Nachlassverwaldschaden

Meine Mutter bittet mich, beim Schwiegervater – ihrem Schwiegervater, meinem Stiefopa – den Buchbestand aussortieren zu helfen. Er ist derweil wohl für den Rest seines Lebens im Pflegeheim angekommen. Dorthin werden meine Eltern ihm später einen Sessel und eine überschaubare Auswahl Bücher nachliefern.

Von einer lange zurückliegenden Dachboden-Exkursion weiß ich ungefähr, was mich erwartet. Jedenfalls glaube ich es. In Wirklichkeit sind all die Dinge dort enttäuschend. Denn inzwischen habe ich gut ein Jahrzehnt der Flohmarkt- und Möbelscheune-Streifzüge hinter mir und bin so abgebrüht, dass beispielsweise von der verranzten alten Seemannstruhe voller vergilbter Bücher keinerlei Zauber mehr ausgeht.

Ihr Inhalt ist zum Teil furchtbar schlecht erhalten und zum Großteil der übliche Ramsch, bekannt aus unzähligen Flohmarkt-Grabbelkisten. Ein fades Highlight sind die Familienfotos mit den zerbrochenen Glasrahmen. Wer sind diese Menschen? Meine Schwiegerstiefgroßtante, die deshalb in den kommenden Tagen eintrifft, wird die Gesichter zuordnen können. Opa kann es nicht mehr. Ersteinmal staple ich die Bilder auf einen Extrahaufen.

Das verstaubte Regal neben der Truhe ist gefüllt mit Flugzeugmodellen. Wegen denen hat sich meine Mutter bereits beim einschlägigen Einzelhändler erkundigt: fertige Modelle will dort niemand haben, ungeöffnete Bausätze sind einigermaßen beliebter. Keine Ahnung, wie oft pro Tag Angehörige genau diese Frage stellen und enttäuscht auflegen. Keine Ahnung, wie viele von denen ebenfalls kurz darauf beim Armeemuseum anrufen, wo man sie genauso freundlich abwimmelt.

Der übrige Dachboden ist leidlich gefüllt mit Ersatzfliesen, Spinnenleichen und bündelweise eingestaubten Zeitschriftenjahrgängen. Runter vom Dachboden und rein ins Wohnzimmer! Das Beste zum Schluss!

Auch hier ein großes Regal. Eines voller Bücher, die weitaus besser erhalten sind als die in der Truhe. Jedoch stellt sich heraus, dass mein Opa Touristikführer und Reisebildbände anhäufte. Nichts sonst. Hinter denen verbirgt sich leider keine zweite Reihe mit teuren Erstausgaben und Gesammelten Werken. Kein Safe, keine Sexhefte, kein Schnaps.

Dafür hat er irgendwann mal das Brockhaus-Lexikon abonniert und das kostete etwa hundertzwanzig Euro monatlich wegen der Ergänzungsbände. Vor uns stehen demzufolge regalmeterweise großformatige Wälzer – gleichzeitig im Wert von insgesamt sechstausend Euro und ihrem Altpapierwert. Mutter meint dazu, dass Opa mit dem Lexikon allein schon deshalb nichts mehr anfangen kann, weil die Bände so schwer sind.

Wir verlassen resigniert die Wohnung, ohne Goldkörner im Gepäck. Nun haben meine Eltern die schwere Aufgabe, den Wohnungsinhalt größtenteils zum Altpapier zu fahren bzw. in die Sozialkaufhäuser der Umgegend zu verklappen.

Die Moral dieser Geschichte ist vermutlich unter anderem die, Öffentliche Bibliotheken zu nutzen und sich ausschließlich ansonsten Unauffindbares in die Wohnung zu tragen. Aus Rücksicht auf die Nachwelt.

Andererseits ist es eventuell genau die richtige Einstellung zum Leben, in den eigenen vier Wänden verdammt noch mal genau das anzuhäufen, was einen interessiert. Ohne Rücksicht auf die Nachwelt.

