Ballerei, Alder!

Angeregte Diskussion kürzlich, ob positive, humane Utopien immer von einer Handvoll Wichser mit Knarren pervertiert werden können. Denn ganz klar liegt es zwar langfristig an der Gesellschaft und insofern an Waffenschiebern und -produzenten, aber deren Endverbraucher sind kurzfristig halt stets Wichser mit Knarren und Geltungsbedürfnis.

Und was würde diese Typen in einer Anarchie davon abhalten, Banden zu bilden und den Kreislauf aus Rache und Machtgier erneut zu beginnen? Ihr Gewissen etwa? Wie denn, wenn sie und wir bereits als Kleinkind lernen, dass Machtausübung und Erpressung zu Erfolgen führt? (Daher ja auch das Geschrei bei gleichzeitigem Kindchenschema.)

Einige dieser Kleinkinder werden eben dann später im Leben ihre Mitschüler kaputtschießen oder Fahrräder stehlen. Die meisten nicht, klar, und insofern ist die Menschheit wohl zum Großteil gut oder zumindest gesetzestreu.

Alles in allem: Wer erhielte den Anarchismus am Laufen, wer schützte ihn vor Arschgeigen? Unsere Bande der lieben Leute? Keine Chance. Es müsste ‘dem Menschen’ halt idealerweise ausschließlich Nachteile bringen, sich über andere zu erheben oder die eigene Position durchzudrücken.

Doch oft genug kuscht die Mehrzahl und erduldet und meldet sich freiwillig an die Front, obwohl sie “im Menschenrecht sind” sozusagen und daher durchaus generalstreiken oder die Handvoll Bösewichte überrennen könnten; klassisch ausformuliert als “Stell’ dir vor, es ist Krieg und niemand geht hin!”

Aber so läuft das ja eben nicht. Wir lieben Leute kapitulieren bereits vor einer Übermacht aus Lärm und Bierständen, also vermutlich erst recht vor einigen Pickuptrucks voll mit waffenschwingenden Irren.

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Bunte Republik Neustadt 2015

Ein erster #BRN15-Durchgang gegen Freitag Mitternacht bestätigt die schlimmsten Befürchtungen: schreckliche Menschen schubbsen einen durch die fröhlicher-wirkenden Menschen. Wohl dem, der endlich vor nem DnB/Jungle-Zelt entspannen kann, während der Regen fällt.

Es ist wohl ein typischer Fall von verlorener Deutungshoheit. Das dereinst rein alternative Viertelfest frisst sich selbst bzw. wird vom Spätkapitalismus verdaut.

Mit allen Anwohnern kann man über die selben BRN-Ärgernisse sprechen, über den Müll und den Lärm und die angelockte Zielgruppe. Die Gesichter der Festbesucher verraten das stumpf-erwachsene “jedes Stadtfest ablaufen müssen, weil es halt stattfindet” inkl. “es sich schöntrinken”.

Meine Arbeitshypothese zur #BRN15 bzw. dieser Stadtfestentwicklung ist, dass “die jungen Leute” keinen Bezug zum Stadtteil haben, sondern reineweg alles aussaugen und weiterziehen. Heuschrecken-Metapher greift hier vielleicht wirklich ganz gut. Von einem Fun zum nächsten, ohne Rücksicht auf Vorgärten oder anderer Menschen Lebensqualität.

O-Ton Festbesucher: “Vorn rechts ist ein Spielplatz, dort gehen wir pissen!”

Vorm “Leika” war es für mich am hässlichsten, trotz theoretisch guter Stimmung, denn die Straßen sind nicht für sowas ausgelegt. Harmloser Spaß (in diesem Fall Pogo zu System of a Down) wird zum Bedrohungsszenario, weil Suffnicks sich da achtlos-frustriert durchdrängen.

Sowas könnte man besser auf die Prager Straße abschieben ohne Verluste. Vor allem auch, weil die meisten BRN-Besucher sowieso von der Altstadtseite rübergegondelt kamen.

