Künstlerbedarfsanspruch

Beim Quernertagebuchlesen fiel mir plötzlich ein, wieso er da ständig an der Frauenkirchenruine vorbei zum Albertinum geht: weil es zu seiner Zeit Malmaterial zu kaufen gab in/nahe der Kunstakademie an der Brühlschen Terrasse.

Heutzutage entscheide ich mich zwischen Boesner und Gerstaecker und beide haben ein gleichauf-es Überangebot und für beide müsste ich die Altstadt verlassen. Es wäre praktisch, wenn man innerstädtisch den Bedarf an ordentlichen Stiften, Farben und Skizzenbüchern decken könnte. (Und nein, die überteuerten Bastelläden voller Bügelperlen sind keine Alternative.)

Nicht einmal der Museumsshop im Albertinum führt Zeichenutensilien, wobei man annehmen sollte, dass die Nachfrage existiert. Kann jedoch sein, dass die potentielle Nachfrage nie da war bzw. vollends weggebrochen ist, seitdem das Fotografieren in den Staatlichen Kunstsammlungen erlaubt ist.

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mimimi Kunst und Können blablabla

Seit zehn Jahren umkreise ich expressionistischen Linol-/Holzschnitt, Tuschkarikaturen und Gemälde der Neuen Sachlichkeit. Erneut und immer wieder Grosz, Meidner und die anderen. Genau mein Ding und ich trug dazu bereits vieleviele Bildbände durch Dresden, denn die hatten’s drauf!

Nur fehlen mir (sprich: meinem Können und meinen Erkenntnissen) noch immer die angemessenen Bildthemen für eigene Werke. Im aktuellen Sketchbook vorherrschen die abstrakten Linienmuster, unterbrochen vom schlecht abgekritzelten Januskopf-Holzkerzenständer sowie einem gleichfalls fürchterlich krampfigen CurtQuerner-Portrait nach dem Coverfoto auf dem Sonderheft mit Auszügen seines Tagebuches.

Meine Hand-Augen-Übersetzung ist schrottig genug, weil die Praxis (oder aber schlicht die Fähigkeit?) fehlt, Motive in Formen und Zusammenhängen zu sehen/erkennen. Noch nie habe ich fünfeinhalb Stunden mit dem Zimmermannsbleistift auf Packpapier gerackert.

*Das* ist das Übungsfeld, aber Ungeduld und Selbstzweifel sind groß. Abstraktes Gekritzel ist meiner Meinung nach Flucht, ist wirklich keine Kunst. Es ist auch nicht befreiend, weil ich damit weder Stress mindere noch Aussagen treffe.

Den leichtestmöglichen Lösungsansatz dafür glaube ich mir nicht und fürchte ihn gleichzeitig: Dass sich nämlich genau durch Aussagelosigkeit mein Gesamtwerk auszeichnen wird, und dass man all die Sketchbooks nach meinem Ableben flugs zum Recyclinghof fährt.

Die alternative, verstiegenere Erklärung: Flucht in die Inhaltslosigkeit aus Faulheit, denn ich weiß es besser und könnte es besser und mein Kopf rebelliert, weil er es gern ruhig angehen lässt. Denn allzu oft ist mir mein eigenes Schaffen viel zu billig und ich würde gern draußen am Elbhang an einer Naturstudie frickeln – wovor ich dann jedoch zurückschrecke und lieber Bordsteinkanten fotografiere. Genauso, wie mich die Vorstellung all der den Weg säumenden miesen Aktskizzen in die Arme der abstrakten Digitalkunst treibt.

Am unglaubwürdigsten scheint mir die dritte Möglichkeit zu sein: Jenes Fehlen jeglichen Inhalts ist Programm, ist systemkritisches Freispiel im Sinne von: »Hast du wirklich kostbaren Alltag vergeudet an so etwas?!« – »Ja, und ob!«

Mag sein, dass jede Erklärung teilweise zutrifft. Witzig ist außerdem: Fotografieren und Digitalkunst bringen mir enormen Spaß, solange ich nicht nach ihrem Sinn suche. Weil die Tätigkeiten so verflucht meditativ sind im Unterschied zum Frust einer vergeigten Zeichnung.

Wohin führt das, was ist zu tun? Man weiß es weiß es weiß es wirklich nicht.

