Antiamerikanische Umtriebe

Sieht ganz so aus, als hätte die Mixtur aus Trump-Präsidentschaft, Podcasts und Twitter dazu geführt, dass ich mich auf meine Mitmachnetz-Wurzeln besinne: Weg von den Spaßtweets und hin zum Online-Linksextremismus in Form von Drunterkommentaren und pazifistischen Allgemeinplätzen!

Nun jedoch mit manchmal knapperen Satzbauten. Aber größtenteils dennoch auf Twitter. Sehr zum Leidwesen der auf Fäkalhumor geeichten Follower_innen.

Neulich beispielsweise ging der Krieg “des Westens” mit Syrien in eine heiße Phase über. Sofort bekamen nicht bloß Hurrapatrioten einen dicken Hals, als selbsternannte Linke ausgerechnet gegen die Luftschläge der Alliierten protestierten. Read More »

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Löschpapier

Das #NetzDG (nur echt mit Hashtag!) könnte in konsequenter Umsetzung dazu führen, dass jahrzehntealte Online-Existenzen ausgelöscht werden. Viele ellenlange Facebook-Rants, damals direkt ins Eingabefeld geschrieben und mehrfach bearbeitet wg. übersehenen Schusselfehlern, existieren bereits jetzt nur noch als Screenshot, nachdem irgendwer (idealerweise berechtigt) am Inhalt Anstoß nahm.

Von kompletten Netzforen und Blogkommentarsträngen mal abgesehen, die spannend zu lesen waren trotz und gerade wegen des Gezänkes darinnen. Denn es hat ja auch irgendwie Spaß gemacht, die eigene Weltsicht zu festigen, indem man im Schmutz wühlt oder selbst unfundiertes Zeugs verbreitet. (Highlight war für mich die heiße Phase der Netzpolitik, als es plötzlich Abgeordnetenwatch gab und man deutsche Top-Politiker*innen rösten konnte – bzw. “trollen” laut aufgeweichter Definition des Mitmachweb.)

Scheinwissenschaftliche Statistikspielereien und viertelwahre Fließtexte wider Zuwanderung, den Überwachungsstaat, Genfood und lbnl die Waldschlösschenbrücke werden auf Facebook oder Twitter inzwischen oft genug in den selben Topf geworfen wie Vergewaltigungsdrohungen und Mordfantasiewitzchen. Sie werden geblockt und gemeldet. Was gut wäre, wenn es nicht schlecht wäre. Das ist nämlich, um einen Popkultur-Vergleich zu bemühen, als würden sämtliche Weinstein-produzierte Filme verboten.

Wiederum: Es gilt das Hausrecht! Selbst schuld, wer für die Verbreitung ‘unliebsamer Meinungen’ auf enorme Socialwebseiten vertraut, die inzwischen nun wirklich kein Geheimwissen mehr sind. Denn dadurch ist Empörung vorprogrammiert.

Meinungsfreies Selbsthosting ist okay, wenn man denn eine wahrhaft unliebsame Idee verbreiten möchte. Aber genausowenig, wie ich gezwungen bin, Weinsteinproduktionen im Filmregal stehen zu haben, bin ich gezwungen, eklige Kommentare unter einem Blogartikel ungelöscht zu lassen.

Apropos: die fehlende bzw. erschwerte Möglichkeit des Backups des eigenen Socialweb-Accounts ist eine Zumutung. Schrottige Historyfunktionen inkl. Endlosscrolling tun ihr Übriges, um nun den Bannhammer des #NetzDG fürchten zu müssen.

Wer seit fast zwei Jahrzehnten im Internet auftritt, hat auf jeden Fall irgendwelche unschönen Aussagen verbreitet, denn das gehört zum Erwachsenwerden. Aber wer will schon ständig Seiten aus dem Tagebuch gerissen bekommen, weil Formulierungen jung und/oder dumm waren? Wenn man denn überhaupt noch weiß, was man da Anno 2009 spätnachts ins Internet abgelassen hat. Vor allem als, nun, sagen wir mal: als Mensch mit starker Meinung – oder als ehemaliger Edgelord.

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Kurze Wortmeldung

Hi!