Was ich ja gemerkt habe insofern die Bahnen um den Fetscherplatz herum rappelvoll waren. Das war eher eine übergroße Medizin- und Maschinenbaustudenten-Frühsommerfatsche.

Finaler Musikschnippsel Samstags in der Früh: “Hey, das geht ab! Wir feiern die ganze Nacht, die ganze!” und alle erheben die Becher und ich biege schlechtgelaunt aus der Alaunstraße ab in Richtung Schauburg-Haltestelle.

Nein, nein, das ist nicht die Spaßgesellschaft! Dafür haben unsere Eltern nicht hundert Mark Begrüßungsgeld bekommen!

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Filmischer Unterbau am Praxisbeispiel

Einer der besten Filme über den Holocaust stammt von Steven Spielberg. Zwar ist der Film sehr unausgewogen und weist verstimmende Logiklöcher auf. Doch jede Szene für sich genommen ist eine perfekt umgesetzte Vignette des Schreckens. Dieser Film ist, ihr ahnt es bereits: “Krieg der Welten”.

Von “Schindlers Liste” ist mir einzig in Erinnerung geblieben, dass Schindler zu Filmende hin bereut, nicht auch seine Limousine verkauft zu haben, um vom Erlös weitere Menschenleben zu retten. “Krieg der Welten” hingegen will mir insgesamt nicht aus dem Gedächtnis, obwohl ich ihn wie gesagt von der Handlung her sehr unglaubwürdig finde.

Schon allein, dass Tom Cruise die erste Angriffswelle überlebt, während um ihn herum das Ladenviertel in Scherben geschlagen wird und Menschen zu Asche zerplatzen, ist hanebüchen.

Oder später, als die in die vermeintliche Sicherheit ablegenden Fähren von außerirdischer Hochtechnologie versenkt werden.

Oder noch später, als sich die Kleinfamlie im Keller einer Ruine verbirgt und ein durchdrehender Charakterdarsteller sie beinahe alle verrät.

Oder fast ganz zuletzt, als die Außerirdischen die wenigen noch überlebenden Menschen in überfüllte Transportgeräte stopfen, um sie wie Vieh aufzubrauchen.

Alles in allem: Dass diese Familie stellvertretend für uns Zuschauer nicht nur durch die Hölle geht, sondern sogar mit einem Happy End belohnt wird – nämlich der Ankunft in einem unzerstörten New Yorker Altbauviertel bei der Kindsmutter – konnte ich bei der ersten (und bislang einzigen) Sichtung dieses Filmes nicht akzeptieren.

Ich weiß auch ehrlich gesagt nicht, wie lange mein Groschen gerollt ist, bis er endlich fiel. Damals war ich wohl noch unbedarft genug, um diesen Dystopie-Blockbuster als rein zeitgenössische Umsetzung der gleichnamigen Romanvorlage misszuverstehen.

“Krieg der Welten” bleibt ja schließlich auch stets nahe an Wells’ Geschichte. Das ist verblüffend, aber auch die beste Tarnung, und ein direkter Vergleich zwischen Original und filmischer Umsetzung lohnt sich. So zum Beispiel ziehen die Angreifer wie eine Sturmfront heran und sind blitzartig da.

Fußnote mittendrin:
Vermutlich habt ihr alle bereits davon gelesen, dass Spielbergs “Jurassic Park” als Horrorfilm für Männer inszeniert ist? Vom Sicherheitsgurt im Hubschrauber über den geopferten Ziegenbock und die jeepzerstörenden Dinosaurierinnen bis zum Dilophosaurus – einer schleimspuckenden Vagina dentata – ist alles auf maximalen Symbolgehalt angelegt. Welches Ex-Kind erinnert sich nicht mit wohligem Grausen an das Versteckspiel in der Küche, bei dem sich die Raptorin von einem Spiegelbild täuschen lässt?