»Man ist stets allein und immer allein und wird es bleiben. Es gibt Liebe, Umarmungen, rasende Minuten, heiße, flehende, traurige. Letzten Endes kommt leise das Alleinsein, und das Nichts umgibt uns wieder. Und so bleibt nichts anderes zu tun, als stets zu arbeiten, nichts als zu arbeiten. Denn nur dies bringt Erfüllung und sonst nichts.« (Curt Querner, 6.11.1950)

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Ein Beitrag, verfasst zwischen Lesestapeln

Die Freude ist groß, wenn ich den letzten Überrest des alten Jahres zurückgebracht habe, wohin er gehört: in die SLUB und in die Stadtbibliothek.

Ausleihstopp und diesmal wirklich! Idealerweise natürlich gleich noch ein Durch-die-Regalreihen-flanier-Stopp, denn ich habe mehr in den eigenen Regalen, als ich benötige und jede dafür freigeschaufelte Minute zählt.

Meine SKD-Jahrescard läuft am 29.1. aus und auch das mag sehr gut sein. Zuviel Input, blabla, die alte Leier. Jedenfalls tu’ ich demnächst die SLUB-Bücher in den Rückgabeautomaten und das wird sich anfühlen wie wenn ein Schleifstein in den Brunnen fällt. Ballast abwerfen. Ab dafür!

Auch mal wieder Bücher wegschenken, die mir im Nacken sitzen. Zu viele Vildungsangebote und Zeitfresser. Wobei ich mir da sofort den Kopf darüber zerbreche, wo ich die alle am Gewinnbringendsten hinverklappe – also, im Sinne von: Wem nützen die mehr als mir?

Umsonstladen zum Beispiel ist die gute Adresse, während die Buchschränke so ein bisserl wie “Das vergammelt dort” wirken. Schade drum, insofern ich für viele von denen irgendwann mal Geld ausgegeben habe, es ist schrecklich. Hätte ich eine anständige Privatbibliothek, käme mir der Überbesitz weitaus weniger nutzlos und bedrückend vor.

Richtig hart wäre, meinen schon lange schwelenden “zehn Bücher”-Ansatz hemmungslos umzusetzen und sämtlichen Überschuss rauszukannten. Mit der Begründung, dass es höchstens zehn beispielhafte Werke braucht, um alle Spielarten eines Kommunikationsmittels abzukapieren oder abzuleiten.

Denn es gibt halt nur soundsoviele Erzählarten, aber von jeder hunderte »weltbeste«, so dass man eigentlich aus dem Lesen nie mehr rauskommt. Warum also nicht stattdessen *ein* beeindruckendes Werk im Schrank stehenlassen und den Rest nimmermehr auch noch lesen oder auf den Lesestapel legen?

Vor allem: mein Weltbild und meine Weltsicht arbeitet sich an den Fiktionen ab, aber nur noch größtenteils im Sinne von Abgestoßensein und Bestätigtwerden. Höchst selten durch echtes Neuentdecken oder wahre Erleuchtungen.

Stets tendiert der Kopf zu “Z ist wie X trifft Y” und ahnt, weiß bereits, worauf’s hinausläuft. Plottwists werden eben erwartet, obgleich man dann doch immer wieder mal kurzzeitig überrumpelt wird von den Autoren. Im Großen und Ganzen jedoch ist es schemenhaft.

Der Verzicht auf Neuzugänge, das Immerwiederlesen weniger Werke ist insofern meiner Meinung nach kein Gedanken-Inzest, sondern permanentes Gespräch zwischen Werk und Erfahrung.

Selbst zehn Werke sind vllt. noch zu hoch gegriffen, so gesehen. Aber zehn ist ein Anfang. Das heisst ja nicht, dass ich auf’s Nach-Neuem-Umschauen, auf Gespräche, aufs Leben verzichte.

Ich glaube, Lesen und das Übrige ist die Suche nach Gleichgesinnten. Und von denen gibt es, durch die Weltgeschichte verstreut, eine Menge. Nicht einmal zwingend Vorbilder, sondern Menschen, die “es” ebenso sehen/sahen und die ihr Handwerk beherrsch(t)en. Bis zu einem gewissen Grad darf deren Weltsicht zwar anders sein, aber bitte nicht völlig meiner Sicht auf die Dinge zuwiderlaufen.

Eine diese Regel bestätigende Ausnahme sind sogenannte “hate-reads”, die meiner Weltsicht in beleidigendem Maße widersprechen, aber dennoch irgendwie zB durch Wortgewandtheit oder aber gerade des Fehlens derselben erst interessant sind.

Kurzum: Es bringt Spaß, sich an ihnen abzuarbeiten trotz der induzierten Fremdscham beim Lesen eines Textes, der ausgesprochen krude oder wirr oder selbstentlarvend ist. Man selbst weiß es besser, man selbst beherrscht das Handwerk besser.

