Arbeitsqualität durch Qualitätsarbeit

Neulich fand ich im Broschürenregal gleich hinter dem Vordereingang des Pieschener Ex-Rathauses (a.k.a. Ortsamt) ein hochformatiges Heft, welches unter dem Titel "Das halbe Leben" »für eine neue Kultur der Arbeit« wirbt. Vermutlich, weil jemand der Meinung war, die alte Arbeitskultur sterbe aus.

Doch schon beim ersten Durchblättern fiel mir auf, dass sich recht wenig geändert hat an den Forderungen jener, für die die »Arbeit ist die Quelle unseres Wohlstandes« ist und bei denen man nie weiß, wen genau sie meinen, wenn sie ‘uns’ sagen.

Olaf Scholz etwa gibt bereits im Vorwort zu:

»Für das Bemühen um gute Arbeit und eine neue Kultur der Arbeit sprechen zunächst einmal wirtschaftliche Gründe.«

Nämlich das internationale Wirtschaftsmächte-Ranking. Die »gute Qualifikationen und eine hohe Motivation der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer« wirken nicht wie Hauptsachen, sondern wie Mittel zum Zweck. Auch unterscheidet Scholz (versehentlich?) zwischen »Arbeit« und »guter Arbeit«, und sorgt einige Zeilen später für Unbehagen bei allen Werktätigen, die der Prozentrechnung mächtig sind:

»Arbeit ist das halbe Leben – und manchmal mehr als das.«

Nutze den Tag, aber bedenke, dass du sterblich bist!

Seite 6:

»Der internationale Wettbewerb ist zu einem Wettbewerb des Lernens und Wissens, der Wandlungs- und Innovationsfähigkeit geworden. Die Ansprüche an die Qualifikation der Mitarbeiter und ihre Teamfähigkeit steigen und machen lebenslanges Lernen unumgänglich.«

War das vor dreißig, siebzig, oder zweihundert Jahren etwa anders? Nein. Es gab seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte nie so etwas wie eine gute alte (sprich: fortschrittslose) Zeit. Jährlich kamen Innovationen technischer und geistigeswissenschaftlicher Art hinzu, wurden Berufe nutzlos und war Weiterbildung der Schlüssel zum Erfolg.

»Durch eine kluge Arbeitsorganisation und eine alternsgerechte Arbeitsplatzgestaltung können die spezifischen Fähigkeiten von Älteren und Jüngeren bestmöglich genutzt werden. Eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen wird für die dauerhafte Sicherung des
Arbeitskräfteangebots unverzichtbar.«

Wer nutzt wen/was aus welchem Grund? Solche Sätze muss man genau lesen, denn die Wortwahl verrät die Agenda.

»Gleichzeitig müssen Unternehmen in der Lage sein, schnell und angemessen auch auf nicht prognostizierte Veränderungen zu reagieren, beispielsweise auf Kundenanforderungen, auf verfügbare Technologie oder auf gesellschaftliche Erwartungen und Rahmenbedingungen.«

Noch mehr alter Wein? Wie neu ist diese neue Kultur der Arbeit eigentlich?

»Eine Unternehmenskultur, die die Potenziale der Beschäftigten fördert und auf ihre Bedürfnisse eingeht, ist die beste Grundlage, um die Leistungsbereitschaft und Flexibilität der Beschäftigten zu erhalten.«

Ungepflegte Maschinen gehen nämlich schneller kaputt.

Seite 8:

»Damit wir auch in Zukunft unseren Wohlstand sichern können, müssen […] jüngere, gut ausgebildete Beschäftigte für Unternehmen gewonnen und wenn möglich auch in Krisenzeiten gehalten werden, um den demografischen Wandel zu gestalten.«

Wo kommen wir da hin, wenn fähige Menschen ihre hier erworbenen Fähigkeiten außer Landes tragen? Die sollen doch nur global denken und nicht global handeln!

Die Lösung: Eine unterschwellige Patriotismus-Debatte durch die Erwähnung des demografischen Wandels lostreten. Als ob nicht täglich andernstaats zigtausend Kinder geboren werden, die man hierzulande zu Ingenieurnachwuchs heranziehen könnte, aber lieber an Unterernährung verrecken lässt, weil die Hautfarbe nicht stimmt.

(Ernsthaft: Warum gibt es keine Abkommen mit Drittweltländern, deren überschüssige Kinder gegen unsere Glasperlen Hilfsgüter einzutauschen, um dem demografischen Wandel entgegenzuwirken?)

»[Q]ualitativ hochwertige und finanzierbare Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten auf allen Ebenen [ermöglichen.]«

Das ärgerliche Detail ist die Finanzierbarkeit. Bildung ja, aber bitte nicht zu teuer. Sonst bleibt kein Geld mehr übrig für Schulgebäudesanierungen, Digitalwandtafeln und ähnliche Konjunkturkurbeln.