Übrigens habe ich bei meiner Erwähnung von “Schindlers Liste” unterschlagen, dass ich von diesem Kostümdrama nur wenig mehr sah als eben jene Szene mit der Pro-Kopf-Rechnung. Eventuell sollte ich mal in der Wikipedia nachschlagen, wie sehr sich “Krieg der Welten” und “Schindlers Liste” ähneln. Zumindest ist Polanski’s “Der Pianist” eine ebenso hanebüchene Dystopie.

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Ein Glücksfall für das deutsche Kino!

Nach dem Geldjob treffe ich mich mit zwei Arbeitskolleginnen abends vor dem Programmkino. Es läuft der neue Film des Regisseurs, der es wie kein zweiter versteht, das Lebensgefühl unserer Generation wiederzugeben.

Wir kaufen Karten und Rotwein bzw. Matesprudel und betreten den Saal. Währenddessen läuft Reklame für weitere Filme, die das Lebensgefühl unserer Generation wiedergeben, aber auch für Eiskrem und das Stadtmagazin. Endlich beginnt der neue Film des Regisseurs, der es wie kein zweiter versteht, das Lebensgefühl unserer Generation wiederzugeben.

Wir lachen und trauern mit den Hauptfiguren und trinken dabei Wein bzw. Matesprudel. Denn dort auf der Leinwand… Das sind ja wir! Unsere Wünsche und Träume, unsere Resignation und die Lächerlichkeit unseres Alltagstrottes hat dieser Meisterregisseur fiktionalisiert.

Nur halt eben nicht wirklich fiktionalisiert, denn alles ist so wahrhaftig und echt. Musikauswahl und Casting sind perfekt; und mindestens die Hälfte des Büroalltages auf der Leinwand fand heute statt in unserem Bürogebäude und auf dessen Parkplatz, vor allem aber in der Raucherecke.

Haargenau die gleichen Gespräche. Über Wetter, Masern, das Fitness-Studio und über die an Brustkrebs erkrankte Kollegin, die neben mir sitzt. Zwar fühle ich mich unwohl wegen dieser Parallele, doch sie hatte uns den Film gestern vorgeschlagen und wusste also vermutlich, dass nun auf der Leinwand eine Schauspielerin so tut, als würde sie tapfer ihr Schicksal ertragen, während die Belegschaft tuschelt.

Die bewegendste Szene ist die nach dem Kinobesuch, als sich die Protagonistinnen darüber unterhalten, wie realistisch der Film war, den sie sich angeschaut haben. Und wie recht doch der Regisseur hat: sie werden das Kino verlassen – und weitermachen wie bisher. Und sie werden noch viele andere Filme schauen, die das Lebensgefühl ihrer Generation wiedergeben.

Etliche dieser Filme werden keine Programmkinofilme sein, sondern effektlastige Wunschphantasien: Schauspieler werden Statisten, Stuntleute und Computergrafiken zur Hölle schicken und dabei zitierenswerte Einzeiler aufsagen. Sie werden von Untoten zerfleischt werden oder als Vampir durch die Clubs ziehen. Einige werden im Weltall erfrieren. Andere werden einen Pakt mit dem Teufel eingehen, damit ihr Brustkrebs verschwindet.

All dies legt der Regisseur, der es wie kein zweiter versteht, das Lebensgefühl unserer Generation wiederzugeben, seinen Leinwandfiguren in den Mund. Er kennt uns nämlich besser, als uns unsere Eltern kennen bzw. wir unsere Eltern – jedenfalls meint dies der Filmkritiker im Stadtmagazin.

Der Film endet daher auch offen, denn dies entspricht der Wahrheit. Die Handlung klingt im Bürogebäude aus. Mit einer Paketlieferung voller Sitzbälle für die Belegschaft und mit der zeitgleichen Ankunft eines neuen Praktikanten, der in der letzten Einstellung des Films seinen Berlinale-Jutebeutel auf den Schreibtisch legt.

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Nachlassverwaldschaden

Dieser Text ist ebenfalls Teil der #1000Tode-Anthologie des Frohmannverlages.

