Kein großer Lastkraftwagen

Andrian Kreye hat im webzwonulligen Sueddeutsche-Unterblogdings Der Feuilletonist einen Beitrag namens "Es begann mit dem Märchen vom digitalen LSD" veröffentlicht, der vom iPad und Timothy Leary auf’s Internet zu schließen versucht und meines Erachtens nach insgesamt recht lächerlich geraten ist. Hier nun einige kommentierte Leseproben:

»Das iPad beendet die Offenheit des Internets und reduziert die interaktive Kultur des Web 2.0 auf ein Gerät, mit dem man nur noch konsumieren kann.«

So etwas schreibt Kreye in einen Essay, den Leser kommentieren können, und lässt es ungelöscht. Da hat er wohl das Touchscreen-Keyboard (istgleich Eingabe) und die Möglichkeit, solche Geräte zu jailbreaken, übersehen.

»Tieferer Grund der Enttäuschung ist eine Verklärung des Internets und digitaler Technologien, die schon früh begann. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die Welt der kalifornischen Computerpioniere entscheidend von der psychedelischen Kultur der sechziger Jahre geprägt wurde, die ähnlich weltfremd mit sich und ihren Werken umging.«

Informationen zu befreien und/oder selbstlos zu teilen ist also weltfremd und nicht der Idealzustand? Enttäuschend ist vielmehr die Verklärung der derzeitigen Wirtschaftsform, sowie, dass einen diverse Megacorps durch Lobbyistengeflenne (vulgo: Abmahnung) und unzeitgemäße Anklagepunkte (z.B. Zitatrechtsverletzungen) an der Informationsvermittlung hindern dürfen.

»„Das Internet ist das LSD der neunziger Jahre.” Denken und Kultur sollte es verändern.«

Ist dem etwa nicht so? Wer ist denn für die Generation Kostenlos verantwortlich, die keine Lust mehr hat, (komplette) Datenträger zu kaufen, wenn nicht die technischen Neuerungen wie etwa Filesharing und Feedreader?

»Nun wird jeder bestätigen, der sich sowohl mit der psychedelischen wie der digitalen Kultur auseinandergesetzt hat, dass der psychedelische Wert des Internets gleich Null ist.«

Kommt immer darauf an, welche Webseiten man besucht. "World-of Warcraft"-Kämpfe und das (vom Feuilleton vor einigen Jahren überhypte) "Secondlife" etwa würde ich durchaus unter außerkörperliche Erfahrungen einordnen. Und dann gibt es auch noch Hypnotoad.

»Denn es ging im Internet nie um kulturelle Inhalte und Deutungshoheiten, nie um intellektuelle Aufbrüche, sondern um Produktivität und Wirtschaftsmacht.«

Das kommt auf die Intentionen der BenutzerInnen an. Wer bloß chatten will, chattet halt und programmiert keine Netzkunst. Und wer Geld verdienen will, nimmt das iPad als Aufhänger, um möglichst viele Suchmaschinennutzer anzulocken.

»Sicherlich hat unser Leben in den vergangenen 15 Jahren nichts so verändert, wie das World Wide Web und die mobile Technik. Wirklich verändert hat sich jedoch unser Alltag.«

Well, duh. Sicherlich hat unser Leben in den vergangenen hundertfünfzig Jahren nichts so verändert, wie das Automobil. Wirklich verändert hat sich jedoch unser Alltag.

»Die kulturellen Leistungen des Internets sind bisher noch marginal.«

Weil es keine Person ist, sondern ein Kommunikationskanal. Es wird benutzt und verändert dadurch das Leben seiner NutzerInnen, die nun beispielsweise nicht mehr auf Briefe warten müssen, weil sie emailen oder skypen können.

»Fast alle epochalen Texte, die das Internet hervorgebracht hat, beschäftigen sich mit: dem Internet.«

Wieviele epochale Texte, veröffentlicht im (und nicht vom!) Internet, hat der Autor wohl gelesen?

»Und visuell haben Computer und Internet bisher weder in der Kunst noch im Design nennenswerte Spuren hinterlassen.«

Hahaha, ach du Scheiße. Jeder Arthouse-Film hat Computereffekte, selbst wenn’s nur das Vorspanndesign und die Vertonung betrifft. Und Designer ohne CAD-Programm oder Online-Inspirationsquellen gibt es, glaube ich, keinen einzigen mehr in der Ersten Welt.

»Doch das revolutionäre Potential der digitalen Technologien und des Internets ist ein Impuls aus der Wirtschaft.«

EMI und Warner Music haben den Download erfunden.

»Spätestens mit der Popularisierung des Internets durch Zugangsprogramme von Anbietern wie America Online und Compuserve folgt die Dynamik des Internets den Naturgesetzen der Geldströme in der freien Marktwirtschaft.«

Naturgesetze der Geldströme?

»Geld verdient man in der digitalen Welt entweder mit dem Verkauf von Software und Geräten oder mit der Bereitstellung von Übertragungswegen wie Kabel- oder Mobilfunknetzen. Mehr kann und will die digitale Welt gar nicht.«

Was hat das Geldverdienenwollen mit dem Kommunikationskanal zu tun? Wer ist man? Und überhaupt: Man verdient als Normalverbraucher auch nicht mit dem Telefon Geld, sondern höchstens am.

»Kultur und soziale Funktionen sind da nur[!] Schmierstoff in einer Industrie, die davon lebt, die Aufmerksamkeit ihrer Kunden zu jeder Zeit so lange wie möglich an ihre Produkte zu binden.«

Das dürfte beim Verlagswesen durchaus ähnlich sein. Fröhliche Glashaus-Kristallnacht.

(via midnightradio.soup.io)

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One Trackback

  • By Soup von bsod90 on January 31, 2010 at 31. January 2010, 23:39

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