Volk’s Wirtschaft

Einige Gedanken zu den Grundlagen der Wirtschaftswissenschaft, basierend auf Zitaten aus Bartling/Luzius: »Grundzüge der Volkswirtschaftslehre« (15. Aufl., 2004) und inspiriert durch eine sich über mehrere Blogbeiträge erstreckende Diskussion bei Stefanolix, der mir empfahl, nicht immer nur linke Panikmacheblogs, sondern lieber mal ein ordentliches VWL-Lehrbuch zu lesen. Und zwar ohne rote Brille.

Bislang war dieser Versuch, scheint’s, nicht sehr erfolgreich. Aber lest selbst:

1. Teil: Knappheit als Ausgangsproblem?

»Unter Wirtschaft kann […] jener Ausschnitt menschlichen Handelns verstanden werden, der in Verfügungen über knappe Mittel zur Erfüllung menschlicher Bedürfnisse besteht.« (S. 3)

Sieht so aus, als wäre alles Wirtschaft.

Knappe Mittel sind nämlich m. E. nicht nur Güter und Geld, sondern auch Lebenszeit – welche man im Unterschied zum Konto oder Besitz nicht auffüllen kann und von der man nichtmal die verfügbare Menge kennt. Des weiteren würde ich hier noch soft skills (etwa Teamfähigkeit) und den Intelligenzgrad reinzählen. Vom sozialen Status (inkl. Nationalität), mit dem ich ins Leben starte, ganz abgesehen.

Echte Ökonomen kümmern sich darum natürlich nicht. Sie

»halten sich an den von den Nachfragern geäußerten Bedarf.«

Also an jene Bedürfnis-Teilmenge, die man in Form von Gütern für Geld kaufen kann, von deren Kauf man sich Bedürfnisbefriedigung erhofft, und von der man über kurz oder lang enttäuscht wird.

(Beispielsweise, weil Computer veralten oder ein Auto einzig im Hinblick auf den Preis ausgewählt wurde; also ein typischer ‘besser als nix’-Kauf war.)

Noch einmal:

»Bedarf ist ein konkretisiertes Bedürfnis, zu dessen Befriedigung verfügbare Kaufkraft – d.h. Geld – eingesetzt werden kann.«

Meine Übersetzung: Der Bedarf sind sämtliche Bedürfnisse minus die verfügbaren Mittel. Knapp sind demnach nicht die Güter, sondern Zeit, Geld und die anderen mir zur Verfügung stehenden unbezifferbare(re) Mittel.

Ich kann beispielsweise nicht alle jemals gedruckten Bücher lesen, weil meine Zeit als lebender Mensch dazu nicht reicht. Also wähle ich einige aus und kann nur hoffen, Werke erwischt zu haben, die mir im Lebenslauf weiterhelfen.

(Genauso wenig, wie ich alles Trinkwasser der Erde aufbrauchen werde oder sämtliche iPods aufkaufen. Als Superschurke vielleicht.)

Was andererseits dazu führt, dass ich (teilweise unbewusst) das Beste daraus zu machen versuche, indem ich mich während meines Lebenslaufs an den verfügbaren Werken, Waren und Dienstleistungen abstoße.

»In Bezug auf die Knappheit der Güter sind zwei wichtige Gütergruppen zu unterscheiden: freie Güter und knappe oder wirtschaftliche Güter. […] Die meisten Güter sind offenbar knapp.« (S. 4)

Wirklich? Erst, wenn ich nicht mehr von mir Einzelperson, sondern allen Menschen als Gesamtheit ausgehe, fangen Güter an, knapp zu werden.

Aber nicht alle: Bücher kann man entleihen, digitale Dateien unbegrenzt vervielfältigen, und relativ wenige Menschen werden Bedarf nach getunten Computern, hochhackigen Stiefeln oder Gammelfleisch anmelden. Nichts muss, alles kann.

Ökonomen hingegen scheinen davon auszugehen, dass jeder Mensch alles kaufen wollen würde, sobald er die Mittel dazu hat; ein Gedankengang, für welchen Psychoanalytiker und Soziologen sicherlich Fachbegriffe kennen.