Gilt das Gesagte für Sachbücher und Biografien? – Interessante Frage, skrupelhegender Verstand! Nein. Jedenfalls vorerst nicht.

(Wobei es wiederum Menschen geben soll, die Rockmusiker-Biografien lieben, obwohl die allesamt parodierenswert ähnlich verlaufen mit schlechtem Elternhaus und Drogenentzug und Kollegenschelte und sowas. Ich hingegen lese Zeitzeugnisse von Künstlern mit Dresden-Bezug; Griebel, Querner, L. Richter, Kügelgen, Grosz, um nur viele zu nennen.)

Bildbände kann man immer ausreichend haben. Ein einziger, würdiger Nachdruck des Dürer-Kupferstichs “Ritter, Tod und Teufel” macht drei Regalmeter Ausstellungskataloge überflüssig. Wie soll man sich in etwas wirklich vertiefen können, während um einen herum die Lesestapel bedrohlich kippeln?

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Nachtgedanken, im Sessel sitzend

Aktzeichnengehen ausfallen lassen wegen des Spardiktats, stattdessen einen Ganzkörperspiegel besorgen im Sozialkaufhaus und mich selbst portraitieren und mehr? Nacksch im Sessel? Das eine schließt das andere nicht aus, hm.

So gesehen muss ich nichtmal einen Spiegel kaufen, weil ich diese eine Spiegelschranktür sowieso bereits parat habe. (Also: Die Spiegeltür eines Holzschrankes, irgendwo mal gefunden.) Ich könnte also jede Minute beginnen. Nicht jetzt, tho. Jetzt Abendessen und Abzubett, zwischendrin Teetrinken. Ohne Abzusetzen! Oder aber: Doch absetzen, weil der Tee so heiss ist und wenig lecker.

In diesen Momenten muss sich die Biopic-Regisseurin für die filmischere, mich besser charakterisierende Version entscheiden. Mag sein, dass ich den Krug mit links halte und rechts abstütze und so viele Details mehr, mag sein zB, dass ich zuerst das Tagebuch vom Schoß rüber auf den Tisch lege oder auf die Sessellehne balancierplatziere.

Bzw. “auf der” Lehne. Da bin ich mir unsicher, ob »laut Duden beides geht« oder ob hier der Lektor eingreift. Beinahe weiß ich sicher, dass der vorige Denkvorgang ein prima Blogeintrag ist. Kurz und schmerzlos und dennoch mein Gehirn charakterisierend inkl. dieser Wortwiederholung.

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Selbstschreibender Blogbeitrag

Es ist Silvesternacht. Allewelt ist stockbesoffen, denn dank modernster technischer Errungenschaften muss niemand mehr zugunsten des Freundeskreises nüchtern bleiben. Man summt mit Elektroantrieb selbstfahrend durch die Stadt und bezahlt die Kinderbetreuung, nachdem der Rausch verklungen ist.

Die Flasche kreist durch die Familienkutsche oder bleibt am Mann im Einsitzer. Selbstredend sind alle angeschnallt, sonst verweigert die StVO-gespeiste Elektronik den Insassen die Heimfahrt. Niemand achtet auf die Straße, stattdessen prostet man anderen Fahrzeuginsassen zu, und die Polizei kann sich auf Stress außerhalb der Fahrwege konzentrieren.

Raketen und Böller dürfen seit einiger Zeit nur noch auf gesonderten Flächen benutzt werden; abseits der Straßen. Die Putzroboter der Stadtreinigung wären sonst in der Silvesternacht überlastet. Hohe Bußgelder drohen und die Drohung wirkt.

Am vierten Januar ist das Neujahrswochenende vorbei und die unzähligen selbstfahrenden PKWs befördern Pendler_innen und Schulkinder. Die Fahrzeuge sind bequemer als die bei Wenigverdienern benutzten Lasten-/Fahrräder, Longboards usw., die sich die Ex-Gehwege teilen. Und sie sind dank erneuerbarer Energien beinahe genauso sauber wie körperkraftgetriebene Fortbewegungsmittel, wie die Hersteller gern betonen.

Zum Autobesitzen braucht es keinen Führerschein mehr, sondern einzig Geld für die Fahrzeughaltung. Die Preise sind niedrig, der Trend geht zum Viertauto. Dieses ist üblicherweise ein- oder zweisitzig, mit Dinosaurier- oder Elfenmotiven bedruckt und festprogrammiertem Schulweg von Zuhause ins Schul-Parkdeck und am Nachmittag zurück, und es ist alarmgesichert zum Schutz gegen Streiche. Der Schülerlotse überwacht während der Unterrichtszeiten die Kameramonitore des Parkdecks.