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Schreibflussfahrt

Nach meinem desaströsen Offenbühnebeitrag radelten wir am Elberadweg heim und unterhielten uns dabei über meinen desaströsen Offenbühnebeitrag.

“Das war schlimm”, sagte sie. “Du hast nicht gepackt irgend etwas Neues aus dem totgerittenen Themenkomplex Reichsbürger/Pegidisten/Refugees zu destillieren. Die ganze Zeit über dachte ich: ‘Komm zum Punkt! Fang endlich an, zum Punkt zu kommen!’ Und dein Vortragsstil war fürchterlich unbeholfen.”

Ich nickte. “Fürchterlich, klar. Ich wusste vorher, dass ich es nicht packe, vor aller Augen aus Notizen einen zusammenhängenden, runden Text zu liefern.“

“Wenn du’s vorher wusstest, wieso hast du’s dennoch versucht?”

Erster Grund: Ich tat es, um mich fürs Aufschieben zu bestrafen und dennoch Bühnenpräsenz zu zeigen. Ich kenne meinen Freisprechstil und vergeigte in Schule und Studium so ziemlich jeden stichpunktebasierten Vortrag wie im Schlaf. Bestenfalls wäre es dieses Mal besser gelaufen als gedacht und ich hätte sozusagen eine neue Fähigkeit freigespielt.

Zweiter Grund: Das Dresdner Offenebühnepublikum ist sehr geduldig. Es beklatscht selbst noch den fremdscham-induzierendsten Auftritt in der Hoffnung, dass die darauffolgende Singersongwriterin ihr Handwerk beherrscht. Was also liegt näher, als allen ebenfalls mal mindestens genauso die Nerven zu strapazieren wie es das meine hassliebsten Alleinunterhalter taten und tun?

“Du meinst beispielsweise wie Andy Kaufman?”, fragte sie und ich sagte “Ja, jein, also…” und währenddessen unterquerten wir die Waldschlösschenbrücke.

Also klar, eher ja. Kaufman hätte es besser gekonnt und hat es stattdessen darauf angelegt, das Publikum zu entnerven. Während ich meine Texte eben lieber am Computer in Form bringe. Mit Drei-Akt-Struktur, Callbacks und allem Drum und Dran.

Aber ich weiß auch nicht genau, ob sich Kaufman Selbstbestätigung daraus zog oder Selbstbestrafung. Mag sein beides. Fremdscham ist jedenfalls eine mächtige Droge und witzigerweise kann man sich ja auch während der eigenen Bühnenpräsenz für sich fremdschämen.

Vor allem habe ich noch immer nicht herausgefunden, ob es besser ist, den Privatwitz eines absichtlich schlechten Auftrittes öffentlich zu machen oder doch lieber das Publikum im Glauben zu lassen, man sei ein unironisch-peinlicher Act.

Humor ist komplex, ich sollte wohl endlich mal diesen Aufsatz von Freud darüber lesen.

Wir wurden langsamer, hielten, stiegen ab, schoben übers grobe Kopfsteinpflaster. Der Weg von der Waldschlösschenbrücke bis hierher war unglaubwürdig kurz gewesen aufgrund einiger weggefallener Absätze, und dieser Teil des Radweges war berühmtberüchtigt horribel. Ein Jogger mit Stirnlampe kam uns entgegen.

Wie nebenbei spuckte sie ihren Kaugummi die Böschung hinab ins Elbhochwasser. “Wieso fahren wir eigentlich Rad während unseres imaginären Gespräches? Benutzt du mich und den Kaugummi als dramaturgische Mittel?”

Ich fühlte mich ertappt, hatte keine brauchbare Antwort. Hätte ich all das weglassen sollen? Aber dann wäre das hier nur ein Monolog über Bühnenpräsenz, also wiederum nur Gelaber und Nabelschau und schlecht versteckte Therapiesitzung.

Also musste ich Zeit schinden, während ich versuchte, mich aus dem absichtlich betretenen Sumpf zu ziehen und diesen Offenbühnebeitrag zu einem befriedigenden Abschluss zu bringen.

“Und was meintest du vorhin mit “heim”? Heim zu wem?” Ein skeptischer Seitenblick von ihr, während unsere Fahrräder klimperten und klapperten.

