen Redebeiträgen, schlecht ausformulierten Flyern – oder gekauften Demonstranten, die an den falschen Stellen applaudieren.

Sowieso: Hört ihr den Sprecherinnen und Sprechern überhaupt zu, bevor ihr klatscht?

Dass ihr euch hier versammelt – und dass ihr vielleicht sogar miteinander ins Gespräch kommt und mittendrin erschrocken feststellt, dass eure Vorstellungen vom Frieden und dem Weg dorthin unterschiedlicher nicht sein könnten – Wem nützt es denn?

Nach alldem, was wir wissen, glauben und ahnen, ist es sehr gut möglich, dass uns diese Mahnwache für den Frieden nur scheinbar dem Frieden näherbringt, uns jedoch stattdessen an den Glauben an Meinungsfreiheit und Direkte Demokratie fesseln soll.

Eine Studie des Instituts Für Konfliktforschung sagt schwarz auf weiß: »Die Konsumenten sind dumm wie Brot.« Natürlich formulieren sie das anders. Und die Studie kommt zu dem Schluss, dass Menschen, die einander zuhören und die gemeinsame Lösungen suchen, weniger Zeit haben, um inneren Frieden zu finden.

Wem nützt denn beispielsweise die Berichterstattung und die endlose Besorgnis zum Thema Landgrabbing? Wir alle sollten doch eigentlich lieber hart dafür arbeiten, selbst ein Stückchen Land zu grabben, auf dem wir autark glücklich werden können.

Übrigens bin ich mir im Klaren darüber, dass auch ich Teil dieser eventuell bewusst gesteuerten Debattenkultur, dieser babylonischen Ideenverwirrung, bin. Das Mindeste, was ich also tun konnte, um diesen Fakt zu untergraben, war: Ich habe jemanden vorbeigeschickt, der diesen Beitrag vorliest, während ich zu Abend esse.

Mit freundlichen Grüßen, euer Mit-Babylonier.

Dies ist meine bislang noch nicht gehaltene Mahnsprache, ausgelöst und Satire auf die »Montägliche Mahnwache für den Frieden« am Jorge-Gomondai-Platz.

Sie ist darauf optimiert, entlarvenden Applaus zu generieren – unter anderem von mir, denn man kann eventuell nur parodieren, woran man selbst ein klein wenig glaubt.

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