Auch Kritiker des städtischen Individualstverkehrs müssen zugeben, dass die Städte grünflächiger sind und die Luft beinahe Kurortqualität hat. Das Gewimmel auf den Straßen gleicht einem Ameisenhaufen. Dieses Bild drängt sich auf, da die Fahrzeuge keineswegs intelligent sind, sondern sich anhand Sendemasten, RFID-Chips und Sensoren durchs Straßennetz tasten.

Um Fehlerquellen auszuschalten, wurden Nicht-Autobenutzende an den Rand gedrängt. (“Buchstäblich an den Fahrbahnrand”, wie die Sprecherin des Dresdner ADFC meint.) Zudem lässt das Berufspendeln im computergesteuerten Fahrzeug laut einer Studie das Gefühl entstehen, quasi Teil einer gutgeschmierten Maschine zu sein. Dies wiederum befördert Depressionen, Suchtverhalten und Gelenkprobleme.

Inzwischen sind Laserpointer verboten und die Fahrzeugelektronik reagiert blitzschnell auf die wenigen Sonderfälle, welche sich nicht von Putzrobots ab(ge)wehren lassen. Aber auch so käme niemand mit nur ansatzweise Selbstbeherrschung auf die Idee, den Straßenverkehr zu stören. Jedoch: die bereits erwähnten Kritiker der Elektromobilität versuchen, das Stadtbild zurückzuerobern durch lustige und/oder nachdenklichmachende Aktionen.

StreetArt hat einen zweiten Boom erlebt durch elektronisch getriggerte Interaktion mit dem vorbeifahrenden Fahrzeuginneren. Und es gibt Nachtskaten und Fahrraddemos, welche natürlich zeitiggenug angekündigt werden müssen.

(Übrigens: Fahrraddemonstranten lassen sich personenbezogener beschimpfen, seitdem man nicht gleichzeitig auf die Fahrbahn achten muss.)

Im Socialweb gibt es etliche nostalgiebefeuerte Diskussionsgruppen, in denen man sich z.B. über die Haptik von Verbrennungsmotoren unterhält oder über den Geruch eines Mofas. Aber vor allem spricht man hier über die Anfangszeit der damals als “intelligenten Fahrzeuge” bezeichnete Fortbewegungs-Revolution. Die wird inzwischen gern mit der Erfindung des Buchdrucks verglichen, was die Emanzipation der Menschheit angeht.

Man berichtet, teils nostalgieverklärt und teilweise ehrlich erschrocken, über die Übergangszeit vor dem derzeitigen Idealzustand:

Von der Zeit der konkurrierenden Leitsysteme und deren Anfälligkeit für Viren oder Glitches – damals, als das Kind »fast zwei Stunden« im auf Parkplatzsuche um die Grundschule kreisenden Smart (»Ausgerechnet Smart!!!«) gefangensaß und bereits hörspielhörend weggeschlummert war.

Oder – »Hattet ihr das auch?« – die Urlaubsfahrt ins falsche Bergdorf, weil die Rechtschreibprüfung das ‘h’ weggeschluckt hatte. Oder der radelnde Rentner, dem sein Einkauf vom Gepäckträger gekippt war, woraufhin der SUV vollbremste und gurtstraffheitsbedingt ein Schlüsselbein zu Bruch ging.

Oder – apropos programmierte Reflexe – von dem einen Mal, als sich das Fahrzeug aus versicherungstechnischen Gründen dagegen entschieden hatte, auf ein Rehkitz Rücksicht zu nehmen und dann war im Urlaub das Geheule groß. (Andererseits: Die Option, in den Gegenverkehr oder Straßengraben auszuweichen, hätte mit Sicherheit den Insassen mehr als nur ein Schlüsselbein gebrochen.)

Gefühlt jeder vierte Beitrag handelt von Laserpointern, Werbegeschenk-Luftballons, Taubenschwärmen oder von einer Auslandsreise mit Sendenetzproblemen oder ähnlichen (rückblickend) Albernheiten, die sich dank jeweils hunderter Codezeilen und dutzender Gesetze und Verordnungen inzwischen haben beheben lassen.

Kurz gesagt: Die wenigsten wünschen sich tatsächlich die alte Zeit zurück. Höchstens in Form eines Erlebnisgutscheins, womit man mal einen Verbrennungsmotor ausreizen kann auf der Analogfahrt über ehemalige Rollfelder oder auf brandenburgischen Dorfstraßen. Aber stocknüchtern bitte!

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  • Gruselgrotte (Symbolbild)
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