“Na, jeweils zu uns. Am Körnerplatz biege ich aufs Blaue Wunder ab und du fährst die Grundstraße hoch. Was dachtest du?” Meine Stimme blieb neutralstmöglich, während ich im Geschriebenen herumscrollte, um ein schussbereites Tschechowgewehr zu finden.

“Du könntest mich übrigens genausogut fragen, wieso du eine namenlose “sie” bist”, lieferte ich ihr nach einigem Nachdenken pseudoversehentlich eine Steilvorlage.

“Nun, ich schätze mal, weil du mit einem ‘er’ während der gesamten Radfahrt über Pegida, Refugeekritiker und Reichsbürger abgelästert hättest. Schließlich treibst du dich zu Recherchezwecken in diversen einschlägigen Facebookgruppen herum und besprichst die Fundstücke mit den männlichen Mitinsassen deiner Filterblase.”

“Zugegeben, ja.”

“Und dann hättest du nichts von dieser Radfahrt als einen weiteren Haufen Tweets und halbgare lustige Einfälle und unzusammenhängende Notizen. Und dann ist ein weiterer Monat ‘rum und es naht dein längst zugesagter Offenbühneauftritt, für den du dir aber wieder nichts Handfestes vorbereitet hast, weil du sicher warst, du sei’st derart tief im Thema drin und hättest so viele lustige Einfälle, dass daraus problemlos ein zusammenhängender, runder Text wird, sobald du vor Menschen stehst. Kurzum: unser Gespräch hilft dir einigermaßen, dich für heute aus dem Sumpf zu ziehen.”

“Das stimmt schon, hm… Schlimmstenfalls ist das Ergebnis auf einem anderen Level nervig, was ich ja wiederum stets mit einpreise. Also, ich meine, dass mein Text allzu verwirrend ist. Und schon ist’s wieder Konzeptkunst und geht klar. Oder?”

“Mag sein. Kommt darauf an, was du erreichen willst. Willst du politische Satire mit lustigen Twists liefern, willst du zu den Bekehrten predigen? Oder steht dir der Sinn eher nach publikumsverärgernder Anti-Comedy? Für Letzteres haben die Leute hier vermutlich ein zu dickes Fell oder aber sind zu lieb, oder zu unbedarft.”

“Hm. So gesehen…”

“Und was würdest du letzten Endes erreichen wollen? Was wäre dein größtmöglicher Erfolg? Eine nervöse Abmoderation? Oder dass dir jemand ein Weinglas an den Kopf wirft?”

“Kein Plan ehrlich gesagt.”

“Das weiß ich.” Sie stieg auf ihr Fahrrad und ich auf meins und wir unterhielten uns noch bis zum Körnerplatz und dort bis zum Sonnenaufgang über Slamtextedramaturgie.

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Ausbund

Jobangebote mit lächelnder Stockfotografie sind praktisch immer Schrott. In echt sieht dann z.B. das Großraumbüro aus wie diese shitty Kleinstanlegerbude aus WOLF OF WALL STREET – nur mit mehr verlebten Muttis, die das Ende ihrer Tage fristen und die sich den Arbeitsplatz mit Motivationssprüchen und Familienfotos dekoriert haben.

All der überwundengeglaubte “Fuck the System!”-Hass brandet bei diesem Anblick und dem Geräusch plappernder Mäuler hoch. Das sind so Orte, wo man überlegt, ob es nicht besser wäre, wenn Menschen nach der Fortpflanzung sterben würden wie Insekten.

Denn dort sitzen wortwörtlich reihenweise Menschen, die ihr bisserl Lebensunterhalt damit verdienen, anderen Menschen unnützen Kram aufzudrehen. “Muss ja” als Aufhänger am Berufsbild. Tagträume vom persönlichen Headset. Feierabends, stell’ ich mir vor, fahren sie heim und lassen sich am Telefon von den Kolleg_innen das verdiente Geld aus der Tasche ziehen.

Es gilt hier jedenfalls, die Probezeit rechtzeitig abzubrechen. Bevor man beginnt, mit dem Bösewicht mitzufiebern. Und solange man noch hofft, die Leute legen allesamt kommentarlos auf und die Branche erstickt an wertlosen Datensätzen.

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  • Gruselgrotte (Symbolbild)
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