Meine Mutter bittet mich, beim Schwiegervater – ihrem Schwiegervater, meinem Stiefopa – den Buchbestand aussortieren zu helfen. Er ist derweil wohl für den Rest seines Lebens im Pflegeheim angekommen. Dorthin werden meine Eltern ihm später einen Sessel und eine überschaubare Auswahl Bücher nachliefern.

Von einer lange zurückliegenden Dachboden-Exkursion weiß ich ungefähr, was mich erwartet. Jedenfalls glaube ich es. In Wirklichkeit sind all die Dinge dort enttäuschend. Denn inzwischen habe ich gut ein Jahrzehnt der Flohmarkt- und Möbelscheune-Streifzüge hinter mir und bin so abgebrüht, dass beispielsweise von der verranzten alten Seemannstruhe voller vergilbter Bücher keinerlei Zauber mehr ausgeht.

Ihr Inhalt ist zum Teil furchtbar schlecht erhalten und zum Großteil der übliche Ramsch, bekannt aus unzähligen Flohmarkt-Grabbelkisten. Ein fahles Highlight sind die Familienfotos mit den zerbrochenen Glasrahmen. Wer sind diese Menschen? Meine Schwiegerstiefgroßtante, die deshalb in den kommenden Tagen eintrifft, wird die Gesichter zuordnen können. Opa kann es nicht mehr. Ersteinmal staple ich die Bilder auf einen Extrahaufen.

Das verstaubte Regal neben der Truhe ist gefüllt mit Flugzeugmodellen. Wegen denen hat sich meine Mutter bereits beim einschlägigen Einzelhändler erkundigt: fertige Modelle will dort niemand haben, ungeöffnete Bausätze sind etwas beliebter. Keine Ahnung, wie oft pro Tag Angehörige genau diese Frage stellen und enttäuscht auflegen. Keine Ahnung, wie viele von denen ebenfalls kurz darauf beim Armeemuseum anrufen, wo man sie genauso freundlich abwimmelt.

Der übrige Dachboden ist leidlich gefüllt mit Ersatzfliesen, Spinnenleichen und bündelweise eingestaubten Zeitschriftenjahrgängen. Runter vom Dachboden und rein ins Wohnzimmer! Das Beste zum Schluss!

Auch hier ein großes Regal. Eines voller Bücher, die weitaus besser erhalten sind als die in der Truhe. Jedoch stellt sich heraus, dass mein Opa Touristikführer und Reisebildbände anhäufte. Nichts sonst. Hinter denen verbirgt sich leider keine zweite Reihe mit teuren Erstausgaben und Gesammelten Werken. Kein Safe, keine Sexhefte, kein Schnaps.

Dafür hat er irgendwann mal das Brockhaus-Lexikon abonniert und das kostete etwa hundertzwanzig Euro monatlich wegen der Ergänzungsbände. Vor uns stehen demzufolge regalmeterweise großformatige Wälzer – gleichzeitig im Wert von insgesamt sechstausend Euro und dem reinen Altpapierwert. Mutter meint dazu, dass Opa mit dem Lexikon allein schon deshalb nichts mehr anfangen könne, weil die Bände so schwer sind.

Wir verlassen resigniert die Wohnung, ohne Goldkörner im Gepäck. Nun haben meine Eltern die schwere Aufgabe, den Wohnungsinhalt größtenteils zum Recyclinghof zu fahren bzw. in die Sozialkaufhäuser der Umgegend zu verklappen.

Die Moral dieser Geschichte ist vermutlich unter anderem die, öffentliche Bibliotheken zu nutzen und sich ausschließlich ansonsten Unauffindbares in die Wohnung zu tragen. Aus Rücksicht auf die Nachwelt.

Andererseits ist es eventuell genau die richtige Einstellung zum Leben, in den eigenen vier Wänden verdammt noch mal genau das anzuhäufen, was einen interessiert. Ohne Rücksicht auf die Nachwelt.

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  • Gruselgrotte (Symbolbild)
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