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Ä-ä-änderungen

Wer aus der Geschichte lernt, ist verdammt, sie vorherzusagen. So etwa hätten wir Dresdner es uns an drei Fingern abzählen können, dass irgendwann einer der drei Obdachlosen unserer Stadt stirbt. Noch dazu am Bahnhof, was so ziemlich der malerischste Obdachlosentod ist kurz vorm von Jugendlichen angezündet werden.

Naja, nicht malerisch im Kitschpostkartensinn. sondern eben unserem Klischeebild eines Obdachlosentodes entsprechend. Oh, wartet: um euch da nicht mit reinzuziehen, wechsle ich in die Ich-Form! Also… *meinem* Klischeebild eines Obdachlosentodes entsprechend. Mag sein, dass Holli sogar stilecht erfroren ist. Schließlich ist’s Winter und ich ahnte das böse Ende seit Wochen, weil der werte Herr bei Wind und Wetter draußen zugebracht hat und in Hofdurchfahrten schlief. Keine Ahnung, wer da keinen klassischen Obdachlosentod kommen sah.

Genauso stilecht habe ich ihn zu Lebzeiten ignoriert, so gut es eben ging. Nie habe ich mit ihm Bier getrunken, wurde jedoch auch nicht von ihm angepöbelt – beides Dinge, die ich laut Blogkommentar-Geflüster mit ihm hätte erleben können, hätte ich ihn nicht ignoriert, so gut es eben ging.

Glücklicherweise gibt es in Dresden noch weitere Obdachlose und artverwandte Gestalten. Uns würde sonst etwas fehlen.

Ich zum Beispiel streife ebenfalls oft genug ziellos durch die Neustadt, um Zeit totzuschlagen außerhalb des eigenen Wohngebietes, vor dem’s mich graust spätestens seit wenige hundert Meter entfernt ein Mord geschah. (Gut, lasst es tausend Meter sein plusminus einige.) Jedenfalls… Ich guck’ lieber in den “Zum Mitnehmen”-Pappkartons des Szeneviertels nach Brauchbarem, stattdessen ich in einen Bandenkrieg gerate. Oder was auch immer hinter dem Mord am Zwanzigjährigen steckt. Zumindest hat ihm offenbar jemand viele tausend Euro Fahrtkosten vorgestreckt, damit er es durch Wüste und Mittelmeer schafft, nur um dann auf ostdeutschen Betonplatten auszubluten.

Eventuell ergeben sich bis zum Lesebühnentermin neue Erkenntnisse, die den vorangegangenen Absatz nichtig machen. Aber sollte tatsächlich alles *weniger* offensichtlich sein? Derzeit zumindest ist die Todesursache beileibe nicht der von der Antifa herbeigesehnte Beweis für Sachsensumpf und Faschoscheiße, sondern vielmehr klassisches Messerstechen aus privaten Gründen. In den USA würde das sicherlich unter “black on black crime” laufen, was ja ebenfalls alles am Schweinesystem liegt, aber mehr so indirekt.

Die bestens informierten Späti-Stammgäste erklärten mir die Zusammenhänge. Hätten sie sich sparen können, denn das alles ist mir natürlich längst bekannt. Zum Beispiel aus Gangsterfilmen und WillEisner-Graphicnovels: arme Einwanderer bekommen Steine in den Weg gerollt. Überhaupt bekommt Dresden knapp hundert Jahre nach den USA all die flüchtlingswellen-induzierten Tathergänge und Restaurants, die das Nachrücken neuer Menschenschläge in dichtbesiedelte Gebiete halt so mit sich bringt.

In Filmen ist das stets einigermaßen beeindruckend und zum Reinversetzen: Underdog-Stories! Al Pacino und Robert De Niro! Live vor Ort ist all dies eher ungesunder Stress und kein bisschen ghettoromantisch. “Mögen wir in interessanten Zeiten leben!” rufen wir Ureinwohner (seit zwei Generationen erst, aber dennoch) und gucken alles, worin sich Außenseiter hochkämpfen.