»Wer wüsste nicht gleich eine ganze Reihe von Gütern zu nennen, die er sich gern zusätzlich kaufen möchte.«

Ja, zum Beispiel haltbare Produkte von bestmöglicher Qualität, statt kostengünstige Derivate. Seltsamerweise werden massiv Arbeitszeit und Werkstoffe dafür aufgewendet, Ramsch zu produzieren, statt das vorhandene Know-how zu nutzen.

»Aufgrund des Bedarfs entwickelt sich eine kaufkräftige Nachfrage. Sie richtet sich auf Güter, mit denen die Bedürfnisse befriedigt werden können.« (S. 3)

Spannend: Die Autoren wollen mit Gütern Bedürfnisse befriedigen, obwohl Güter einzig zur Befriedigung des geäußerten Bedarfs besorgt werden.

Doch falls es zwischen Bedü und Beda keinen Unterschied gibt, wie der von Bartling/Luzius gewählte Satzbau nahelegt, wieso dann die Unterscheidung? Auf mich wirkt das jedenfalls wie ein Loch in der Handlung.

Ein wichtiger Punkt, der innerhalb der zitierten Einführung zwischen dem Gesetz von Knappheit der Güter eher untergeht, ist übrigens dennoch abgedruckt:

»Was hier bemängelt wird, resultiert also in erster Linie aus einem Lenkungsproblem der Kaufkraft und ist keine Frage der Knappheit.« (S. 4)

Stimmt genau. Nur springt das Lehrbuch hier zwischen allgemeiner und persönlicher Knappheit herum und relativiert somit die zu Anfang zum »Ausgangsproblem« ernannte »offenbare« Güterknappheit.

In Wahrheit scheint eher die gerechte Verteilung vorhandener Güter und Werte das Ausgangsproblem zu sein. Theoretisch ist ja für alle Menschen genügend Grundlegendes da.

— — –

2. Teil: Das ökonomische Prinzip?

Das ökonomisches Prinzip ist der überlegte Einsatz der vorhandenen Mittel mit dem Ziel, den größtmöglichen Nutzen aus dieser Investition zu ziehen.

»So handeln sie ökonomisch, wenn sie mit einem gegebenen Zeit- und Arbeitsaufwand ein möglichst gutes Examen ablegen wollen. [Maximumprinzip]

Sie handeln aber auch ökonomisch, wenn sie eine bestimmte Examensnote (Ziel) mit einem möglichst geringen Zeit- und Arbeitsaufwand erreichen wollen. [Minimumprinzip

Dieses Strohmannbeispiel zu zerpflücken fällt leicht. Nur soviel: Jeder, der bereits geprüft wurde, weiß, dass es unmöglich ist, genau abzuschätzen, wie gut man die Prüfung bestehen wird. Nervosität und Zufall spielen sowieso immer mit rein und können einen selbst kurz vor der Zielgeraden noch ins Straucheln bringen.

»Unsinnig, d. h. logisch nicht möglich, ist es, mit dem geringstmöglichen Aufwand den größtmöglichen Erfolg anzustreben.«

Als ob jede Entscheidung nur voraussehbare Konsequenzen hätte.

Erstens gibt es glückliche Zufälle häufiger, als man gemeinhin annimmt. Und sei es auch nur, weil man plötzlich Erfolg hat, weil man Zeit mit irrelevanten Tätigkeiten vertrödelt hat, die sich im Nachhinein als die bestmögliche Zeitinvestition herausstellen.

Und zweitens, scheint’s mir, ist »größtmöglicher Gewinn« nur eine alternative Schreibweise für einen »fixierten Output«. Nur liegt der Fixpunkt in einem solchen Fall eben ganz oben.

»In der allgemeinen Formulierung, bei variablem Mitteleinsatz (Input) und variablem Erfolgsziel (Output) besteht das ökonomische Prinzip in dem Grundsatz, das Verhältnis von Erfolg zu Mitteleinsatz zu maximieren. (generelles Extremumprinzip

Das liest sich durchaus einleuchtend. Nur: Rein rechnerisch hat derjenige, der nur mal aus Quatsch mitspielt, im Falle eines Lottohauptgewinns einen höheren Output als jener, der jahrelang via Tippgemeinschaft Nieten gekauft hat und letztendlich doch mal gewinnt.