Seite 10:

»Die Ziele der Initiative „Für eine neue Kultur der Arbeit“ gehen über die rein wirtschaftlich erforderlichen Veränderungen hinaus. Sie will Arbeit so gestalten, dass sie ökonomisch nachhaltig und zum sinnstiftenden Teil des Lebens möglichst aller Menschen wird.

[… D]ie Arbeit soll so gestaltet sein, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bis zur Rente gesund arbeiten können und dies auch wollen.«

Sinnstiftend wie in: Menschen ohne Arbeit führen sinnlose Leben. – Noch immer steht die Frage im Raum, für wen die Menschenleben sinnvoll sein sollen, deren Sinn/-losigkeit hier (durch wen eigentlich?) zur Diskussion gestellt wird.

»Gesundheit, Zufriedenheit und Wohlbefinden. Sie sind Grundlage für Motivation und Leistungsfähigkeit. Betriebe und Beschäftigte[!] müssen sich ihrer Verantwortung hierfür bewusst sein.«

Übersetzung: Bitte kein Humankapital aus dem Fenster werfen.

»Die alten Lebensmuster – erst lernen, dann arbeiten, dann Rente – haben ausgedient. Zeiten des Arbeitens, des Lernens, der Familienarbeit werden sich immer weniger ausschließen.«

Es ist nämlich vollkommen normal, dass Rentner und Schüler wöchentlich Werbematerial austragen oder dass Studenten in Supermärkten jobben, um über die Runden zu kommen. Wenn sie nur motivierter wären …

Seite 12:

Überspringe ich ungebeten.

Seite 14:

»Alle haben ein Interesse daran, dass die Beschäftigten fit und belastbar bleiben. […] Gerade in diesem Bereich gibt es bereits viele Beispiele guter Praxis, von denen die Unternehmen lernen können.«

Diese »Beispiele guter Praxis« sind unter anderem als Mindestanforderungen, Empfehlungen, DIN-Normen und Arbeitsschutzgesetze bekannt, und inzwischen in Deutschland völlig selbstverständlich. Offiziell zumindest. Die miesesten Drecksarbeiten werden sowieso größtenteils in Entwicklungsländer outsourced. Was schert den deutschen Verbraucher fremdes Leid?

Seite 16:

»Flexibilität bei der Arbeitszeit sollte keine Einbahnstraße sein.«

Hä?

»Es gibt bereits gute Beispiele, die zeigen, wie Betriebe ihre Beschäftigten bei der Kinderbetreuung unterstützen. Hierzu gehört die Möglichkeit, Betriebskindergärten auf- und auszubauen, Belegplätze in den Kindergärten zu finanzieren oder Familienservices durch das Unternehmen zu fördern.«

Damit bereits die Jüngsten an ein Leben im beruflichen Umfeld gewöhnt werden. Denn die Schulzeit steht sowieso längst unter dem Motto Grube und Pendel Fördern und Fordern, und soll den Arbeitsmarktpreis der Heranwachsenden maximieren.

(Gibt es eigentlich Werks-Pflegeheime?)

Seite 18:

»Bildung, Weiterbildung und Qualifizierung sind unverzichtbare Investitionen in die Zukunft. Sie sichern den Unternehmen nicht nur Know-how und damit Innovationsfähigkeit, sondern fördern zudem die Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.«

Mehr vom Gleichen. Doch diese Formulierungen machen endgültig klar, dass dieses Heft aus Arbeitgeber-Perspektive geschrieben wurde, und die ArbeiterInnen mit Furcht vor dem Verlust einer Weltspitze zu überzeugen versucht, welche logischerweise auf den schlechter angesehenen Weltrangplätzen anderer Staaten und deren damit verbundenen niedrigeren Lebensqualitäten basieren muss. Neidgesellschaft goes global.

»Mit Blick auf die demografische Entwicklung wird es zudem darauf ankommen, Menschen mit bisher geringer Beteiligung an Weiterbildung mitzunehmen und ihnen neue Perspektiven in der Arbeitswelt zu öffnen.«

Leiste auch Du deinen Beitrag!

Seite 20:

»Forschung und Forschungsförderung zur Gestaltung einer modernen, menschengerechten Arbeitswelt haben in Deutschland eine lange Tradition, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht.«

Nicht ganz so weit her ist es mit der Tradition, diese Forschungsergebnisse auch umsetzen. (Von der Vernichtung durch Arbeit und humaneren Zwangsmaßnahmen mal ganz abgesehen.)

Seite 21:

»Forschungsergebnisse allein bieten noch keine besseren Bedingungen. Aber sie können helfen, Umsetzungsstrategien zu entwickeln.«

Aber bitte möglichst preiswert und systemkonform.

Seite 22:

»Alle Bürgerinnen und Bürger sind eingeladen ihre Erfahrung und ihre Meinung einzubringen: Wie kann eine humane und wirtschaftlich erfolgreiche Arbeitswelt gestaltet werden?«

Bin ich der einzige, der sich eine humane Arbeitswelt wünscht? Vor allem, weil sich wirtschaftlicher Erfolg meines Erachtens niemals menschlich sein kann, da er stets auf (dem Erzeugen von) Gier und Missgunst basiert.

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