Aber wehe, in Bahnhofsnähe verstirbt das Szeneviertel-Maskottchen! Und wehe, sogenannte Marginalisierte fallen übereinander her, hebeln Bürogemeinschaften auf oder zocken Mobiltelefone. Dann ist’s uns – also, mir jedenfalls; ich will das, wie gesagt, nicht verallgemeinern – sofort zuviel des Schlechten. Und fünf Gedankengänge später ist jedes in der Innenstadt erblickbare Kopftuch der Beweis für die Umwertung aller Werte zu meinem Nachteil.

Denn will ich wirklich Hausschlachtenes im Innenhof vorfinden, weil jemandes Drogendeal platzte oder eine WG-Ordnung scheiterte? Wer weiß, ob nach einer newsflashlosen Radtour durchs Schönfelder Hochland bereits IS-Truppen mit Kaffeebohnen und Gewürzen beladen vor den Toren Wiens stehen?

Alles legitime Ängste, denn ich lernte aus der Geschichte, dass jedes Reich zerfällt und lernte aus Geschichten, dass Obdachlose erfrieren und junge Einwanderer durchaus fit sind, aber nicht zwingend auf eine mir angenehme Weise. Zumal die ja, wie man mich im Spätshop erinnerte, ihre Schieberkosten zurückzahlen müssen – ganz ohne Kickstarter-Kampagne, sondern eher durch wenig koschere Gelegenheitsjobs.

Ich habe ja keine Vorurteile, aber jeder dieser Einzelfälle zurrt die Synapsen fester, die sich beim aus der Geschichte lernen gebildet haben. Was wiederum dazu führt, dass ich dauerhaft kurz vor der völligen Resignation bin betreffs meines Glaubens an das Gute im Menschen. Nach #CharlieHoTep und seinen Nachbeben glaubte ich sogar kurzzeitig, ich hätte all meine diesjährigen Sarkasmus-Vorräte aufgebraucht. Aber es war wie immer: Sarkasmus ist ein nachwachsender Rohstoff, leicht abbaubar, und ist die einzige Droge, mit der ich mich regelmäßig abschieße in Anbetracht der Timeline. Knallt auch ganz gut.

Währenddessen bin ich dazu verdammt, klassische Geschichten live neuinterpretiert zu bekommen: Shakespeare im Stadtpark, Scorsese im Plattenbau. Wobei ich mit Sicherheit trotzdem überrascht wäre, sobald die Darstellerriege die Vierte Wand durchbricht, um mich mal *so richtig* in ihr Drama einzubeziehen.

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Politische Meinungsbildung

In der Vergangenheit war ich auf weniger Demonstrationen als anderer Leute Tragetuchbabies. Ich habe Blogbeiträge und Essays darüber gelesen und unzählige “Passt auf euch auf!”-Tweets und saß wohlig warm unterm Dach überm Kopf am internetfähigen Personalcomputer.

Vergangenen Montag wollte ich’s jedoch wissen: Was ist dran an den PATRIOTISCHEN EUROPÄERN GEGEN DIE ISLAMISIERUNG DES ABENDLANDES? Lohnt es sich vielleicht doch, auf die Straße zu gehen als Werbung für eigene Interessen? Read More »

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RT @henscheck: #WorstDateIn5Words Wir gingen zur Pegida-Demo.

Meine #Pegida-Demo war letzten Winter schon kaputt, weil irgendwie arabische Ziffern ins Anmeldeformular gekommen sind. Fand ich schon komis Read More »

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Traumsuche nach dem unbewohnten Kaditz

Zum vollwertig ruinenlustigen Essay ausformulierter Offenbühnetext zum November-Ausklang; in Betaversion vorgetragen am 30.11.’14 im Stadtteilhaus Dresden Neustadt. Read More »

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  • Gruselgrotte (Symbolbild)
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