Rein rechnerisch, versteht sich. Wer weiß denn, ob der unglaubliche Maximalerfolg den einsamen Gewinner auch glücklich macht? Oder – um ein alltäglicheres Beispiel zu nennen – wer weiß denn, ob der mit Hinblick auf bestimmte Ziele betretene Lehr-Gang jemals zum Ziel führt?

Formuliere ich ein Ziel, so melde ich den Bedarf an, das Ziel mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln zu erreichen. Ob es mir gelingt, ist, nicht nur der potentiellen Störfaktoren wegen, nie sicher.

Womit wir wieder beim kleinen Unterschied zwischen Bedürfnissen und Bedarf wären:

Jeder Bedarf ist nur eine Teilmenge meiner Bedürfnisse. Denn nicht alle diese Bedürfnisse kann (oder darf) ich in Worte und Taten fassen. Aus diesem Grund unterdrücke ich Mangelerscheinungen mit Statussymbolen und bin nie ganz zufrieden mit mir, meinen Mitteln und mit dem angehäuften Zeug.

»[Man geht] üblicherweise von einer fixierten Größe aus und versucht, für die andere Größe den Extremwert zu bestimmen.«

»Versucht« ist gut: Ein Arbeitsunfall zur falschen Zeit und drei Jahre Kaufmannslehre waren umsonst. Doch dafür lernt man unter Umständen Menschen und Dinge schätzen, mit denen man sonst nie zu tun bekommen hätte.

Wenn Wahrsagerei doch bloß funktionierte.

— — –

3. Teil: Zusammenfassung

Nun könnte man meinen: Alles schön und gut, aber du kritisierst Grundgesetze der Wirtschaft anhand extremer Anwendungsbeispiele. Genauso gut könntest du ja über die Schwerkraft herziehen, weil wegen ihr Menschen zu Tode kommen. Bist du sicher, dass der Fehler nicht bei dir liegt?

Kann schon sein. Biologische Vorgänge basieren schließlich auch auf mathematisch-physikalischen Phänomenen und dennoch ist Biologie eine eigenständige Naturwissenschaft.

Meines Erachtens nach ist jedoch zumindest der Vergleich von wirtschaftlichen Grundlagen und klassischen Naturgesetzen oder Maßeinheiten ungeschickt.

Beispielsweise ist es unmöglich, die Bedürfnisse einzelner (oder aller) Menschen genau zu beziffern. Unter anderem deshalb, weil Menschen nicht über die Mittel und Fähigkeiten verfügen, um all ihre Bedürfnisse zu befriedigen bzw. überhaupt erst zu erkennen. Mit der Konsequenz, dass sie lieber mehr besitzen wollen, als sie tatsächlich benötigen. Vorratshaltung und Raffgier sind eng verwandt.

Dagegen sichern sich Ökonomen ab, indem sie zwischen Bedürfnissen und geäußertem Bedarf unterscheiden, und soziale Faktoren (vorerst) ausklammern, indem sie unter anderem eine Knappheit der Mittel voraussetzen, ohne sagen zu können, wie knapp sie denn wirklich sind, die Mittel und Güter.

Wissen ist nicht genau messbar, weil sich binnen kurzer Zeit die Voraussetzungen ändern können, die vormals nützliches Wissen entwerten. Zeit ist nur in Form von Zeiträumen messbar, nicht aber als verfügbare Lebenszeit pro Person.

Und selbst die geldwerte Ausbeute bekannter Rohstoffquellen ist noch immer vom Zufall abhängig. Pipelines können platzen oder die Marktsituation kann sich dramatisch ändern; all diese und noch mehr Sonderfälle sind der Komplexität des Marktes geschuldet, der von Menschen gemacht wird, die wiederum keine Wahrsager und MeisterInnen der Selbsterkenntnis sind.

Aber das hatten wir alles schon, und das Autorenteam verrät eine

»Kernfrage für die Wirtschaftswissenschaflter [ist:] Was reduziert die relative Knappheit der Güter?«

Eine Frage ohne Antwort, solange Ökonomen unter sich bleiben. Was sie sicherlich nicht tun und niemals taten. Verhaltensforschung, Chaostheorie und andere Fachgebiete diverser Wissenschaften spielen wichtige Rollen.

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