*bedenkt, dass er vergessbar ist*

Beim Gang durch Secondhandläden, Sozialkaufhäuser und über Flohmärkte überkommt mich oft genug Trauer, dass es dieser Ramsch ist, mit dem wir uns der Nachwelt mitteilen – dass das meiste, was von unserem Alltag überliefert werden wird, Gebrauchsgegenstände ohne großen Nutzen und viel Eigenart sind.

(Kindersachen-Flohmärkte haben wenigstens noch den Subtext, dass dort der Nachwuchs sozusagen alte Haut abstreifen kann während des Großwerdens im Stadtviertel.)

Aber zwischen all dem Geschirr und den Briefmarken aus aller Welt, zwischen den Möbeln, Kannen, Puppenköpfen, und den durch Trennung von den für Verdienste Ausgezeichneten ihrem Sinn beraubten Orden und Medaillen… Zwischen all diesem Kram stehen Bücher und Zeitschriften und andere Datenträger vergangener Zeiten:

Bestseller, die die Zeit vergaß; Autoren, die der Systemwechsel verschluckte; Tafelwerke ohne aktuelles Periodensystem; ironisch zu erwerbende Schallplatten und Videokassetten, über deren damals angepeiltes Zielpublikum man erschrickt oder sich wundert; Konsolenspiele, die von wohlmeinenden Eltern geschenkt wurden oder für die mal reichlich Taschengeld draufging; Postkarten, die von schönem Wetter handeln und das Hotelzimmerfenster mit einem Kreuz markieren. Und immer wieder vergilbende Fachliteratur und Gesangbücher.

Der aus dem Samplemusikerjargon stammende Begriff des »crate digging« (für das Stöbern in Plattenkisten nach Verwertbarem und Obskurem) passte auch auf meine Ausgrabungen in der »Möbelscheune«, als eine Schachtel mit Familienfotos und gescheiterten Schnappschüssen im Regal stand. Mit flinken Fingern durchwühlte ich die Bilder auf der Suche nach Doppelbelichtungen, lustigen Fehlschüssen, sowie ‘Beweisfotos’ von geschenkegefüllten Zimmerecken und reichgedeckten Tischen.

Der Schlusspunkt dieses Interesses war eine Reihe von Fotografien, beginnend mit einer gebrechlichen, verfallenden Rentnerin und endend mit ihrer Aufbahrung und dem blumengeschmückten Grab. Diese Bildfolge wirkt wie die letzten Filmminuten nach all den blitzlicht-beleuchteten Gabentischen und Wohnzimmerschränken, Familienfeiern und Gartenarbeiten auf den restlichen Aufnahmen.

Der unkommentierte Weg allen Fleisches – im Windschatten einer Wohnungsauflösung ins Gebrauchtwarenhaus getragen worden, dort freigekauft und nun in meinem Kuriositätenkabinett lagernd – beweist nun vor allem auch wieder nur mein Beeindrucktsein von Vergänglichkeit und Vergessenwerden.

Deshalb ist das Fotografieren – die todesbewussteste Tätigkeit und als solche oft und gern in Essays und Vorträgen thematisiert – eines meiner langjährigen Hobbys. Ich portraitiere vor allem Unbelebtes und Unwirtliches: Parkplätze, Fahrbahnmarkierungen, Mülltonnen-Stellplätze, dichte Hecken, zerbröselnden Beton.

Nun stellt euch den Schreck vor, als mir irgendwann klar wurde, dass all die von mir in Fotoalben, Buchregalen und auf Festplatte gesammelten Beweise für den Weg allen Fleisches und allen Tuns eben genauso sehr dem Verfall preisgegeben sind und in Vergessenheit geraten werden!

Diese Erkenntnis entlarvte den vermeintlichen Zweikampf zwischen lampenfieberkrankem Perfektionismus und werkeschaffender Furcht vorm Vergessenwerden als die beiden Seiten einer Medaille, die nach meinem Tod zwischen anderen unscheinbaren Medaillen auf dem Flohmarkt feilgeboten wird.

Bei jedem Naserümpfen über stockfleckige Bücherstapel denke ich daran: Endgültig aufhalten kann ich Verfall und Vergessenwerden nicht. Aber ich werde meine unperfekten Werke ab jetzt so lange selbstbewusst verbreiten, bis irgendwann jemand mich und meinen Nachlass hier rausträgt.

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